ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2006Ärzte in England: Von den Socken

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Ärzte in England: Von den Socken

Hirschhausen, Eckart von

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Eckart von Hirschhausen. Foto: Markus Hauschild
Eckart von Hirschhausen. Foto: Markus Hauschild
Eckart von Hirschhausen, Arzt und Kabarettist

Arztsocken: In jedem guten deutschen Kaufhaus gibt es diese privilegierte Berufskleidung zu erwerben, natürlich nur unter Vorlage einer gültigen Approbation. Arzt ist man eben ganz oder gar nicht, vom Scheitel bis zur Socke. Und gerade in Notfällen muss sich ein Arzt zu 100 Prozent auf seine Socken verlassen können. Doch in England ist die bewährte Arzt-Socke-Beziehung ins Wanken geraten.
In der Grafschaft Lancashire verhängten die Gesundheitsbehörden vor Kurzem einen „Sockenerlass“, der es Ärzten verbietet, im Dienst Socken mit Cartoons zu tragen. Die Simpsons, Superman und andere Comic-Helden haben ab sofort in Kliniken Hausverbot. Die vom Nachtdienst gezeichneten Halbgötter in Weiß sollen nicht durch andere gezeichnete Helden an Seriosität verlieren. Ganz offiziell lautet die Begründung der britischen Behörden: Mit dem Erlass soll sichergestellt werden, dass die Belegschaft jederzeit ein professionelles Auftreten hat.
Meine Erfahrung als Stipendiat der Deutschen Studienstiftung in London: Uns deutsche Mediziner erkannte jeder schon aus der Ferne an den Birkenstock-Sandalen. Alle Engländer tragen im Krankenhaus geschlossene Schuhe. In Deutschland liefert also das Schuhwerk schon das Bekenntnis, in England ist seit den Tagen von Robin Hood die Exposition des eigenen Charakters eine Frage der Strümpfe. In der Schweiz hätte niemand sich gewundert, wären national Käsesocken verboten worden. Aber ausgerechnet Comicsocken im Mutterland des Humors untersagen?
Die englischen Gesundheitsbürokraten unterschätzen offensichtlich den klinischen Wert komischer Socken: Statt mithilfe der mühsamen Hamilton-Skala dokumentiert man Depressivität eigentlich doch viel einfacher in Grad der Mundwinkelveränderung nach Sockenexposition, oder? Die Differenzialdiagnose bei fehlender Reaktion: Sehstörung. Und vor Leuten, die sich von Socken unter der Gürtellinie wirklich schockieren lassen, lupft man die Hose erst kurz vor dem Röntgenthorax. Sie atmen tief ein und halten die Luft an. Was will man mehr?
Augenkontakt ist nicht bei jeder Untersuchung, gerade bei der rektalen, durchgängig möglich. Aber die entsprechend gestalteten Socken vermitteln auch dem tief vornübergebeugten Patienten noch ein mitmenschliches Augenzwinkern. Und das zählt! Sicher ist die Wirksamkeit der „Droge Arzt“ an den Glauben des Patienten gebunden. Aber ist dieser durch Socken zu erschüttern, liegt der Bruch ganz woanders.
Humor hilft heilen, so viel ist sicher. Deshalb habe ich „Rote Nasen Deutschland“ mitgegründet, ein Projekt nach dem amerikanischen Vorbild von Patch Adams. Speziell ausgebildete Clowns besuchen kranke Menschen in Kliniken, in erster Linie Kinder, um ihnen Trost, Zuversicht und Lebensmut zu schenken. Ihr Kennzeichen ist die rote Nase. Dass mehr professioneller Humor in Krankenhäuser kommt, ist wichtig, denn Lachen ist bekanntlich ansteckend. Deswegen träume ich davon, dass Lachen bald zu einer „nosokomialen“ Infektion durch Clowns, Ärzte und Pflegekräfte gleichermaßen wird.
Humor kann man nicht anziehen, aber ausstrahlen; nicht als Tablette einnehmen, nur als Haltung. Die Verfasser des Socken-Erlasses darf man an ihren großen Landsmann George Bernhard Shaw erinnern: „Das Leben hört nicht auf, komisch zu sein, wenn Menschen sterben – ebenso wenig wie es aufhört, ernst zu sein, wenn man lacht!“
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