ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2006Psychologische Berichte und Gutachten: Missverständnisse vorprogrammiert

WISSENSCHAFT

Psychologische Berichte und Gutachten: Missverständnisse vorprogrammiert

PP 5, Ausgabe November 2006, Seite 511

Sonnenmoser, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die wenigsten psychologischen Gutachten sind auch für Laien verständlich geschrieben. Sie sind überfrachtet mit Fachbegriffen, es mangelt an Definitionen, schlüssigen Interpretationen und hilfreichen Empfehlungen.

Psychologische Berichte und Gutachten werden geschrieben, um psychische Komplikationen verständlich zu machen und um Interventionen zu vermitteln. Da sich die Leserschaft nicht nur auf Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten beschränkt, sondern ebenso Juristen, Ärzte, Lehrer, Erzieher und Eltern umfasst, ist zu erwarten, dass Gutachten möglichst verständlich und übersichtlich verfasst sind. Die meisten Gutachten kommen dieser Erwartung jedoch nicht nach – im Gegenteil. Sie sind lang und umständlich geschrieben. Sie sind überladen mit Statistiken und Fachbegriffen, und es mangelt ihnen an Definitionen, Erklärungen, schlüssigen Interpretationen und hilfreichen Empfehlungen.
Die Psychologin Virginia Smith Harvey von der University of Massachusetts-Boston nennt vier Gründe für diese Diskrepanz:
Erstens fehlen brauchbare Textvorbilder. Smith Harvey wertete mithilfe eines Computerprogramms zur Analyse des Schwierigkeitsgrads von Texten 60 psychologische Gutachten und Berichte aus Lehrbüchern aus, die zur Ausbildung von Psychologen herangezogen werden. 22 Berichte stammten aus dem neuropsychologischen, klinischen und forensischen Bereich und richteten sich an Ärzte, Juristen und klinische Psychologen. 38 Berichte hatten psychoedukationalen Charakter und waren für Eltern und Lehrer geschrieben. Ein Vergleich ergab, dass die psychoedukativen Berichte geringfügig leichter verständlich waren als die anderen Berichte. Alles in allem ordnete das Programm jedoch sämtliche Texte dem Level „sehr schwierig“ zu, weil sie hohe Lesefertigkeiten und ein ausgeprägtes Textverständnis erforderten. Kein einziger Text erreichte ein Level von leichter bis mittlerer Schwierigkeit und hoher Verständlichkeit, wie sie für psychologische Gutachten empfohlen werden.
Zweitens sind psychologische Begriffe nicht immer klar definiert und werden unterschiedlich gebraucht. Ein Beispiel ist der Begriff „durchschnittliche Intelligenz“. Um zu prüfen, was Psychologen darunter verstehen, befragte Smith Harvey 208 Mitglieder der American Psychological Association (APA), darunter niedergelassene Psychologen, Hochschuldozenten, Schulpsychologen und klinische Psychologen. Wie sich herausstellte, gab es unter den Psychologen keine Standarddefinition. 67 Prozent der Befragten beschrieben durchschnittliche Intelligenz anhand von Punkten in einem Range von 90 bis 100 gemäß Wechsler- und Stanford-Binet-Intelligenztests. Die restlichen gaben Ranges zwischen 70 bis 130 an, oder sie nannten Begriffe wie „nicht retardiert“ und „durchschnittliche Schulleistungen“.
Drittens erfordert das Verfassen leicht verständlicher Berichte viel Zeit. Berufsanfänger benötigen durchschnittlich sechs bis acht Stunden, um einen Bericht zu schreiben, erfahrene Psychologen benötigen drei und mehr Stunden. Besonders zeitaufwendig ist es, einen fertigen Bericht zu überarbeiten, um seine Verständlichkeit zu erhöhen. Die Zeit, die Psychologen zum Berichteschreiben benötigen, ist jedoch in ihrem Zeitkontingent meist nicht vorgesehen. Daher sitzen viele Psychologen am Wochenende oder abends daran und opfern ihre Freizeit. Wie eine Befragung von 272 Schulpsychologen durch Smith Harvey zeigte, schrieben 33 Prozent der Befragten wöchentlich Berichte und Gutachten, 89 Prozent verfassten mindestens einmal pro Monat einen Bericht. Das Schreiben von Berichten stellt damit eine häufige, aber auch unbeliebte Tätigkeit dar. 49 Prozent empfanden Schreibarbeiten als Belastung und Zeitverschwendung. Sie würden gern weniger Zeit damit verbringen und die gewonnene Zeit ihren Patienten widmen. Der Stress, den der enorme Zeitaufwand für das Berichteschreiben bei den Befragten auslöste, wurden durch fehlende Hilfen noch verstärkt. Wie sich zeigte, hatten 76 Prozent keine Schreibkraft, 70 Prozent benutzten keine Software mit Musterformularen, und 30 Prozent verfügten über keine Testauswertungssoftware. Als Entlastung wurde hingegen die Nutzung eines Laptops und entsprechender Software und die Unterstützung durch eine Schreibkraft genannt. „Viele Psychologen haben einfach keine Zeit, sich auch noch um größtmögliche Verständlichkeit ihrer Berichte zu bemühen“, so Smith Harvey.
An verschiedene Sprachniveaus anpassen
Viertens sind Psychologen meistens nicht darin geschult, für verschiedene Zielgruppen zu schreiben. Zu diesen Zielgruppen zählen Berufskollegen, Ärzte, Juristen, Schulleiter, Polizisten, Lehrer, Eltern und Patienten. Sie weisen große Unterschiede in Ausbildung und Sprachvermögen aus. Daher sind zum Beispiel viele Eltern mit Haupt- oder Realschulabschluss überfordert mit akademischer Sprache und Fachausdrücken. Damit auch sie psychologische Berichte verstehen und umsetzen können, ist es notwendig, dass das Sprachniveau an ihre Möglichkeiten angepasst wird. Diese Fähigkeit erlernen Psychologen jedoch nicht während des Studiums, und später meistens auch nicht.
Nach Smith Harvey bergen unverständliche psychologische Berichte die Gefahr, dass sie ignoriert, missverstanden oder falsch umgesetzt werden. Berichte und Gutachten hingegen, die leserfreundlich und zielgruppenorientiert geschrieben sind, erhöhen Motivation, Compliance und Kontrollvermögen aller Beteiligten. Merkmale solcher Berichte sind:
- weitgehender Verzicht auf Fachjargon, stattdessen Umgangssprache
- Erklärung aller Fachausdrücke, die benutzt werden
- Definition benutzter Begriffe
- Anpassung des Sprachniveaus an die jeweiligen Leser
- kurze Sätze
- wenig Fremdwörter
- wenig Abkürzungen
- wenig passive Verben
- einfache Beispiele
- nachvollziehbare Interpretationen
- hilfreiche Lösungen und Empfehlungen.
Förderlich für die Motivation, insbesondere der Patienten, ist außerdem ein ausgewogenes Verhältnis zwischen pathologischen und positiven Aspekten. Testergebnisse und ein medizinisches Verständnis verführen in der Regel dazu, nur Mängel und Schwächen zu erwähnen, Stärken und Ressourcen jedoch zu übersehen.
Adressaten involvieren
Die Lesbarkeit psychologischer Berichte kann erhöht werden, indem die Adressaten involviert werden. Die Zusammenarbeit könnte unter anderem vorsehen, dass Adressaten Berichtsentwürfe lesen und kommentieren. Außerdem sollten die Adressaten ausdrücklich um Rückmeldung gebeten und zu Fragen ermuntert werden. Die optimale Länge psychologischer Berichte und Gutachten variiert entsprechend ihrer Funktion. Ein Kurzbericht könnte demnach ein bis drei Seiten umfassen, ein Standardbericht zwei bis zehn Seiten und eine ausführliche Version zehn bis 50 Seiten. Ein durchschnittlicher Bericht umfasst übrigens fünf bis sieben Seiten.
Vor- und Nachteile computer-gestützter Interpretationen
Vor der Einbindung computergestützter Testergebnisse und Interpretationen in Berichte und Gutachten müssen nach Ansicht von Elisabeth Lichtenberger, Psychologin an der Alliant International University in San Diego, die Vor- und Nachteile genau abgewogen werden:
Die Vorteile liegen unter anderem in hoher Messgenauigkeit, anschaulichen Darstellungen und Textvorschlägen. Nachteilig wirkt sich hingegen die mangelnde Validierung vieler Tests, die Notwendigkeit häufiger Updates sowie mangelnde Anwendungserfahrung aus. Viele Programme produzieren zudem sehr große Textmengen, ohne dass dabei die Ergebnisse gewichtet werden. Darüber hinaus liefern Computerprogramme keine Informationen über situative und nonverbale Aspekte. Lichtenberger rät aus diesen Gründen allen Anwendern dazu, sich gründlich schulen zu lassen. „Jedes Programm ist nur so gut wie sein Nutzer“, meint Lichtenberger. Sie warnt außerdem davor, computergenerierte Berichtteile komplett zu übernehmen oder sich auf Testergebnisse aus dem Computer blind zu verlassen. Stattdessen fordert sie dazu auf, jede Zahl und jeden Satz, den der Computer produziert, zu hinterfragen und zu prüfen, ob es möglicherweise andere Hypothesen oder Erklärungen für Symptome gibt. Darüber hinaus müssen in eine Diagnosestellung neben Computerergebnissen auch stets weitere Faktoren einbezogen werden, wie beispielsweise Verhaltensbeobachtungen, Krankengeschichte sowie ergänzende Testdaten. In einem lesbaren und verständlichen Bericht sollten laut Lichtenberger nur aussagekräftige Ergebnisse präsentiert werden, die vom Berichteschreiber sorgfältig ausgewählt und begründet werden. Sie können durch computergenerierte Tabellen, Testergebnisse und Grafiken veranschaulicht werden. Nicht unerwähnt bleiben muss, dass die Validität vieler Tests ungeprüft ist. Daher sollten Formulierungen einen relativierenden Charakter haben. Computergenerierte Testergebnisse sollten zudem nie isoliert, sondern in einem Gesamtzusammenhang stehen und dementsprechend kommentiert und gedeutet werden.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
 1. Boerner K: Das psychologische Gutachten. Weinheim: Beltz 2004.
 2. Butcher JN, Perry J, Hahn J: Computers in clinical assessment: Historical developments, present status, and future challenges. Journal of Clinical Psychology 2006; 3: 331–45.
 3. Groth-Marnat G: Handbook of psychological assessment. New York: Wiley 2003.
 4. Groth-Marnat G, Horvath LS: The psychological report: A review of current controversies. Journal of Clinical Psychology 2006; 1: 73–81.
 5. Lichtenberger EO: Computer utilization and clinical judgment in psychological assessment reports. Journal of Clinical Psychology 2006; 1: 19–32.
 6. Lichtenberger EO, Mather N, Kaufman NL, Kaufman AS: Essentials of assessment report writing. New York: Wiley 2004.
 7. Ownby RL: Psychological reports: A guide to report writing in professional psychology. New York: Wiley 1997.
 8. Smith Harvey V: Improving readability of psychological reports. Professional Psychology: Research and Practice 1997; 3: 271–4.
 9. Smith Harvey V: Variables affecting the clarity of psychological reports. Journal of Clinical Psychology 2006; 1: 5–18.
10. Tallent N: Psychological report writing. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall 1993.
11. Westhoff K, Kluck ML: Psychologische Gutachten schreiben. Berlin: Springer 2003.

Kontakt:
Virginia Smith Harvey, Graduate College of Education, University of Massachusetts Boston, 100 Morrissey Blvd., Boston, MA 0 21 25-33 93, E-Mail:
virginia.harvey @umb.edu

Elisabeth O. Lichtenberger, E-Mail:drlichtenberger @aol.com
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema