ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2006150. Geburtstag von Sigmund Freud: „Entwickeltes Spiel“

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150. Geburtstag von Sigmund Freud: „Entwickeltes Spiel“

Goddemeier, Christof

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Foto: picture-alliance/akg-images
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Freuds 1905 erschienene Schrift „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ lieferte wichtiges Material für sein theoretisches Gebäude.

Ein einziges analytisches Wort, auch zum Lobe, kann den vortrefflichsten witzigen Einfall, dessen Flamme nun erst wärmen sollte, nachdem sie geglänzt hat, unmittelbar löschen“ – so beschrieb Friedrich Schlegel bereits rund hundert Jahre vor Sigmund Freuds Schrift treffend, dass ein Witz durch die Analyse meistens Schaden nimmt. Wenn Freud aus Ludovic Dugas’ „Psychologie du rire“ (1902) zitiert: „(. . .) es wäre vielleicht das Beste, wenn man einfach lacht und nicht herauszufinden versucht, warum man lacht (. . .)“, ist er sich dieses Dilemmas durchaus bewusst. Doch sein „Tyrann“, die Psychologie, treibt ihn, das analytische Werkzeug auch auf den Witz anzuwenden. Handlungsleitend ist dabei die Annahme, dass der Zusammenhang alles Seelischen „einer (. . .) Erkenntnis auch auf einem entlegenen Gebiet einen im vorhinein nicht abschätzbaren Wert für andere Gebiete zusichert“.
Schon bei der Arbeit an der „Traumdeutung“ ist Freud aufgefallen, dass Träume oft witzig sind. So liegt es nahe, in einer eigenen Schrift Gemeinsames und Trennendes von Traum und Witz herauszuarbeiten. Dabei gesteht Freud gern ein, dass sein Unternehmen große Vorläufer hat; doch sind ihre Untersuchungen fragmentarisch geblieben. In seinem Buch über den Witz fügt Freud sie zusammen zu einem Ganzen, zu einer Theorie.
Analog der „Traumarbeit“, die aus den „latenten Traumgedanken“ den „manifesten Trauminhalt“ macht, spricht Freud von „Witzarbeit“ und benennt als augenfälligste Gemeinsamkeit die Verdichtung. Aber auch Verschiebung, Denkfehler, Widersinn, indirekte Darstellung und Darstellung durchs Gegenteil finden sich gleichermaßen in Witz und Traum. „Harmlose“ Witze dienen allein der Absicht, Lust zu erzeugen; „tendenziöse“ Witze verfolgen darüber hinaus eine bestimmte Absicht. Doch Freud zufolge ist eigentlich nur der Scherz tendenzlos. Demgegenüber will jeder Witz einen Gedanken durch Vergrößerung fördern und ihn gegen Kritik sichern. Hier zeigt sich „seine ursprüngliche Natur, indem er sich einer hemmenden und einschränkenden Macht, nun dem kritischen Urteil, entgegenstellt“. So sind Witze zum einen schlaue und hartnäckige Kritiker, die die Zensur überrumpeln, zum andern Aggressionen, oft mit erotischem Anteil. Freud sieht durch die „Verdrängungsarbeit der Kultur“ primäre Genussmöglichkeiten verloren gehen. Hier ist der tendenziöse Witz eine Möglichkeit, „den Verzicht rückgängig zu machen, das Verlorene wiederzugewinnen“. Der Hörer empfindet Lust, weil er sich psychischen Aufwand erspart hat – in Form von Hemmung, Unterdrückung oder Verdrängung. Dieser frei gewordene „Betrag von psychischer Energie“ erfährt durch das Lachen eine Abfuhr, der Hörer lacht diesen Betrag sozusagen ab.
Aufgabe des Traums ist nach Freud vor allem, die widerstrebende Kraft der im Wachzustand herrschenden, im Schlaf nicht völlig aufgehobenen „Zensur“ zu überwinden. Diese Aufgabe löst er, indem er die psychische Energie des unbewussten, Traum bildenden Wunsches innerhalb des Traummaterials „verschiebt“. Im Unterschied dazu macht der Witz keine Kompromisse, „er weicht der Hemmung nicht aus (. . .)“. So kann er auch eine Waffe gegen Machthaber sein. Während der Traum ein „asoziales seelisches Produkt“ ist, das einem anderen nichts mitteilt, erfordert der Witz zwingend die Mitteilung, den Hörer, und ist damit die „sozialste aller auf Lustgewinn zielenden seelischen Leistungen (. . .), ein entwickeltes Spiel“. Der Traum dient vor allem der „Unlustersparnis“, der Witz dagegen dem „Lusterwerb“.
Für Freud sind Witze Beiträge „zur Komik aus dem Reich des Unbewussten“. Beide verhalten sich jedoch sozial unterschiedlich: Während der Witz ohne Adressaten nicht vorstellbar ist, fügt die Mitteilung einem komischen Vorgang nichts Neues hinzu. Zudem wird der Witz (wie der Traum) gemacht, die Komik dagegen gefunden. Mittels Komik, Witz und Humor, dem Freud 1927 eine eigene kleine Schrift widmet, suchen wir uns letztlich in die Stimmung unserer Kindheit zu versetzen, „in der wir das Komische nicht kannten, des Witzes nicht fähig waren und den Humor nicht brauchten, um uns im Leben glücklich zu fühlen“.

Anregung zum Schmunzeln
Freuds Schrift über den Witz verfolgt kein so ehrgeiziges Ziel wie die „Traumdeutung“, die ein Fundament für eine allgemeine Theorie der Menschenseele darstellt. Dennoch hoffte er, dass dieses Werk theoretisch ähnlich ertragreich sein werde wie die „Traumdeutung“. Mit Sicherheit gehört das Buch über den Witz nicht zu seinen bekanntesten Schriften. Manches aus dem theoretischen Teil mutet heute mechanistisch an und liest sich zuweilen etwas spröde. Doch enthält das Buch eine Reihe feiner und grober Witze, welche die Leser auch heute noch mindestens schmunzeln lassen. Zudem wird deutlich, dass diese Witze Freud neben „charmanter Lustigkeit“ und Entspannung wichtiges Material für sein theoretisches Gebäude lieferten.
Christof Goddemeier

Literatur
Freud S: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten, Der Humor, Einleitung von P. Gay, Frankfurt am Main 1998.
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