ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2006Spätabbrüche: Keine Eugenik
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Annegret Braun formuliert berechtigte Forderungen im Zusammenhang mit Pränataldiagnostik, die vor allem die Beratung und Entscheidungsfähigkeit der Ratsuchenden betreffen. Von der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik und der Bundes­ärzte­kammer werden seit vielen Jahren inhaltlich ähnliche Anforderungen an die Voraussetzungen für eine Pränataldiagnostik genannt. Frau Braun äußert auf der anderen Seite aber auch Ansichten, die hinterfragt werden müssen. So ist bereits die Überschrift des Artikels irreführend. Es geht in der pränatalen Diagnostik nicht um das „perfekte Kind“. Es geht darum, das Ungeborene auf Veränderungen zu untersuchen, die mit Sicherheit oder sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu schweren körperlichen oder mentalen Störungen nach der Geburt führen werden. Auch der Begriff „Spätabbruch“ wird einseitig benutzt. Ärztlicherseits ist ein Spätabbruch als ein induzierter Abort nach der 22. Schwangerschaftswoche nach Konzeption definiert (siehe Erklärung der Bundes­ärzte­kammer zum Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik, DÄ 47/1998). Dies ist der Zeitpunkt einer möglichen extrauterinen kindlichen Lebensfähigkeit. Diese medizinische Definition eines Spätaborts wird aber im politischen Bereich leider häufig ignoriert. Weiterhin fordert Frau Braun eine „von Medizin und Humangenetik unabhängige Beratung“. Ist Humangenetik keine Medizin? Was versteht sie unter „Chromosomenbrüchen, die ein Risiko für eine zu erwartende spätere Behinderung beim Kind von zehn bis 15 Prozent (25 Prozent) aufweisen“? Diese Aussage ist medizinisch nicht nachvollziehbar.
Pränataldiagnostische Untersuchungen: Verunsicherung der Schwangeren? Foto: dpa
Pränataldiagnostische Untersuchungen: Verunsicherung der Schwangeren? Foto: dpa
Das Zitat von Prof. Bartram steht in falschem Zusammenhang. Es besagt, dass durch genetische Beratung bei bestehender Altersindikation klargemacht wird, wie gering die Risikoerhöhung für eine kindliche Chromosomenstörung ist und daher genetische Beratung oftmals zum Verzicht der Schwangeren auf eine invasive Pränataldiagnostik führt. Die von Frau Braun zu Recht genannten Anforderungen an die Beratung vor pränataler Diagnostik, vor allem aber vor einem aus der Pränataldiagnostik eventuell resultierenden Schwangerschaftsabbruch, sind von humangenetischer Seite seit Beginn der Pränataldiagnostik in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts formuliert. Ebenso finden sich diese Forderungen in der oben zitierten Erklärung der Bundes­ärzte­kammer zum Schwangerschaftsabbruch nach pränataler Diagnostik, welche unter humangenetischer Beteiligung entstanden ist. Im Positionspapier der Gesellschaft für Humangenetik (Medizinische Genetik 1996, 8: 125–31) ist gefordert: „Voraussetzung für die Inanspruchnahme (einer Pränataldiagnostik) ist nach Auffassung der Gesellschaft für Humangenetik eine umfassende Aufklärung, die den Ansprüchen einer genetischen Beratung genügt und der Schwangeren eine qualifizierte Entscheidung für oder gegen die Untersuchung ermöglicht.“ Psychosoziale Aspekte finden bei jeder humangenetischen Beratung Berücksichtigung, insbesondere im Zusammenhang von Beratung vor oder während pränataler Diagnostik. Im genannten Papier der BÄK heißt es unter anderem: „ . . . Ärzte haben ohne eingehendes Gespräch mit der Schwangeren keine Grundlage für die Indikationsstellung. Die Beratungen müssen ergebnisoffen und nichtdirektiv erfolgen. Die Teilnahme des Vaters an der Beratung ist wünschenswert.“ Folgerichtig darf nach Auffassung der Bundes­ärzte­kammer wie auch der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik ein auffälliger Befund nach Pränataldiagnostik nicht zu einer ärztlichen Aufforderung oder Empfehlung zu einem Schwangerschaftsabbruch führen. Umgekehrt wäre es allerdings realitätsfern und wohl auch haftungsrechtlich angreifbar, in der von Frau Braun geforderten Weise der Schwangeren im Beratungsgespräch nach einem pathologischen Befund der Pränataldiagnostik die gesetzlich bestehende Option eines Schwangerschaftsabbruchs aus medizinischer Indikation zu verschweigen. Mit Eugenik hat dies nichts zu tun . . .
Prof. Dr. med. Wolfram Henn,
Vorsitzender der Kommission für Grundpositionen und ethische Fragen der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik e.V., Institut für Humangenetik,
Universitätsklinikum, Bau 68, 66421 Homburg/Saar
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige