ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2006Gefährliches Halbwissen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Vergleichsweise oft werde ich gefragt, was denn zu lesen sei, um an der Börse Erfolg zu haben. Meist frage ich dann zurück, welche Publikationen der Anrufer sich denn vorstellen könne, die ihm kompetent weiterhülfen. Kurioserweise werden an erster Stelle Börsenbriefe genannt, dann folgt der Wirtschaftsteil der FAZ, dann Wirtschaftswoche, Capital, den Rest hab ich vergessen.
Oft genug spüre ich dann eine gewisse Enttäuschung, wenn ich meine Meinung äußere, das Studium der Wirtschaftspresse bringe einen nicht wirklich weiter, zumindest nicht in Sachen einer treffsicheren aktuellen Anlageentscheidung.
Bei Börsenbriefen ist die Überzeugungsarbeit natürlich nicht so schwer, es leuchtet den meisten unmittelbar ein, dass nur dann einer Börsenbriefe schreibt, wenn er keine Ahnung von Werten hat, die in Zukunft avancieren (könnten). Hätte er dieses Wissen, würde er garantiert keine Postille dieser Art schreiben. Die Motivlage ist meines Erachtens eindeutig anders, im schlimmsten Fall hieße das, Werte vorkaufen, zumindest jedoch Größenwahn öffentlich pflegen und auch noch daran auflagenmäßig profitieren.
Schwerer wird die Argumentation bei hoch soliden Zeitungen, wie etwa der FAZ. Es ist schon klar, dass das Lesen des Wirtschaftsteils komplizierte ökonomische Zusammenhänge verstehen hilft, und die FAZ macht das wirklich vorzüglich, ich lese die auch von vorne bis hinten durch, aber ich bleibe dabei, einen Vorteil in der Anlagepolitik hat der Leser insoweit nicht, dass er durch das bessere ökonomische Verständnis Vorteile in der konkreten Aktienauswahl hat.
Dies mag sehr enttäuschen, so viel Mühe und dann doch kein Ertrag. Dieses Paradoxon lässt sich aber, wie ich hoffe, plausibel aufklären. Moderne Kapitalmarkttheorien gehen davon aus, dass in einem Kurs alle relevanten Informationen bereits verarbeitet sind, der Aktienkurs also selbst das eben publizierte Wissen vorweggenommen hat, weil es immer noch eine gewisse Zeit braucht, bis die Nachricht beim Leser ankommt. Bis dahin haben aber bereits andere den Braten unter sich aufgeteilt.
Ähnlich schlecht dran sind übrigens auch normale Bankkunden, wenn sie auf Anlageempfehlungen ihrer Hausbank vertrauen. Bis eine Analyse zu einem Titel mit dem Urteil „strong buy“ in einer Filiale ankommt, sind der Eigenhandel der Bank und die zum Haus gehörenden Fondsgesellschaften längst in Vorleistung getreten. Da nützt auch die schönste Fachsimpelei mit dem Anlageberater nichts, wenn der (nicht mehr steigende) Kurs all das enthält, worüber die beiden in trauter Runde kompetent sprechen.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.