ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2006Von schräg unten: Doctors hopping

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Doctors hopping

Dtsch Arztebl 2006; 103(47): [92]

Böhmeke, Thomas

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Eine der vielen Krankheiten, die unser Gesundheitssystem dahinsiechen lassen, ist die überzogene Inanspruchnahme ambulanter ärztlicher Leistungen, auch Doctors hopping genannt. Führende Politiker haben den hemmungslosen Missbrauch der Chipkarte als ressourcenverschlingende Metastase der freien Arztwahl identifiziert. Aber erst dadurch kann das System unsere Patienten in die Lage versetzen, ihren persönlichen Doktor auszusuchen, der sie auf höchstem Niveau umfassend und treu versorgt. Soll dieses hohe Gut wirklich zugunsten der Kosteneffizienz eradiziert werden?
Ein mir noch unbekannter Patient schildert seinen Leidensweg: „Also, Ihr Kollege A., der ist ja überhaupt nicht sortiert, bei dem da musste ich eine geschlagene Stunde warten, aber ich sage Ihnen, nicht mit mir! Der hat mich zum letzten Mal gesehen!“ Kollege A. ist mir als äußerst gewissenhaft und sorgfältig arbeitender Kollege gut bekannt, der exzellente Anamnesen erhebt. Diese sicherlich sehr lobenswerte Arbeitsweise kann sich schon mal nachteilig auf die Wartezeiten auswirken . . . „Und bei Ihrem Kollegen B., da stimmt der Service schon mal gar nicht, da kriegt man noch nicht mal Kaffee im Wartezimmer!“ Kollege B. ist ein hervorragender Diagnostiker, der sich bei Sonographien und Endoskopien ein bisschen mehr Zeit nimmt, um den Problemen auf den Grund zu gehen. Wenn es sein muss, wühlt er in internationalen Datenbanken, um seinen Patienten weiterzuhelfen. Da kann es schon mal passieren, dass er darüber den Kaffee vergisst . . . „Ihr Kollege C. ist nicht mal in der Lage, kostenfreie Parkplätze zur Verfügung zu stellen!“ Kollege C. genießt meinen tiefsten Respekt, da er sich trotz wiederholter Regresse immer noch Tag und Nacht für seine Schutzbefohlenen aufopfert . . . „Und Ihr Kollege D. meint, er dürfte das Herzecho nicht mehr machen, weil er es nicht mehr abrechnen darf. Ja, ja, aber wenn ihr das privat abrechnen tut, könnt ihr plötzlich wieder alles!“ Kollege D. verfügt über profunde Kenntnisse der Echokardiographie, ist aber hausärztlich niedergelassen und kann daher die Farbdopplerechokardiographie nicht im Rahmen der hausärztlichen Versorgung abrechnen. Mal ganz abgesehen davon, dass sich moderne diagnostische Geräte über die Entgelte der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rungen kaum noch finanzieren lassen: Derartige Leistungen privat abzurechnen wäre eine Schnellstraße zur sozialgerichtlichen . . . „Nachdem alle Ihre Kollegen versagt haben, ruht meine Hoffnung nun auf Ihnen, Herr Blömeke!“
Ich schicke den Patienten erst mal ins Wartezimmer und sage meinen Arzthelferinnen, sie sollen ihn eine halbe Stunde warten lassen, aber vorher den Kaffee wegräumen. Ich will bei den Kollegen schließlich nicht in Verruf kommen, ich würde mich nur noch um Parkplätze und Kaffee kümmern und wäre an medizinischer Qualität nicht mehr interessiert.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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