ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2006Gesundheitstelematik: Fortschritte beim Datenaustausch

TECHNIK

Gesundheitstelematik: Fortschritte beim Datenaustausch

Krüger-Brand, Heike E.

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Auch wenn die Einführung der Gesundheitskarte weiter auf sich warten lässt – die Telematikplattform nimmt langsam Gestalt an, denn der Bedarf an Lösungen für die intersektorale Kommunikation wächst.

Das allmähliche Zusammenwachsen von ambulantem und stationärem Sektor im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien lässt sich 2006 schon daran ablesen, dass erstmals die Anbieter von Arztpraxissoftware und Krankenhausinformationssystemen (KIS) in einer Messehalle (Halle 15) vereint sind. Sektorübergreifende Telematikthemen sind neben der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) Lösungen für die integrierte Versorgung – Stichwort unter anderem: intersektorale Kommunikation und Interoperabilität der Systeme. Der Ausbau der Vernetzung soll dazu beitragen, den Informationsfluss zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen zu verbessern, die Verwaltung von Patientendaten zu vereinfachen, effizientere Abrechnungsmethoden umzusetzen und teure Doppeluntersuchungen zu vermeiden.
Röntgenbilder und weitere medizinische Daten werden künftig in der elektronischen Patientenakte gespeichert. Fotos: Messe Düsseldorf
Röntgenbilder und weitere medizinische Daten werden künftig in der elektronischen Patientenakte gespeichert. Fotos: Messe Düsseldorf
Eine wesentliche Rolle innerhalb der geplanten Tele­ma­tik­infra­struk­tur spielt dabei die elektronische Patientenakte (ePA). So werden künftig niedergelassene Ärzte und Krankenhausärzte gemeinsam auf die ePA zugreifen, in der Befunde, Röntgenbilder, Laborwerte, EKG, Verordnungen und andere medizinische Daten zu einem Patienten gespeichert sind. Am Gemeinschaftsstand von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und den Kassenärztlichen Vereinigungen Nordrhein und Westfalen-Lippe wird gezeigt, wie die Patientenakte, eine der freiwilligen Anwendungen der eGK, künftig funktionieren könnte. Demonstriert wird der Austausch von Informationen zwischen Haus- und Facharzt, etwa anhand der Behandlungsdokumentation im Rahmen eines Disease-Management-Programms: An seinem Praxis-PC kann der Arzt auswählen, ob er eine Diagnose einstellen oder einen Arztbrief für einen Kollegen verfassen möchte. Dieser kann mithilfe seines elektronischen Heilberufsausweises und der Gesundheitskarte des Patienten ebenfalls von seiner Praxis aus auf den Server zugreifen. Sofort hat er alle wichtigen Informationen auf dem Schirm. Dabei kann er entscheiden, ob er sämtliche für ihn relevanten Unterlagen zu einem Patienten sehen will oder nur die zu einer bestimmten Diagnose.
Inzwischen haben einige Firmen Lösungen für die elektronische Patientenakte entwickelt, die regional – vorerst noch als Insellösungen – erprobt werden. Ein Beispiel ist die von der Compugroup GmbH, Koblenz, entwickelte Vita-X-Akte, die in der Region Trier und in der Stadt Lünen im dortigen Medizinischen Qualitätsnetz genutzt wird. Die Patientendaten werden vom behandelnden Arzt direkt in die Akte eingegeben und dort gespeichert. Sie sind von Kollegen dann in der Akte abrufbar und können ergänzt werden, wenn der Patient einverstanden ist. Patienten, die sich für die Akte entscheiden, erhalten ihre persönliche Vita-X-Card zugeschickt. Mit dieser Chipkarte und einer vierstelligen Geheimnummer (PIN) autorisieren sie Ärzte zum Lesen oder zu Eintragungen in die Akte. Nach 24 Stunden läuft die Freischaltung ab, danach muss der Patient die PIN für einen Zugriff erneut eintippen. Während der Einführungs- und Testphase ist die Karte für teilnehmende Patienten kostenfrei, anschließend soll sie fünf Euro im Monat kosten.
Im Patient-Partner-Verbund München kommunizieren dagegen Haus- und Fachärzte, Apotheker, Physiotherapeuten und ambulante Pflegedienste über die webbasierte Gesundheitsakte „Lifesensor“ der Intercomponentware AG, Walldorf. An der Medizinischen Hochschule Hannover arbeitet das Pflegepersonal mit der Software „Nancy“ (Hinz – Organisation im Gesundheitswesen GmbH), die für administrative Tätigkeiten wie Pflegeplanung, Dokumentation und Dienstübergabe genutzt werden kann. Schnittstellen zu externen medizinischen Einrichtungen sind möglich. Auch die Firma Siemens Medical Solutions GmbH (MED) bietet mit „Soarian Integrated Care“ eine ePA an, die den Austausch von medizinischen Daten zwischen Praxen und Kliniken sowie innerhalb von Krankenhausketten und mit weiteren Partnern unterstützt.
Dennoch ist Deutschland von einem flächendeckenden elektronischen Austausch an Gesundheitsdaten noch weit entfernt – telematische Kommunikation ist im Klinik- und Praxisalltag noch keine Routine. So kommunizieren viele Ärzte weiterhin mit Brief, Telefon und Fax. Vor diesem Hintergrund starteten 2005 15 Mitgliedsunternehmen des VHitG (Verband der Hersteller von IT-Lösungen für das Gesundheitswesen; Internet: www.vhitg.de) die Initiative „Intersektorale Kommunikation“. Ziel des herstellerübergreifenden Projekts ist es, einheitliche Standards für den sektorübergreifenden elektronischen Datenaustausch zu entwickeln, denn erst auf der Basis von Standards können alle beteiligten Ärzte potenziell auf Daten in einer ePA zugreifen, unabhängig davon, mit welchem System sie arbeiten. Ähnlich ist es mit elektronischen Arztbriefen, die Ärzte in Krankenhäusern und Praxen untereinander per E-Mail austauschen. Die Einigung auf Standards und deren Weiterentwicklung wird proprietäre Lösungen zurückdrängen und langfristig Kosten senken.
Das multifunktionale Kartenterminal “Card Star/medic2“ von Celectronic kann bereits für die Tests der elektronischen Gesundheitskarte eingesetzt werden. Foto: Celectronic
Das multifunktionale Kartenterminal “Card Star/medic2“ von Celectronic kann bereits für die Tests der elektronischen Gesundheitskarte eingesetzt werden. Foto: Celectronic
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Informationstechnologie im Krankenhaus
Bei den Krankenhäusern geht es vor allem um Prozessoptimierung und einen verbesserten Kommunikations- und Datenfluss mittels IT. Experten gehen davon aus, dass sich durch den IT-Einsatz bis zu 30 Prozent an Kosten einsparen lassen. Zu den Schwerpunktthemen zählt daher das Medizin-Controlling, das heißt, Lösungen unter anderem für die Patientensteuerung, die sektorübergreifende Versorgung, die Integration von Behandlungspfaden und die interne Workflowunterstützung. So werden IT-Systeme zur Steuerung sämtlicher Routineabläufe in den Krankenhäusern immer wichtiger, um komplexe klinisch-administrative Prozesse zu unterstützen und das Kostenmanagement zu verbessern. Mit „Management-Führungs-Informationssystemen“ können die Einrichtungen besser und schneller auf kurzfristig sich ändernde Rahmenbedingungen reagieren. Diese Systeme ermöglichen es, über die pauschalisierte Abrechnung mit den Krankenkassen hinaus zu berechnen, wie viele Kosten der einzelne Patient dem Krankenhaus tatsächlich verursacht. Für die am Patienten orientierte Wirtschaftlichkeitsberechnung müssen die Vergütung der Behandlung sowie Personal- und Sachkosten dynamisch miteinander verknüpft und in ihrer zeitlichen Entwicklung dargestellt werden. Hierfür ist eine multidimensionale Datenbank erforderlich, mit der beliebige Parameter kombiniert und mögliche Lösungen simuliert werden können.
Mit der Einführung von Internettelefonie (Voice over IP; VoIP) beschäftigen sich immer mehr Krankenhäuser. Die Preise sind deutlich gesunken, und die Hersteller von Telefonanlagen bieten inzwischen ausgereifte Lösungen an. Bei der Entscheidung für VoIP ist jedoch zu beachten, dass die Telefonie dabei zu einer IT-Anwendung wird – zu einer vergleichsweise kritischen Applikation. Das lokale Netz wird mit VoIP komplexer und – durch die Zusammenschaltung von Computer und Telefon – störanfälliger. Neben der Frage nach der Netzqualität bei Sprachdiensten muss dies vor allem bei Patienten- oder Notrufsystemen, die über VoIP betrieben werden, berücksichtigt werden, denn diese Dienste sollen permanent verfügbar sein. Auch hier ist der Betrieb eines Managementsystems eine geeignete Lösung, um die qualitätskritischen Faktoren zu überwachen. Anbieter in diesem Bereich sind beispielsweise Data Systems, Braunschweig, und Avaya, Frankfurt/Main.
Immer wichtiger wird darüber hinaus der Einsatz von Informationstechnik in der Pflege. Darunter fallen beispielsweise die Pflegediagnostik und Pflegeleistungserfassung, das Case Management und die interne Organisation der Pflege in den Krankenhäusern. Eine Lösung hierfür ist beispielsweise das Stationsmanagement „PIP.Base“ im KIS „iMedOne“ von TietoEnator, Frechen, das Pflegekräfte bei der Darstellung der Zimmer- und Bettenkapazitäten bis zur Disposition von aufgenommenen, verlegten oder entlassenen Patienten unterstützt. Die Kontextmenüs zum Patienten sind der direkte Einstieg in die Patientenakte. Auch die MCS AG, Eltville, hat ein Pflegemodul in die elektronische Patientenakte ihres Systems „MCS vianova Klinik“ integriert, mit dem sich der Pflegeprozess vollständig dokumentieren lässt.
Patientensicherheit durch RFID-Technologie
Die RFID(Radio Frequency Identification)-Funktechnologie und ihr Einsatz im Gesundheitswesen ist ein weiteres Messethema. So zeigt das Unternehmen MCS innerhalb seines KIS den Einsatz von RFID im Akutkrankenhaus. Das System unterstützt den Prozess der Bluttransfusion von der Verordnung bis zur Verabreichung durch den Einsatz von RFID. Nach der Anforderung wird im Krankenhauslabor eine für den Patienten passende Blutkonserve bereitgestellt und mittels RFID gekennzeichnet. Diese Kennung wird an das KIS übermittelt. Vor der Transfusion wird anhand dieser Kennung überprüft, ob das Blutprodukt zum Patienten kompatibel ist. Im Falle der Freigabe ist die Abgabe dokumentiert, und es werden gleichzeitig die Daten für die Verrechnung generiert. Ein ähnlicher Workflow wird in der Onkologie eingesetzt.
Digitales Diktieren trägt dazu bei, die medizinische Dokumentation zu beschleunigen und Abläufe in der klinischen Routine effizienter zu gestalten. Foto: Philips Speech Processing
Digitales Diktieren trägt dazu bei, die medizinische Dokumentation zu beschleunigen und Abläufe in der klinischen Routine effizienter zu gestalten. Foto: Philips Speech Processing
Digitales Diktat und Spracherkennung
Nahezu jedes dritte Krankenhaus nutzt inzwischen digitale Diktiersysteme für die Befund- und Arztbriefschreibung. Die Radiologen waren die erste Fachgruppe, für die sich Spracheingabe-Textausgabe-Systeme eigneten, weil sie einen stark formalisierten, eng umgrenzten Fachwortschatz verwenden. Nach den großen Fortschritten, den die computergestützte Sprachverarbeitung und Spracherkennung in den vergangenen Jahren gemacht hat, wird der Einsatz zunehmend auch für andere Fachgruppen, wie etwa für Internisten, interessant. Bereits der Übergang von der analogen zur digitalen Spracheingabe trägt dazu bei, die Abläufe in den Krankenhäusern zu beschleunigen, weil die Informationen unmittelbar nach dem Diktat als Audiodateien an mehrere Funktionsstellen verteilt werden können und die Banddiktate nicht mehr physikalisch zum Empfänger transportiert werden müssen.
Die automatisierte Spracherkennung geht noch einen Schritt weiter: Spracherkennungssysteme wan- deln den gesprochenen Text direkt in Klarschrift um, sodass er online entweder vom Arzt selbst abschließend bearbeitet oder offline anschließend von der Schreibkraft nur noch auf Fehler hin korrigiert werden muss. Auch für das digitale Diktat von unterwegs gibt es inzwischen verschiedene Produkte am Markt. So lässt sich mit dem „Philips Pocket Memos“ beispielsweise das Diktat auf einer Speicherkarte sichern und über E-Mail oder eine gesicherte Internetverbindung zur Weiterbearbeitung ins Netz-werk überspielen. Lösungen für die Sprachtechnologie präsentieren unter anderem die Unternehmen Philips Speech Recognition Systems,
Nuance Deutschland GmbH, Olym-pus und die 4Voice AG.
Heike E. Krüger-Brand


Medica 2006 im Überblick

Informationen: Während der weltgrößten Medizinmesse Medica (15. bis 18. November 2006, Düsseldorf) präsentieren 4 200 Aussteller aus 67 Nationen ihre Systeme und Lösungen aus dem Medizintechnikbereich und der Informations- und Kommunikationstechnologie für das Gesundheitswesen. Zeitgleich wird die ComPaMED (Internationale Fachmesse für den Zuliefermarkt der medizinischen Fertigung) veranstaltet.
Internet: www.medica.de
Sonderschauen: Medica Media – Medizinische Informationssysteme und Telemedizin; elektronische Gesundheitskarte (www.medicamedia.de);
Medica meet.IT – Anwenderforum für medizinische Software für Krankenhäuser, Arztpraxen und Laboratorien
Medica Vision – Innovationsforum für Forschungseinrichtungen und Universitäten
IVAM-Forum – Vom Fachverband für Mikrotechnik organisierte Sonderschau zu den Bereichen Manufacturing,
Mikrotechnik, Nanomedizin und neue Materialien auf der ComPaMED (www.ivam.de)

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