ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2006Heroinbehandlung von Opiatabhängigen: Die letzte Chance

POLITIK

Heroinbehandlung von Opiatabhängigen: Die letzte Chance

Bühring, Petra

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Hoch gesicherte Drogenambulanz: Dreimal täglich holen sich die Suchtkranken eine Spritze mit Diamorphin ab. Foto: dpa
Hoch gesicherte Drogenambulanz: Dreimal täglich holen sich die Suchtkranken eine Spritze mit Diamorphin ab. Foto: dpa
Nach erfolgreichem Abschluss der Modellprojekte wartet die Heroinbehandlung auf die Entscheidung der Politik zur Übernahme in die Regelversorgung. Doch die Union lässt sich Zeit.

Die heroingestützte Behandlung darf nicht weiter als Spielball der Politik benutzt werden“, fordert Dr. Christian Haasen vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. Haasen ist Studienleiter der vom Bundesgesundheitsministerium aufgelegten Modellprojekte zur Heroinbehandlung (siehe auch „Weg von der Straße“, DÄ, Heft 14/2006). Die Modellprojekte, in denen über zwei Jahre in sieben Städten (Bonn, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln und München) untersucht wurden, ob schwer Opiatabhängige von der kontrollierten Abgabe von pharmazeutisch hergestelltem Heroin (Diamorphin) profitieren können, sind bereits im Juni ausgelaufen – mit positiven Ergebnissen. Unklar ist immer noch, wie es für die Patienten weitergeht. Einige Städte haben zwar eine Weiterfinanzierung der hoch gesicherten Drogenambulanzen in Aussicht gestellt – doch sie warten auf ein positives Signal aus der Politik.
Haasen hat insbesondere für die Blockadehaltung der Union „kein Verständnis“. Die Abgabe von Heroin an rund 1 300 bis 1 600 Schwerstopiatabhängige, die auch von der Methadonsubstitution nicht profitieren konnten, stelle nur eine kleine Erweiterung des Drogenhilfeangebotes dar – keinen grundsätzlichen Wandel der Drogentherapie.
Wissenschaftlicher Konsens
Eine schnelle Entscheidung zur Aufnahme der Heroinbehandlung in das Regelangebot des Drogenhilfesystems fordert auch Sabine Bätzing, Drogenbeauftragte der Bundesregierung (SPD). Sie wies darauf hin, dass eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe grundsätzlich für die Heroinbehandlung sei. Neben der SPD haben sich auch die Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke in Anträgen für die Übernahme in die Regelversorgung eingesetzt. Einzig die Union stellt sich dagegen. „Wir haben Zweifel, ob die Behandlung mit Heroin wirklich besser ist als die Methadonsubstitution“, erklärte die Drogenbeauftragte der Union im Bundestag, Maria Eichhorn (CSU), gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Man wolle keine voreilige Entscheidung treffen, sondern „in Ruhe beraten“. Einen zeitlichen Rahmen abstecken wolle sie nicht.
Wissenschaftlich besteht Konsens über die Aussagekraft der Ergebnisse der Heroinstudie (www.heroinstudie.de). Auch die Bundesärztekammer (BÄK) sieht sich durch die Studienergebnisse in der Erwartung bestätigt: Diamorphin könne „für einen begrenzten Personenkreis eine zusätzliche Therapieoption darstellen“, heißt es in einer Stellungnahme.
Die Ergebnisse der Heroinstudie: Zwei Jahre wurde von rund 1 000 ausgewählten Opiatabhängigen etwa die Hälfte mit Methadon substituiert, die andere Gruppe erhielt unter engmaschiger ärztlicher Betreuung Diamorphin. Bei den mit Diamorphin behandelten Patienten konnte in 80 Prozent der Fälle ein deutlich besserer Gesundheitszustand festgestellt werden, bei der Methadon-Gruppe waren es 74 Prozent. Geringer fiel bei der Heroin-Gruppe der Beikonsum illegaler Drogen aus. Besonders bedeutsam: Doppelt so viele Patienten aus der Heroin-Gruppe konnten sich aus der Kriminalität lösen. Weiter waren die Zwölfmonatshaltequoten denen der Methadon-Gruppe überlegen. 30 Prozent der Patienten in der Heroin-Gruppe konnten soweit stabilisiert werden, dass sie nach einem Jahr in die Methadonsubstitution wechselten, knapp zehn Prozent nahmen eine Abstinenzbehandlung auf. Diese Ergebnisse bekräftigen auch Studien aus der Schweiz und aus den Niederlanden. Die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS) stellt heraus, dass durch die heroingestützte Behandlung die spezielle Gruppe der Schwerstabhängigen erreicht wird, die, wenn einmal in Behandlung, auch anderen Therapien zugeführt werden kann.
Die direkten medizinischen Kosten der Heroinbehandlung sind mit rund 18 000 Euro pro Person und Jahr deutlich höher als die der Methadonsubstitution mit etwa 6 500 Euro. Diese Differenz relativiere sich jedoch, so der Vorsitzende der DGS, Dr. med. Jörg Gölz, wenn man die Kosten für Strafprozesse, Haftaufenthalte, vermiedene Infektionen und Krankenhausaufenthalte betrachtet, die durch die Behandlung eingespart werden. Bei Methadon werden 14 280 Euro eingespart; abzüglich der direkten Behandlungskosten ergibt sich eine jährliche Einsparung von 7 280 Euro pro Substituierten. Bei Heroin werden dagegen 24 280 Euro eingespart – wegen der besseren Ablösung aus der Kriminalität –, weshalb abzüglich der Behandlungskosten 6 280 Euro eingespart werden – also nicht viel weniger als bei Methadon. (Zahlen aus Wittchen et al. 2006, Schulenburg, 2006)
Gesetzesänderungen nötig
Die Politiker müssen sich einig werden, weil es verschiedener Gesetzesänderungen bedarf, um die Heroinbehandlung in die Regelversorgung aufzunehmen. Diamorphin muss von einem nicht verkehrsfähigen in ein verkehrs- und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel umgestuft werden. Dazu müssen Änderungen am Betäubungsmittelgesetz, an der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung und am Arzneimittelgesetz vorgenommen werden. Zudem muss das Medikament vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, von dem es bereits positiv als Arzneimittel evaluiert wurde, als Betäubungsmittel zugelassen werden. Die Zulassung ist die Voraussetzung für den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), aktiv zu werden: Der G-BA entscheidet über die Aufnahme der Herointherapie als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Wenn die Gesetzesänderungen vollzogen sind, wird die BÄK nach eigenen Angaben die Richtlinien für die Indikation und Behandlung mit Diamorphin sowie die Qualifikation der behandelnden Ärzte festlegen.
Warum die Union das Heroinprojekt blockiert, bleibt unverständlich. Das Argument, noch mehr Zeit für Beratungen zu brauchen, wirkt vorgeschoben, denn die Ergebnisse der Studie sind bereits seit April bekannt. Eines sollte beim politischen Spiel nicht vergessen werden: Für viele schwer kranke Junkies ist die Heroinbehandlung die letzte Chance.
Petra Bühring

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