ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2006Susanne Holst, Ärztin und Journalistin: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Susanne Holst, Ärztin und Journalistin: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Dtsch Arztebl 2006; 103(46): A-3086 / B-2689 / C-2578

Hibbeler, Birgit

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Susanne Holst
Susanne Holst
Eigentlich wollte Dr. med. Susanne Holst Frauenärztin werden. Doch dann kam alles ganz anders: Heute moderiert sie die ARD-Tagesschau am Nachmittag.

Als Dr. med. Susanne Holst an diesem sonnigen Herbsttag im Literaturhaus-Café an der Hamburger Außenalster eintrifft, kommt sie von einer Premiere: Sie war gerade zum ersten Mal mit ihren Kindern Schuhe kaufen. Seit knapp zwei Wochen könnten die beiden laufen, berichtet sie. „Das hat einiges verändert.“ Vorher seien sie etwa 30 Zentimeter über dem Boden gewesen, jetzt 80. „Und sie sind viel schneller“, lacht die 45-Jährige. 14 Monate alt sind ihre Zwillinge, ein Junge, ein Mädchen – Schuhgröße 21 und 20.
Holst hat eine ansteckend positive Ausstrahlung, nicht nur wenn sie über ihre Kinder redet. Dass sie ein begeisterungsfähiger Mensch ist, merkt man auch, wenn sie von ihrer Arbeit bei der ARD-Tagesschau erzählt. Seit fünf Jahren moderiert sie die Nachrichten am Nachmittag und ist vertretungsweise bei den Tagesthemen zu sehen. Das Schöne bei ihrer Arbeit sei, dass sie unmittelbar mitbekomme, was auf der Welt passiere. „Es gibt so etwas wie Nachrichtenfieber.“ Man sei dann so involviert, dass man unbedingt wissen wolle, wie es weitergehe.
Dass sie einen bemerkenswerten Lebensweg hat, würde Holst vermutlich niemals behaupten. Dazu ist sie viel zu bescheiden. „Viele Leute sagen, dass das eine richtige Karriere ist, aber für mich fühlt sich das nicht so an“, betont sie. Vieles habe sich nach und nach ergeben und sei nicht geplant gewesen. Sicherlich habe sie das Talent mitgebracht, vor der Kamera zu stehen, doch eine Portion Glück sei auch immer dabei gewesen. „Ich war unheimlich oft zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.“
Im „Nachrichtenfieber“: Susanne Holst an ihrem Arbeitsplatz bei der ARD-Tagesschau. Foto: NDR/Uwe Ernst
Im „Nachrichtenfieber“: Susanne Holst an ihrem Arbeitsplatz bei der ARD-Tagesschau. Foto: NDR/Uwe Ernst
Journalismus war für Holst bei ihrer Berufswahl zunächst kein Thema. Während der Schulzeit interessierte sie sich nicht für Politik, sondern hauptsächlich für Biologie. Sie wollte beruflich etwas machen, mit dem sie anderen Menschen helfen kann. Ihr Vater, ein Verlagsbuchhändler, schlug vor, sie solle doch Zahnärztin werden. Aber die Mundhöhle war ihr als Einsatzgebiet zu klein. So kam die Idee, Medizin zu studieren. 1982 bekam sie einen Studienplatz in Hamburg. Später kam der Wunsch, Gynäkologin zu werden. Die Vielseitigkeit dieses Fachs hätte ihr Spaß gemacht, meint Holst. Doch dann kam alles anders.
Schon während des Studiums entwickelte sich ein Kontakt zum Fernsehen, zunächst mit einem für Medizinstudenten ungewöhnlichen Nebenjob. Holst machte keine Nachtwachen in einer Klinik, wie die meisten ihrer Kommilitonen, sondern arbeitete beim Privatsender Sat.1, zu diesem Zeitpunkt noch in Hamburg ansässig. Ihr damaliger Freund, ein Sportredakteur, hatte ihr den Job als Assistentin des Chefs vom Dienst in der Nachrichtenredaktion besorgt. Zettel kopieren, Zettel verteilen: Holst war das Mädchen für alles.
Dann suchte der Sender für das neue Frühstücksfernsehen eine Wetter-Moderatorin. Sie nahm am Casting teil und wurde genommen. Rückblickend meint Holst, sie habe davon profitiert, dass das Privatfernsehen damals noch ganz am Anfang stand: „Das würde heute gar nicht mehr gehen. Wenn man heute jemanden sucht, dann wird eine riesige Aktion gemacht.“ Außerdem sei das damals ein unbeliebter Job gewesen, denn man habe um vier Uhr morgens aufstehen müssen.
Dass sie beim Fernsehen bleiben würde, habe sie nicht gedacht. „Was war das für eine Alternative: Wetterfrosch oder Ärztin, natürlich wollte ich in die Klinik.“ Doch es war schwierig, eine Stelle zu bekommen: Mit der „Ärzteschwemme“ und der AiP-Einführung für den Jahrgang nach Holst wurde der Stellenmarkt für Assistenzärzte ein hart umkämpftes Pflaster. Ein Jahr arbeitete sie in einer Praxis für Allgemeinmedizin, moderierte das Sat.1-Wetter nebenher.
1990 zog Sat.1 von Hamburg nach Berlin. Der Hauptmoderator des Frühstücksfernsehens wollte nicht mit, Holst bekam das Angebot. Sie habe gedacht, das sei kein Problem: drei Stunden jeden Morgen. Thematisch sollte es ursprünglich in erster Linie um Garten, Haus und Mode gehen. Doch dann marschierten irakische Truppen in Kuwait ein, und der Golfkrieg begann. „Es wurde ruck, zuck eine politische Sendung von eben auf jetzt. Das war ein knüppelharter Job“, erinnert sich Holst. Sat.1 war damals der einzige Sender mit einem Frühstücksprogramm und hatte viele Zuschauer. 1991 bekam Holst für ihre Arbeit die Goldene Kamera. Später moderierte sie unter anderem die NDR-Sendungen „DAS! tut gut“, „Visite“ und „Visite persönlich“.
Holst sagt über sich, sie sei ein eher skeptischer und vorsichtiger Mensch. „Doch ich habe wohl auch eine waghalsige Seite“, räumt sie ein. Als sie ihren Mann, einen Psychotherapeuten, heiratete, kannte sie ihn gerade einmal sechs Wochen. „Das war sofort klar: Der ist es.“ Zwölf Jahre ist das jetzt her. Beruf und Familie zu verbinden gehe im Moment ganz gut, findet Holst. Bei der Tageschau arbeitet sie immer zwei Wochen am Stück von acht bis 18 Uhr. In dieser Zeit kümmert sich eine Kinderfrau um die Zwillinge. Den Rest des Monats und die Wochenenden hat sie frei. „Das Leben hat sich dramatisch für mich verändert“, sagt sie. Doch die Kinder seien das Beste, was ihr je passiert sei.
Dr. med. Birgit Hibbeler
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