ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2006Medizin in Angola: Zwischen alten Weisheiten und Traditionen

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Medizin in Angola: Zwischen alten Weisheiten und Traditionen

Scheunemann, Renate

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Die Autorin, eine praktische Ärztin aus Nürnberg, ist von Mai bis November 2006 für das Komitee Cap Anamur in Oncocua, Angola, im Einsatz.

Aufgeregt flattert ein Huhn hin und her. Es kann nicht fliehen, weil es an den Füßen festgebunden ist. Daneben steht eine Kürbis-Kalebasse mit Wasser. Der übrige Besitz der Familie, die ihre Oma ins Krankenhaus begleitet hat, ist in ein großes Tuch eingeschlagen. Wir befinden uns in einem Patientenzimmer im Hospital von Oncocua.
Solche Szenen sind hier normal. Besonders jene Kranken, die sonst unter freiem Himmel leben, bringen ihre Habseligkeiten mit ins Krankenhaus. Wer kann, verbringt den Tag im Steppengras unter den Bäumen in der Nähe des Krankenhauses. Für die Nacht kommen sie wieder ins Haus. Viele schlafen jedoch lieber auf dem Fußboden als in den Betten. Sie stellen die Matratzen seitlich auf, damit sie durch die Bettgitter schauen können, und legen sich auf einer Decke unter das Bett. Als Kopfkissen kann ein flacher Stein dienen. Erst für die morgendliche Visite legen sie sich dann auf ihr Bett, so müssen wir uns nicht so tief bücken.
Als einzige Ärztin der Region begleite ich die leitenden Pfleger und ihren Stab bei der Visite. Jorge Ndombolo, der Leiter der Krankenhausambulanz, hat mehrere Semester Medizin studiert. Was ihm an theoretischem Wissen fehlt, gleicht seine Erfahrung aus. Christiano Ernesto, der Pflegedienstleiter, ist ein hervorragender Geburtshelfer und Leiter des Impfteams. Auch Ernesto Jorge, der Krankenhausverwalter, ist ausgebildeter Krankenpfleger.
Seit 2003 wird das Hospital, das ein Gebiet mit etwa 14 000 Einwohnern versorgt, von einem Arzt/einer Ärztin oder einer erfahrenen Krankenschwester vom Komitee Cap Anamur fachlich unterstützt. Außerdem kommen fast alle Medikamente von Cap Anamur. Hier war die Organisation schon während des Bürgerkriegs im Einsatz gewesen.
Oncocua liegt im Südwesten
Angolas, in der Provinz Kunene. In Nachbarschaft zu Namibia liegt es in der felsigen Region Kuroca. Die hier lebenden Halbnomaden, Makauaner und Muschimbas, betreiben überwiegend Ziegen- oder Rinderzucht. Von der Jagd und den Früchten der Natur leben die Mutwas. Sie leben unter Baumkronen und schlafen im Sand der trockenen Flussbetten. Die Volksgruppen sprechen Bantu-Dialekte und können sich untereinander kaum verständigen. Im Klinikalltag ist es wichtig, dass einige Pfleger und Schwestern diesen Gruppen entstammen und ins Portugiesische übersetzen können.
Oft kommen die Patienten in tagelangen Fußmärschen zur Klinik. So brachte eine Familie ihren Sohn, der wegen einer zerebralen Malaria bereits seit zwei Tagen bewusstlos und nicht mehr zu retten war. Eine andere Patientin war drei Tage lang mit einer offenen Oberarmfraktur unterwegs. Nach der Erstversorgung mussten wir sie in einer achtstündigen Fahrt zur nächstgelegenen Klinik, die über ein Röntgengerät verfügt, bringen.
Obwohl es in der Trockenzeit weniger Anopheles-Mücken gibt, sehen wir täglich Malariafälle. Hier herrscht die Malaria tropica vor, deren Bild noch bunter ist, als es in den Lehrbüchern steht. Ein hysterischer Anfall, leichte Inappetenz oder Muskelschmerzen sind Anlass für einen Blutausstrich, der dann meistens positiv ausfällt. Oft fehlt das Fieber. Die zerebrale Form der Malaria verursacht hier die meisten Todesfälle. Eine Intensivstation gibt es nicht.
Frakturen der Extremitäten sind häufig. Wir können sie, ohne Röntgenkontrolle, nur mit Gips versorgen. Viele schwere Verbrennungen entstehen durch die offenen Feuerstellen. In Oncocua leben mehrere Menschen mit Aids, aber von einer Pandemie ist man hier weit entfernt. Dass bisher noch kein Cholerafall aufgetreten ist, verdankt die Gegend ihrer Abgeschiedenheit.
Im Einklang mit der Natur: Die medizinische Versorgung der sehr traditionell lebenden Menschen erfordert Fingerspitzengefühl. Fotos: Renate Scheunemann
Im Einklang mit der Natur: Die medizinische Versorgung der sehr traditionell lebenden Menschen erfordert Fingerspitzengefühl. Fotos: Renate Scheunemann
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Mitte Juli starben zwei Kleinkinder an Durchfallerkrankungen. Sie hatten sich durch schmutziges Wasser infiziert. Wer glücklich ist, überhaupt eine Wasserstelle in der Nähe zu haben, dem ist es kaum verständlich, dass er sein Trinkwasser erst desinfizieren oder abkochen soll. Leider wird das Grundwasser einiger Brunnen nicht zu einer Entnahmestelle für sauberes Trinkwasser geleitet, sondern in eine Tiertränke. Dies will der Techniker von Cap Anamur in Absprache mit den angolanischen Behörden ändern.
Diskutiert wird darüber, ob einige gut erreichbare medizinische Zentren besonders modern ausgestattet werden sollten oder ob es wichtiger wäre, das Niveau der schlecht erreichbaren Kliniken zu heben. Um die Basisversorgung sicherzustellen, gibt es in der Provinz Kunene verstreut kleine Gesundheitsstationen, die von Krankenpflegern betreut werden. Um Lücken in der Medikamentenversorgung durch die Regierung zu schließen, ergänzt Cap Anamur den Bedarf von zwölf solcher „Postos“.
Die medizinische Versorgung der sehr traditionell lebenden Menschen erfordert viel Fingerspitzengefühl. Zunächst Unverständnis, doch dann Zustimmung erhielt ich vom Krankenhauspersonal, als ich einem alten Mann und seiner Familie erlaubt hatte, dass er unter einen Baum neben dem Krankenhaus umzieht, um unter den Sternen zu sterben. Die Angolaner müssen auch im Gesundheitswesen einen Weg finden, neue Methoden mit alten Weisheiten und Traditionen zu verbinden.
Wünschenswert wäre, dass die Provinzregierung von Kunene dafür sorgt, dass ein Arzt dauerhaft in Oncocua arbeitet und das Hospital-Team dazu befähigt wird, die volle Verantwortung für sein Haus zu übernehmen.

Dr. med. Renate Scheunemann
www.cap-anamur.org

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