ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2006Interventionen bei Tabaksucht: Psychotherapeuten haben wenig Interesse an Raucherentwöhnung

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Interventionen bei Tabaksucht: Psychotherapeuten haben wenig Interesse an Raucherentwöhnung

PP 5, Ausgabe November 2006, Seite 517

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LNSLNS Pro Jahr schaffen es etwa sieben Prozent der Raucher von allein, mit dem Rauchen aufzuhören. Alle anderen abstinenzwilligen Raucher benötigen hingegen Unterstützung, wie sie zum Beispiel die US-amerikanische Gesundheitsbehörde Agency for Health Care Policy and Research (AHCPR) im „Clinical Practice Guideline: Treating Tobacco Use and Dependence“ vorschlägt. Mithilfe dieser praktischen, empirisch geprüften Leitlinie soll jeder Arzt, Psychologe oder sonst im Gesundheitswesen Beschäftigte in der Lage sein, die Raucher unter ihren Patienten zu identifizieren, zu beraten und sie beim Aufhören zu unterstützen. Die Behandlungsmaßnahme umfasst die sogenannten „5 As“:
1. ask; systematische Befragung aller Patienten
2. advise; den Patienten raten aufzuhören
3. assess readiness; die Bereitschaft der Raucher zum Aufhören feststellen
4. assist; willige Patienten beraten bezüglich Verhaltens-
änderung und Selbsthilfe; unwillige Patienten motivieren und bei ihrer Entscheidung gegen das Rauchen unterstützen
5. arrange; einen nachfolgenden Beratungstermin vereinbaren.
Leffingwell und Babitzke von der Oklahoma State University haben überprüft, ob diese Maßnahme in der Praxis auch greift. Sie befragten 76 männliche und 67 weibliche niedergelassene Psychologen und Psychotherapeuten im Bundesstaat Oklahoma. 58 Prozent der Befragten hatten nie geraucht, etwa ein Drittel rauchte gelegentlich beziehungsweise nicht mehr, und sieben Prozent waren dauerhaft nikotinabhängig. 16 Prozent hatten eine Zusatzausbildung zur Raucherentwöhnung. 32 Prozent der Befragten gaben an, unwilligen Patienten zum Aufhören zu raten; 90 Prozent berichteten, dass sie willigen Patienten kurze Interventionen anboten, die vor allem in sozialer Unterstützung und Ermutigung bestanden. Die Raucher unter den Therapeuten boten jedoch seltener motivationale Interventionen an. Eine Zusatzausbildung hatte keinen Einfluss darauf, ob Interventionen angeboten wurden oder nicht. Trotz hoher Interventionsbereitschaft hatten nur 15 Prozent der Befragten von den „Clinical Practice Guidelines“ gehört und wandten sie teilweise an.
86 Prozent der Befragten meinte außerdem, dass es Sache der Ärzte sei, insbesondere der Hausärzte, mit den Patienten über deren Tabaksucht zu sprechen und Interventionen anzubieten. Nur 27 Prozent waren der Ansicht, dass dies ebenso in ihre Zuständigkeit fiele.
„Niedergelassene Psychologen und Psychotherapeuten fragen nicht routinemäßig nach dem Tabakkonsum ihrer Klienten, und sie fühlen sich dafür auch nicht verantwortlich. Sie kennen weder die Richtlinien, noch setzen sie die empfohlenen Interventionen ein“, fassen die Forscher zusammen. Das ist ihrer Meinung nach deshalb besonders kritisch zu sehen, da Psychologen und Psychotherapeuten aus mehreren Gründen prädestiniert seien, die Raucherentwöhnung voranzutreiben: Sie haben mehr Raucher unter ihren Klienten als andere Professionen, da Tabaksucht eine hohe Komorbidität mit Axis-I- und II-Störungen aufweist; sie besitzen geschulte Fähigkeiten bezüglich Kommunikation, Motivationsförderung und Entscheidungsfindung; sie sind Experten für Verhaltensänderung; und sie haben häufiger und länger Kontakt zu ihren Klienten als andere Professionen im Gesundheitswesen.
Die Forscher glauben, dass mindestens 15 bis 30 Prozent der abstinenzwilligen Raucher langfristig ihr Ziel erreichen könnten, wenn die „Guideline“ mehr beachtet und angewendet würde. ms

Leffingwell T, Babitzke A: Tobacco Intervention Practices of Licensed Psychologists. Journal of Clinical Psychology 2006; 3: 313–23.

Thad R. Leffingwell, 215 North Murray, Oklahoma State University, Stillwater, OK 74078, E-Mail: thad.leffingwell@okstate.edu
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