ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2006Gesundheitsbewusstsein von Psychotherapeuten: Beruf mit vielen Belastungen

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Gesundheitsbewusstsein von Psychotherapeuten: Beruf mit vielen Belastungen

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Psychotherapeuten achten weniger auf ihre Gesundheit als die Allgemeinbevölkerung. Sie suchen seltener einen Arzt auf und schätzen ihren Gesundheitszustand schlechter ein.

Ein Team Leipziger und Dresdner Psychologen hat eine Umfrage zum Thema „Gesundheit“ unter 343 weiblichen und 137 männlichen Psychologischen Psychotherapeuten durchgeführt. Die Teilnehmer waren zwischen 29 und 84 Jahre alt. 13 Prozent boten Psychoanalyse, 32 Prozent tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und 55 Prozent Verhaltenstherapie an. Die Befragten waren in Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Thüringen niedergelassen.
90 Prozent der Befragten schätzte den eigenen Gesundheitszustand als „sehr gut“ bis „zufriedenstellend“ ein. Nur zehn Prozent berichteten über einen „weniger guten“ oder „schlechten“ Gesundheitszustand.
Die teilnehmenden Psychotherapeuten hatten im vergangenen Jahr durchschnittlich 2,6-mal (Spanne: null bis 53) wegen Beschwerden und Erkrankungen einen Arzt aufgesucht. Im Durchschnitt waren die Befragten 2,7 Tage (Spanne: null bis 183 Tage) im selben Zeitraum arbeitsunfähig. Ältere Psychotherapeuten (über 46 Jahre) waren häufiger beim Arzt und nahmen mehr Medikamente ein als jüngere Kollegen. 75 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass sie selbst „viel“ bis „sehr viel“ für die eigene Gesundheit tun können.
Die Achtsamkeit für die eigene Gesundheit zeigte sich darin, dass 76 Prozent ausreichend schliefen. 58 Prozent nahmen „täglich“ regelmäßige Mahlzeiten zu sich. 40 Prozent trieben zweimal wöchentlich und öfter Sport, 30 Prozent einmal wöchentlich, 25 Prozent gelegentlich und nur fünf Prozent nie. 46 Prozent der Befragten hatten nie geraucht, 36 Prozent rauchten nicht mehr, 18 Prozent hingegen rauchten. 18 Prozent verzichteten ganz auf Alkohol. Von den 82 Prozent, die Alkohol zu sich nahmen, hatte die Mehrzahl einen moderaten Konsum.
Zwischen den Geschlechtern, der Praxisniederlassung nach Bundesländern (West/Ost) und den Psychotherapieschulen ergaben sich kaum nennenswerte Unterschiede. Die befragten Psychotherapeuten unterschieden sich jedoch in einigen Punkten von der Allgemeinbevölkerung.
So zeigten Vergleiche zwischen repräsentativen Bevölkerungsdaten und den Teilnehmern, dass Psychotherapeuten
- trotz eines sorgsamen Umgangs mit der Gesundheit weniger auf ihre Gesundheit achten als die Allgemeinbevölkerung,
- seltener einen Arzt aufsuchen und weniger Arbeitsunfähigkeitstage angeben als die Allgemeinbevölkerung,
- ihren Gesundheitszustand schlechter einschätzten als die Allgemeinbevölkerung.
Die Unterschiede fielen zwar signifikant, aber relativ gering aus. Einschränkend ist außerdem anzumerken, dass die Stichproben nur in wenigen Punkten vergleichbar waren. Die Wissenschaftler führen diese Befunde auf die zahlreichen gesundheitsrelevanten psychischen, existenziellen und physischen Belastungen zurück, die mit dem Psychotherapeutenberuf verbunden sind.
Psychische Belastungen sind zum Beispiel:
- die alltägliche Konfrontation mit im therapeutischen Prozess zutage tretenden belastenden Affekten, Impulsen, Wünschen und Beziehungskonstellationen,
- der alltägliche Umgang mit psychisch kranken Menschen,
- die fehlende soziale Stimulation infolge sozial isolierten Arbeitens.
Existenzielle Belastungen sind zum Beispiel:
- schlechte Honorierung,
- Erschwerung der Identitätsbildung der eigenen Berufsgruppe durch innere (zum Beispiel Konkurrenz zwischen Therapieschulen) und äußere Faktoren (Konkurrenz zu anderen Heilberufen),
- Risiken der Selbstständigkeit.
Zu den körperlichen Belastungen zählt die überwiegend sitzende Körperhaltung.
Die schlechtere subjektive Gesundheitseinschätzung steht nach Meinung der Wissenschaftler auch in Zusammenhang mit spezifischen, gesundheitsrelevanten Besonderheiten der „Psychotherapeutenpersönlichkeit“, wie erhöhte Sensibilität, Verletzlichkeit und Bedürftigkeit. Die Befunde gliedern sich ein in eine Reihe anderer Beobachtungen, wonach die sogenannten Helferberufe verschiedene Gesundheitsrisiken bergen. Sie korrespondieren zudem mit Daten zur Häufigkeit von Körperbeschwerden, die im Rahmen dieser Studie erhoben wurden. „Danach berichten Psychotherapeuten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung qualitativ mehr von Beschwerden des Bereichs Erschöpfung“, so die Autoren.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
Hessel A, Geyer M, Weidner K, Brähler E: Subjektive Einschätzung der eigenen Gesundheit und relevantes Verhalten bei niedergelassenen psychologischen Psychotherapeuten. Psychotherapeut 2006; 4: 290–9.
Priv.-Doz. Dr. Aike Hessel, Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, Universität Leipzig, Karl-Tauchnitz-Straße 25, 04107 Leipzig, E-Mail: aikeh@web.de
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