ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2006Ärzte-Schach: Mensch gegen Maschine

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Ärzte-Schach: Mensch gegen Maschine

Pfleger, Helmut

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Wladimir Kramnik gegen „Deep Fritz“: Wie „computertauglich“ ist der derzeit beste Schachspieler der Welt? Kramniks Vorgänger Garry Kasparow war 1997 in der entscheidenden letzten Partie gegen „Deep Blue“ zusammengebrochen und hatte den Wettkampf „Mensch gegen Maschine“ knapp verloren – und so nach seinen eigenen Worten den „Kampf um die Ehre der Menschheit“.
Mit diesem Anspruch und Pathos trat der eher freundlich-nüchterne Kramnik nicht an, als er im Oktober 2002 in Bahrain das Match über acht Partien um eine Preissumme von immerhin einer Million Dollar begann. Mit seiner menschlichen Intuition und strategischen Weitsicht wollte er den drei Millionen Mal schneller rechnenden „Fritz“ dumm aussehen lassen. Dieser grabsche nach Figuren und sei nicht fähig, Wissen einzuordnen, geben auch seine Hamburger Entwickler zu. Der Computer wühlt in einem Urwald von Datendreck und fördert zu 99,99 Prozent nur Mist zutage. Doch der Rest kann zu einer Partie wie aus einem Guss, aus „Quantität kann Qualität werden“, musste schon Kasparow erkennen.
Haarsträubender Bock
In den ersten Partien gelang es Kramnik vorzüglich, die Schwächen des Computers aufzudecken, Fritz sah manchmal geradezu hilflos aus. Ein Mensch hätte vielleicht resigniert, aber Fritz ist, im Gegensatz zu seinen „Vätern“, alles eins: Sieg und Niederlage lassen ihn gleichermaßen unberührt. In der fünften Partie schoss Kramnik indes in bedrängter Lage einen haarsträubenden Bock und zeigte, dass grobes Irren ausschließlich menschlich ist – nie würde einem Computer solch ein Lapsus unterlaufen.
Und dann die sechste Partie. Plötzlich erspähte Kramnik eine verborgene Opferwendung und konnte der Verlockung nicht widerstehen, die „schönste Partie meiner Karriere zu spielen“. Das wäre sie vermutlich gegen nahezu jeden Menschen geworden, aber Kramnik wagte sich so tollkühn in das ureigene Metier des Computers: das rasend schnelle und exakte Durchrechnen wilder, komplexer Varianten. Fritz fraß freudig die Opfergaben, wanderte seelenruhig mit seinem König ins freie Feld und überlebte wundersam. Kasparow: „Der Computer ist wie Mike Tyson. Beim kleinsten Fehler reißt er dich in Stücke!“
Das Match endete schließlich 4 : 4 unentschieden. Nun wird es vom 25. November bis 5. Dezember in der Bonner Bundeskunsthalle zu einer Revanche kommen, bei einem Sieg winkt Kramnik gar eine Million Euro (noch besser als Dollar). Doch Fritz hat sich noch verbessert – hat das auch der Mensch? Übrigens werde ich das Match kommentieren, am Eröffnungstag mit dem Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, dem Schirmherrn der Veranstaltung und selbst ein starker Schachspieler, der an gleicher Stelle bei einem Schaukampf Kramnik beinahe ein Remis abgetrotzt hätte.
Doch zurück zur sechsten Partie damals in Bahrain.
Hier schützte sich der durch ein Schach bedrohte schwarze König von Fritz, in hoher Bedrängnis am Brettrand, letztlich siegreich mit dem Bauernvorstoß 1. . . . g7-g5. Sehen Sie, wie Kramnik ihn im Falle von 1. . . . Kh5? magnetisch tief ins weiße Lager gezogen und in vier Zügen matt gesetzt hätte?






Lösung
Bei 1. . . . Kh5 hätte das Bauernschach 2. g4+! den schwarzen König noch weiter weg von seinem Heer gezwungen, nach seinen jeweils erzwungenen Taumelschritten 2. . . . Kxh4 3. Dxh7+ Kxg4 (die Henkersmahlzeit) 4. f3+ (ein kleiner Bauer besorgt den Rest) Kg3 5. Dh2 matt hätte schließlich tief im Feindesland sein letztes Stündlein geschlagen.
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