ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2006Internetrecherche zu Kriseninterventionen: Differierende Selbstverständnisse

WISSENSCHAFT

Internetrecherche zu Kriseninterventionen: Differierende Selbstverständnisse

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LNSLNS Ausgewählte Webseiten zu Kriseninterventionen aus der medizinischen und psychologischen Notfallhilfe und der Suizidprävention.

Krisenintervention als Hilfsangebot ist vielgestaltig und wird in unterschiedlichsten Diens-ten mit differierenden Aufträgen und Selbstverständnissen durchgeführt. Die Gründe dafür liegen zum einen in dem Trend zur Diversifikation im Gesundheitssystem, zum anderen an den verschiedenen Wurzeln der Krisenintervention, wie zum Beispiel Notfallmedizin, Suizidprävention oder der gemeindenahen Psychiatrie durch ihre Entwicklung in Richtung Enthospitalisierung (1). Die weite Verzweigung des Feldes der Krisenintervention zieht ebenso nach sich, dass ein einziger Krisenanlass unterschiedliche Thematisierungsorte findet, wie zum Beispiel die Vergewaltigung im feministischen Kontext, in der Psychotraumatologie, der Gynäkologie. Der Umstand der Krisenintervention als nicht geschlossenes Gebiet spiegelt sich auch in der Vielfalt der Internetangebote wider. Es finden sich Webseiten von Einrichtungen, die Krisenhilfe anbieten und ihre Arbeit vorstellen. Es existieren fachliche Informationen für Angehörige unterschiedlichster Disziplinen, die im Rahmen ihres Berufsalltags Krisenintervention leisten. Darüber hinaus werden auch Ressourcen angeboten für verschiedene Berufsgruppen bezüglich des Umgangs mit eigenen Krisen, die durch diese Krisenarbeit entstehen. Das Internet leistet zudem für Betroffene in akuten Krisen konkrete Hilfe durch Beratungsangebote über dieses Medium.
www.frauennotruf-aachen.de
www.frauennotruf-aachen.de
Einrichtungen mit Kriseninterventionsangeboten
Krisenmanagement – ob nun bei medizinischen Notfällen, im Rahmen von Großschadensereignissen oder bei psychosozialen Anlässen – wird von verschiedenen Berufsgruppen (Notfallmedizin, Rettungsdiensten, Polizei, Seelsorge, Psychologen et cetera) geleistet; in vielen Fällen wird auch multidisziplinär interveniert. Im Internet dominieren Angebote von Einrichtungen, die sich auf Krisenintervention spezialisiert haben und ihr Angebot und ihre Arbeit im Krisenfall vorstellen. So existieren beispielsweise Hilfsdienste, die bei bestimmten Krisenanlässen aktiv werden und ihre Tätigkeit fokussiert auf diesen Anlass beschreiben. So zum Beispiel Notfallseelsorger (www.notfallseelsorge.de) für die psychische Betreuung von Opfern nach Unfällen. Auf der Homepage findet sich ebenso eine Linksammlung zu weiteren internationalen und deutschlandweiten Notfallseelsorge- und Kriseninterventionssystemen. Auch das Institut für psychologische Unfallnachsorge in Köln (www.unfallnachsorge.de) engagiert sich in diesem Bereich.
Andere Organisationen definieren ihre Krisenarbeit über bestimmte Zielgruppen, für die sie sich zuständig fühlen, so zum Beispiel das Frauenkrisentelefon e.V. für Frauen in jeglicher Krise (www.frauenkri sentelefon.de). Das beinhaltet unter anderem eine kostenlose E-Mail- und Chatberatung. Die BIG-Hotline kann bei häuslicher Gewalt gegen Frauen genutzt werden (www.big-hotline.de). Der Verein Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen – Frauen gegen Gewalt e.V. hilft Frauen nach sexueller Gewalterfahrung (www.notruf-koeln.de).
Weitere Einrichtungen spezialisieren sich auf eine bestimmte Manifestation der Krise, wie zum Beispiel akute Suizidalität. Die Arbeitskreise Leben (AKL) in Baden-Württemberg (www.ak-leben.de) oder die Krisenhilfe Münster (www.muenster. org/krisenhilfe), getragen vom Verein für Suizidprophylaxe und Krisenbegleitung Münster e.V., stellen ihre diesbezügliche Arbeit ausführlich im Internet vor.
www.notfall-krisen-team.de
www.notfall-krisen-team.de
Viele der im Internet recherchierbaren Dienste, die Krisenintervention anbieten, fassen den Krisenbegriff als Grundlage ihrer Arbeit weiter und leisten somit Erste Hilfe bei unterschiedlichen Krisenanlässen und betroffenen Personen. Typisch dafür sind Krisendienste des Rettungsdienstes, zum Beispiel des Deutschen Roten Kreuzes (www.drk.de), die regional organisiert sind und deren ehrenamtliche Mitarbeiter aus verschiedenen Berufsgruppen stammen, für ihre Tätigkeit jedoch speziell geschult sind. Weitere Beispiele für solche Krisendienste sind das Notfall-Krisen-Team, ein Kriseninterventionsdienst in Baden-Württemberg (www.notfall-krisen-team. de), der Kriseninterventionsdienst der Stuttgarter Johanniter (www.kit-stuttgart.de) oder das Projekt „Krisenintervention im Rettungsdienst München“ (www.krisenintervention-muenchen.de), das ein strukturiertes Interventionsangebot in akuten, potenziell traumatischen Situationen leistet. Die Einsatzindikatoren sieht diese Einrichtung unter anderem bei der Überbringung von Todesnachrichten in Zusammenarbeit mit der Polizei, bei Opfern von Geiselnahmen oder bei Fahrpersonal der öffentlichen Verkehrsmittel nach Personenunfall. Auf den Webseiten finden sich auch Einsatzberichte von Mitarbeitern, die ihre Arbeit illustrieren. Auch auf privaten Homepages finden sich persönliche Erfahrungsberichte, so zum Beispiel von Oliver Junker, Notfallbetreuer der Krisen-intervention im Rettungsdienst, Landberg (www. oliverjunker.de/Krisenin tervention/kriseninterven tion.html).
Die Krisenintervention Leistenden finden im Internet zudem auch fachliche Informationen. So erläutert zum Beispiel der Arbeitskreis Krisenintervention e.V. (www. arbeitskreis-kriseninter vention.de) den wissenschaftlichen Hintergrund der Krisenintervention. In der Notfallmedizin Tätige können sich online in Grundlagen der „Psychotraumatologie, Krisenintervention und Stressbewältigung“ einlesen (www.krisenintervention-muenchen.de/psycho). Die Forschungsgruppe Notfallpsychologie der Universität Dortmund liefert unter anderem „Regeln zur Psychischen Ersten Hilfe bei Unfällen für Laien“ oder „Regeln für das Überbringen einer Todesnachricht“ (http://psychologie.fb14.uni-dortmund.de; Rubrik „Arbeitseinheiten“, „weitere Arbeitsbereiche“).
Umgang mit Suizidabsicht
Beim Bundesverband verwaister Eltern in Deutschland e.V. finden in der Notfallseelsorge Tätige auf den Themenseiten Hinweise für die Begegnung mit Eltern und Geschwis-tern beim plötzlichen Tod eines Kindes (www.veid.de).
Psychologen können sich zum Beispiel über Strategien und Techniken im Umgang mit Selbsttötungsabsichten oder übliche Fehler und riskante Interventionen durch Auszüge aus dem Buch „Suizid. Therapeutische Interventionen bei Selbsttötungsabsichten“ (Dorrmann, 2002) informieren (www.members. aol.com/suicidepsy/suizbuch.htm).
Auch Termine von Fortbildungsveranstaltungen können von Interessierten im Netz abgerufen werden. Der Notfallpsychologische Dienst Österreich des Berufsverbandes der österreichischen Psychologinnen und Psychologen (BÖP) (www.notfallpsychologie.at) stellt auf seinen Seiten das Curriculum der Ausbildung zum Notfallpsychologen vor, was in Deutschland die Fachgruppe Notfallpsychologie in der Sektion Klinische Psychologie des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) (www.bdp-klinische-psychologie.de/ fachgruppen/gruppe16.shtml) übernimmt.
Spezielle Hinweise zur Krisenintervention an Schulen können beim Landesverband bayerischer Schul-psychologen (www.lbsp.de/Beratung/Intervention/Krisenintervention/Krisenintervention.html), beim Landesbildungsserver Baden-Württemberg (www.schule-bw.de/lehrkraefte/ beratung/beratungslehrer/auffaellig keiten/krisenintervention) oder unter www.ag.ch/gewaltpraevention/de/ pub/grundlagen/krisenintervention. php abgerufen werden.
Alle Berufsgruppen, die im Rahmen ihrer Tätigkeit mit belastenden Ereignissen konfrontiert sind, werden einem erheblichen Risiko ausgesetzt, durch diese Erfahrungen selbst psychische Beeinträchtigungen zu erfahren. So bietet das Internet für diese Personen die Möglichkeit, sich über psychosoziale Unterstützungsangebote zu informieren und sich berufsspezifisch mit Kollegen, die ähnliche Erfahrungen machten mussten, auszutauschen.
www.telefonseelsorge.de
www.telefonseelsorge.de
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Dass solche Informations- und Beratungsangebote möglichst berufsspezifisch sein sollten, um den speziellen Bedürfnissen der Betroffenen, die eng mit dem sozialen und organisatorischen Umfeld ihrer Tätigkeit verwoben sind, gerecht zu werden, wird in Fachkreisen deutlich hervorgehoben (zum Beispiel 4). So bietet beispielsweise Iris Day, Polizeibeamtin und nach einem Schusswaffeneinsatz einst selbst auf der Suche nach „polizeibezogenen PTBS-Informationen“, nun Kollegen eine Homepage mit Material zu typischen Symptomen nach Extrembelastungen, Erfahrungsberichten und der Möglichkeit, sich mit ebenso Betroffenen in einem Forum oder einem Chat auszutauschen (www.polizei einsatzstress.de).
Traumatisierung der Helfer vorbeugen
Im Netz finden sich aber auch Hilfsangebote, die über solche „peer-group“-Strukturen hinausreichen: Die katholische sowie die evangelische Polizeiseelsorge (www. polizeiseelsorge.de) beschreiben auf ihren Webseiten ihre Aufgaben, nämlich Polizeibeamten bei schwierigen Einsätzen oder nach belastenden Einsätzen als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen. Das Angebot umfasst auch eine nach Postleitzahlen sortierte Auflistung von polizeiseelsorgerischen Anlaufstellen vor Ort.
Über präventive Maßnahmen für Einsatzkräfte, die zum Ziel haben, Informationsmaterial und Hilfestellungen zu einer möglichst optimalen Vorbereitung auf psychisch schwierige Einsatzbedingungen zu bieten, ist die Internetressource von Dr. Uwe Prudlo, Mitglied der Arbeitsgruppe Psychotraumatologie und Notfallpsychologie, Abteilung Klinische und Physiologische Psychologie der Universität Tübingen, zu empfehlen (www.uni-tuebingen.de/ klinische-psychologie/tapn/proff21. html).
Als weitere Lektüre können die Themenhefte „Früherkennung und Prävention psychischer Traumatisierung und das Trauma der Helfer“ und „Selbsthilfe nach traumatisierenden Ereignissen“ der „Zeitschrift für Psychotraumatologie und Psychologische Medizin“ (www.zppm-asanger.de) empfohlen werden. Die Abstracts aller Fachbeiträge dieser Ausgaben können im Internet abgerufen werden.
Menschen in akuten Krisensituationen finden im Internet nicht nur Hinweise von Fachleuten zum Umgang mit ihrer Situation, sondern es existieren Online-Beratungsangebote, die sich explizit als Kriseninterventionsangebote bezeichnen.
Einige Anbieter definieren ihr Krisenangebot über die Zielgruppe, so zum Beispiel Wildwasser e.V. für Mädchen in Krisensituationen (www.wildwasser-berlin.de), andere über den Anlass (zum Beispiel Vergewaltigung) (www.frauennotruf-aachen.de).
Die Telefonseelsorge, ein explizites Krisenangebot, das seit fünf Jahrzehnten besteht und hundert örtliche Stellen besitzt, bietet seit 1995 Ratsuchenden auch die Kontaktaufnahme via E-Mail und per Chat an (www.telefonseelsorge.de). Der Internet-Notruf Deutschland e.V. (www.internet-notruf.de) offeriert Hilfe, die sich an Schüler, Eltern, Lehrer, Frauen, Männer, Studenten und Senioren richtet.
Wie sich Menschen in akuten Krisen gegenseitig via Internet unterstützen, zeigt eine Studie von Eichenberg et al. (3) am Beispiel der in der Öffentlichkeit wie in Fachkreisen sehr kontrovers diskutierten sogenannten „Suizid-Selbsthilfeforen“.

Literatur
1. Bergold J., Schürmann I: Krisenintervention – Neue Entwicklungen? Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis 2001; 1: 5–15.
2. Dorrmann W: Suizid. Therapeutische Interventionen bei Selbsttötungsabsichten (4. Aufl.). München: Pfeiffer 2002.
3. Eichenberg C, Otte TA, Fischer G: Suizidselbsthilfe-Foren im Internet: Eine Befragungsstudie. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 2006; 1: 30–8.
4. Gasch UC: Traumaspezifische Diagnostik von Extremsituationen im Polizeidienst. Polizisten als Opfer von Belastungsstörungen. Berlin 2000: dissertation.de.


Dr. Christiane Eichenberg, Dipl.-Psych.,
Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität zu Köln, Höninger Weg 115,
50969 Köln, E-Mail: eichenberg@uni-koeln.de,
Internet: www.christianeeichenberg.de

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