ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2006Sol Lyfond: Medizin, Kunst und Neubeginn

KULTUR

Sol Lyfond: Medizin, Kunst und Neubeginn

Kraft, Hartmut

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Sol Lyfond: Solaris
Sol Lyfond: Solaris
Der Videokünstler gibt Bildern die Magie zurück, die ihnen bei einer rein naturwissenschaftlichen Sichtweise genommen wurde.

Ein Medizinstudent lernt wissenschaftliches Denken und Arbeiten, vertieft sich in normale und krankhaft veränderte Abläufe körperlicher Funktionen und erfährt zunehmend mehr über die möglichen Reparaturen entgleister Organsysteme. Was aber bedeutet „heil werden“ oder „Heilung“? Wie steht es mit einer möglichen Entwicklung des Menschen gerade durch die Herausforderungen einer Krankheit? Diese Fragen ließen Sol Lyfond (geb. 1965 in Düsseldorf) in seinem Medizinstudium Mitte der 80er-Jahre nicht ruhen und führten zu einer stetig wachsenden Unzufriedenheit mit einem rein naturwissenschaftlichen Ansatz in der Medizin.
Nach einer persönlichen Krise stand der Entschluss fest, der Medizin den Rücken zu kehren und Künstler zu werden. In dieser Hinwendung zur Kunst lag jedoch keineswegs eine vollkommene Abkehr von Naturwissenschaft und Medizin. Ganz im Gegenteil bezieht der Künstler bis heute wesentliche Anregungen aus naturwissenschaftlichen Beobachtungen und Forschungen in seine künstlerische Arbeit mit ein. Er schätzt die Genauigkeit wissenschaftlicher Dokumentation – nicht aber die damit einhergehende Ausblendung der subjektiven Sicht- und Erlebensweisen. So interessiert ihn zum Beispiel die sachliche Dokumentation der Verwandlung einer unscheinbaren Raupe in einen prachtvollen Schmetterling; gleichzeitig aber sieht er in diesem Vorgang auch ein allgemein verständlich zu machendes Sinnbild existenzieller Krisen. In vielen Krisenzeiten unseres Lebens geraten wir in ein „Stirb und werde!“. In einem oft schmerzhaften Prozess der Loslösung (sozusagen aus dem Raupenstadium) gelangen wir in eine oft dramatische Übergangszeit. Dabei kann die Verkehrung ins Gegenteil (oben–unten; hell–dunkel) eine irritierende, verunsichernde und gerade dadurch entscheidende Rolle spielen. Erst nach einer solchen Umwertung können wir uns dann in einer neuen persönlichen oder sozialen Rolle entfalten – wie ein Schmetterling eben. Geburt oder Pubertät, schwere Krankheiten oder soziale Ereignisse wie Scheidungen oder Arbeitsplatzverlust können nach diesem dreischrittigen Muster „transformativer Krisen“ verlaufen.
Als Videokünstler verdeutlicht Sol Lyfond mit seinen wie in Zeitlupe ablaufenden Bildfolgen das Prozesshafte und gelegentlich auch quälend Langsame dieser Entwicklungen. Der Betrachter steht in dunklen
Sol Lyfond: Imago Fotos: privat
Sol Lyfond: Imago Fotos: privat
Projektionsräumen wie in einer Gebärmutter vor großen Videoleinwänden, wird aus dem schnellen Lauf des Alltags herausgehoben und mit dem Blick in eine ebenso reale wie imaginative Welt belohnt. Die von Klängen unterlegten Videos zeigen wissenschaftliches Filmmaterial sowie auch faszinierende Versuchsanordnungen aus dem Atelier des Künstlers. Im verdunkelten Museum oder in der Galerie gibt Sol Lyfond den Bildern die Magie zurück, die ihnen bei einer rein naturwissenschaftlichen Sichtweise genommen wurde – und was ihn von Anbeginn seines Medizinstudiums so gestört hatte.
Drei Ausstellungen geben von September bis April 2007 Gelegenheit, sich von dieser subjektiv berührenden Sicht auf objektiv beschreibbare Abläufe gefangen nehmen zu lassen.
Dr. med. Hartmut Kraft

1. September bis 1. Oktober Städtische Galerie Iserlohn; 5. November bis Januar 2007 Siegerlandmuseum im oberen Schloss, Siegen; 9. März bis 15. April 2007 Galerie Rachel Haferkamp, Köln. Zu den Ausstellungen erscheint Anfang 2007 ein gemeinsamer Katalog mit einer Vorzugsausgabe.
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