ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2006Kassenärztliche Bundesvereinigung: Spektakuläre Protestaktionen gegen die Gesundheitsreform

POLITIK

Kassenärztliche Bundesvereinigung: Spektakuläre Protestaktionen gegen die Gesundheitsreform

Dtsch Arztebl 2006; 103(46): A-3070 / B-2674 / C-2566

Maus, Josef

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LNSLNS Alle Versuche der Ärzteschaft, die Bundesregierung vom falschen Weg bei der Gesundheitsreform abzubringen, sind bislang gescheitert. Jetzt greift die KBV zu ungewöhnlichen Maßnahmen, um die Politik zum Einlenken zu bewegen.

Fotos: KBV
Fotos: KBV
Ärzte hängen ihren Kittel an den Nagel! Unter diesem Leitgedanken steht eine groß angelegte Protestaktion der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die bis zum 10. Dezember dieses Jahres mindestens 12 000 Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeuten dazu bewegen soll, typische Berufskleidung (Kittel, Hosen, T-Shirts) zu spenden.
Die Zahl der Kittel entspricht der Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die seit dem Jahr 2000 Deutschland den Rücken gekehrt haben – hauptsächlich wegen der immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen hierzulande. Die vielen abgegebenen Kittel sollen aber auch darauf hinweisen, dass immer mehr Praxen sterben werden, wenn die geplante Gesundheitsreform unverändert umgesetzt wird. Die ambulante Versorgung, so die Überzeugung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, gerate in ernsthafte Gefahr, wenn die Bundesregierung jetzt nicht mehr einlenke.
KVen sammeln regional die Arztkittel ein
Ärztinnen, Ärzte und Psychotherapeuten, die den Protest unterstützen möchten, sollen die Kittel bei ihrer zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung (KV) abgeben. Die jeweiligen Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit geben nähere Informationen zur Abwicklung der logistisch anspruchsvollen Aktion. Wie die gesammelten Kleidungsstücke regional der Öffentlichkeit präsentiert werden, legt jede KV selbst fest. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hofft auf ein breites regionales Echo.
Anschließend werden die Kittel aus allen Regionen des Landes nach Berlin geschafft. Dort soll noch im Dezember an zentraler Stelle die „längste Wäscheleine der Welt“ darauf hinweisen, dass es in Sachen Gesundheitsreform „fünf vor zwölf“ ist. Mit Blick auf die direkte Ansprache der Patienten wird die Kassenärztliche Bundesvereinigung dem Heft 47 des Deutschen Ärzteblattes in der Teilausgabe für niedergelassene Ärzte ein Poster mit dem Kittelmotiv (Foto) beilegen. Dieses Poster soll in den Arztpraxen ausgehängt werden.
Die abgegebenen Kittel sollen im Übrigen nach der Aktion dem gemeinnützigen Verein „ONG Solidarität International für Westafrika e.V.“ mit Sitz in Essen gespendet werden. Der Verein – vertreten durch Prof. Ousmane Zakare – engagiert sich derzeit unter anderem für den Aufbau eines Krankenhauses in Benin an der Westküste Afrikas. Unterstützt wird die Organisation von der bundeseigenen Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), deren Arbeit darauf abzielt, die Lebensbedingungen und Perspektiven der Menschen in Entwicklungsländern nachhaltig zu verbessern.
Die Aktion „Ärzte hängen ihren Kittel an den Nagel“ ist jedoch nur Teil einer größer angelegten Kampagne unter der Überschrift „Geiz macht krank!“, die insgesamt fünf Wochen laufen soll. Seit dem vergangenen Wochenende macht ein überdimensioniertes Transparent in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens auf die Kampagne aufmerksam.
Landeanflug auf Frankfurt: Ein riesiges Transparent weist mit 40 Meter hohen Buchstaben auf einer Fläche von 70 000 Quadratmetern auf die Folgen einer verfehlten Gesundheitsreform hin.
Landeanflug auf Frankfurt: Ein riesiges Transparent weist mit 40 Meter hohen Buchstaben auf einer Fläche von 70 000 Quadratmetern auf die Folgen einer verfehlten Gesundheitsreform hin.
Mit 40 Meter hohen und weithin sichtbaren Buchstaben in der KBV-typischen Farbe Magenta ist dort beim Landeanflug auf den internationalen Frankfurter Großflughafen auf einer Fläche von rund 70 000 Quadratmetern die Internetadresse „www.geizmachtkrank.com“ zu sehen. Auf dieser Webseite informiert die KBV über die Hintergründe und Ziele der Kampagne. Unter anderem heißt es dort:
„Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Kassenärztlichen Vereinigungen möchten mit gezielten Aktionen darauf aufmerksam machen, dass die derzeit geplante Gesundheitsreform ebenso zulasten der rund 147 000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten gehen wird wie der rund 72 Millionen Bürger in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Es bleiben nur noch wenige Wochen Zeit, um politische Veränderungen bei der Gesundheitsreform zu bewegen. Darum wollen die Initiatoren der Kampagne die Bevölkerung darüber aufklären, was tatsächlich auf sie zukommen wird, sollte der Gesetzentwurf in der jetzigen Form Wirklichkeit werden. Unsere Kampagne ,Geiz macht krank‘ soll plakativ dafür stehen, dass wir uns gegen Geiz an den falschen Stellen wehren wollen, nämlich da, wo die Versorgungssicherheit und die Qualität der ärztlichen Leistungen im Hinblick auf die Patienten gefährdet werden. Hinter jeder Aktion dieser Kampagne, die Sie in den kommenden Wochen mitverfolgen können und bei denen auch Ihre Mitwirkung gewünscht ist, stehen sachgerechte Informationen über unser wichtigstes Anliegen: die flächendeckende und qualitativ hochwertige Versorgungssicherheit aller Patienten.“
Wer die Befürchtungen der KBV zur Gesundheitsreform teilt und sich für Verbesserungen einsetzen möchte, findet auf der Internetseite verschiedene Möglichkeiten: Man kann an einer elektronischen Unterschriftenaktion teilnehmen, sogenannte eCards mit dem Motiv der Kampagne an Freunde und Bekannte versenden, die Internetseite weiterempfehlen – und eine „Geiz-macht-krank-Pillendose“ anfordern, deren Beipackzettel über die „Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheitsreform“ informiert. Auch der Versand einer E-Mail (mit vorgertigtem Mustertext) an das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium ist möglich.
Pleitewelle bei den Arztpraxen
Dr. med. Andreas Köhler, der Vorstandsvorsitzende der KBV, ist davon überzeugt, mit der Kampagne die breite Öffentlichkeit erreichen und auch die Inhalte vermitteln zu können. Zur Kittelaktion sagte er gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt: „Ich sehe eine deutliche Leistungseinschränkung für Patienten und eine Pleitewelle bei den Arztpraxen voraus, wenn die Gesundheitsreform wirklich so kommt, wie sie sich derzeit abzeichnet. Wir glauben, dass Geiz krank macht.“
Derzeit lebten und arbeiteten bereits rund 12 500 deutsche Ärztinnen und Ärzte im Ausland – aus ganz pragmatischen Gründen, wie Köhler erläutert: „Weil sie in Deutschland von ihrem Beruf nicht leben können und die Arbeitsbedingungen schlecht sind.“ Das Nachsehen hätten ins-
besondere die ohnehin struktur-
schwachen Regionen in Deutschland. Köhler: „Sie werden eines Tages ohne Ärzte dastehen.“ Auf der Strecke bliebe dann der Patient.
Die Gesundheitsreform, davon ist der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung überzeugt, gehe eindeutig in die falsche Richtung. Sie führe unweigerlich zur Zerschlagung der wohnortnahen Versorgung mit Hausärzten, Fachärzten und Psychotherapeuten: „Künftig werden wir auf der einen Seite einen staatlich kontrollierten, überregulierten und chronisch unterfinanzierten Sektor haben, der für die Patienten mit erheblichen Rationierungen verbunden sein wird. Auf der anderen Seite wird es einen Sektor mit Sonderverträgen geben – für die Patienten ein unüberschaubarer Flickenteppich.“
Josef Maus
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