ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2006Werkschau Rebecca Horn: Psychomotorische Performance

KULTUR

Werkschau Rebecca Horn: Psychomotorische Performance

PP 5, Ausgabe November 2006, Seite 521

Franzen, Georg

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LNSLNS Eine große Werkschau der künstlerischen Arbeiten von Rebecca Horn ist zurzeit im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen. Die 1944 geborene Künstlerin beeindruckt durch ihre poetische, dichte Bildsprache. Im Zentrum der Präsentation stehen die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen den Werkgruppen und künstlerischen Ausdrucksformen. Eine besondere Rolle spielen dabei circa 90 Arbeiten auf Papier und auf Filmen, die im Dialog mit dem skulpturalen Werk präsentiert werden. Zu sehen sind beispielsweise die Papierarbeiten „Landkarten der Seele“ (2006), die im Aufbau an die Rorschachtafeln erinnern.
Bewegende Objekte und Installationen stehen indes im Mittelpunkt: Federn, Spiegel, Pinsel, ein tanzender Tisch, Wasser. Alles ist in Bewegung und bewegt zugleich den Betrachter. Zu sehen ist zum Beispiel die „Bleistiftmaske“ (1972), eine Filmsequenz, in der eine Frau mit Bleistiftmaske durch ihre Kopfbewegung Linien auf ein Papier zieht (Abbildung). Das Ganze hat etwas Seismografisches, erinnert an ein EEG. Spannung wird abgeführt. Für Horn entsteht das künstlerische Konzept in der Auseinandersetzung aus Wünschen, Vorstellungen und Projekten. So wird die Körperskulptur bei ihr aufgebaut und der Person angepasst: „Es wird ein Identifikationsmechanismus eingeleitet, der für die Arbeit essenziell ist.“ Während der Performance, so Rebecca Horn, ist die Person isoliert, gelöst durch ihre tägliche Umgebung, um ihr die weitere Selbstwahrnehmung zu ermöglichen. In der Performance „Bleistiftmaske“ entsteht ein Selbstporträt auf der Wand. Es geht um interpersonelle Wahrnehmung. Jede Performance hat eine zentrale Figur, auf die sich alle Handlungen beziehen. Der Besucher wird in diese Handlungen einbezogen, mitbewegt. Die Projekte der Künstlerin haben etwas Leichtes, Leises und Zaghaftes. Zugleich ist es anstrengend, alle Bewegungen zu verfolgen, sich einzulassen – aber es bleibt etwas Belebendes. In einer sich bewegenden Welt scheint es schwer, Ruhe zu finden. Diese Ruhe findet sich in einem künstlerischen Zwischenraum, dort, wo für einen Moment die Bewegung anhält, ein künstlerischer Raum, eine Inter-Erfahrung. Besonders wirkungsvoll ist dieser Effekt über die speziell für den Lichthof des Martin-Gropius-Baus geschaffene große Skulptur mit dem Titel „Das Universum in einer Perle“ zu erfahren. Eine große, sich drehende Spiegelskulptur reflektiert den Raum und die Menschen. Durch diese Spiegelbewegung verdichten sich die Bilder zu einem Lichtwirbel in 18 Metern Höhe und drehen sich gleichzeitig in ihrem umgekehrten Bild in die Tiefe. Der Fußboden wird zum schwankenden Horizont zwischen Himmel und Erde. Auch im übertragenen Sinn geht es nach Innen. Die über den Spiegel erfahrene Tiefe des Universums ermöglicht zugleich auch, der Tiefenstruktur der eigenen Psyche nachzuspüren. Rebecca Horn zeigt in Biegungen und Brechungen durch das Licht, in leichten Federn, die sich mechanisch annähern und schließen, im leichten Fließen von Wasser die Vielseitigkeit eines künstlerischen Beziehungsraums, der über ein tradiertes Verständnis von Kunst hinausgeht: Die Besucher werden selbst Teil der Performance, der mechanischen Bewegungsvielfalt, haben Teil am künstlerischen Erleben und können dabei Wahrnehmungsebenen wechseln. Sie scheinen sich in diesem künstlerischen Raum mehr über Augenbewegungen und Blicke auszutauschen als in anderen Ausstellungen. In das große Spiegelbild blickt der Besucher nicht allein, alle scheinen psychomotorisch miteinander verbunden.
Dr. phil. Georg Franzen


Die Ausstellung Rebecca Horn – Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Filme 1964–2006 ist bis zum 15. Januar 2007 im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin zu sehen. Internet: www.gropius bau.de.
Zur Ausstellung ist ein Katalog mit 151 Farb- und 54 Schwarz-Weiß-Abbildungen, 320 Seiten zum Preis von 32 A erschienen. Zeitgleich erschien die KulturZeitschrift du770-Rebecca Horn-Feinmechanik der Seele. Nr. 9, Oktober 2006 zum Preis von 12 €.
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