ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2006Filmkritik: Sinnsuche im deutschen Mittelgebirge

KULTUR

Filmkritik: Sinnsuche im deutschen Mittelgebirge

Dtsch Arztebl 2006; 103(47): A-3204 / B-2791 / C-2674

Osterloh, Falk

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Foto: Filmgalerie 451
Foto: Filmgalerie 451
In „Montag kommen die Fenster“ zeigt Regisseur Ulrich Köhler die Odyssee seiner Heldin, der Anästhesistin Nina.

Nina ist Anästhesistin. Mit ihrem Mann und ihrer Tochter ist sie von Berlin nach Kassel gezogen, mal raus aus der Großstadt. Hier arbeitet sie auf grellen Fluren zwischen piependen Maschinen und leidenden Menschen. Ihr Mann bleibt zu Hause, kümmert sich um die Tochter. Zusammen haben sie sich ein Haus gekauft, ein altes Haus mit eigenem Garten. Nina hat sich einige Tage freigenommen, es müssen noch Fliesen gelegt, die Wände neu tapeziert werden. Es ist Herbst in Kassel, früh wird es dunkel, die Blätter fallen herab. Der Nachbarssohn ist krank, sein Blut ist zu dick.
Ninas Leben steht an einem Scheideweg. Ihr altes Leben hat sie verlassen, um einen Neuanfang zu wagen. Doch auch das neue Leben hat keine Antworten parat. Ihre Ehe kränkelt, Routine verschlingt die Lebenslust. Als sie in der Nacht bei gleißendem Scheinwerferlicht die alte Tapete von den Wänden kratzen, hält sie es nicht mehr aus. Sie setzt sich in ihr Auto und fährt davon, sie weiß selbst nicht wohin. Sie landet bei ihrem Bruder im Harz, streift bald ziellos durch die kahlen Wälder, der erste Schnee fällt herab, und vergräbt sich unwillkürlich in einem Hotel aus den 70ern, einem grauen Betonblock, der in diesen Bergen ebenso verloren ist wie sie.
„Montag kommen die Fenster“ ist ein ungewöhnlicher Film. In elementaren Bildern zeigt Regisseur Ulrich Köhler die Odyssee seiner Heldin, die sie gleichermaßen durch die karge Landschaft der deutschen Provinz wie durch die nebulösen Lebensängste ihres Unbewussten führt. Wie eine Traumwandlerin entfernt sich die junge Ärztin von ihrem Leben, ihrem Mann, ihrer Tochter, allen gesellschaftlichen Erwartungen, ohne zu wissen, wohin sie gelangen wird, wohin sie gelangen will. Heimlich in einem Hotelzimmer verbarrikadiert, isst sie im Morgengrauen Rinderbraten mit den Fingern und gibt den Annäherungen eines alternden Tennisspielers (Ex-Tennisstar Ilie Nastase) nach, der in dieser Welt genau wie sie kein Zuhause mehr hat.
„Montag kommen die Fenster“ ist ein beeindruckender Film. Er lässt sich Zeit für seine Figuren, zeigt in langen, kunstvoll choreografierten Bildern das menschliche Zusammenleben und gleitet dabei unmerklich vom Realen ins Surreale – nur um dadurch seine Authentizität noch zu verstärken. Denn je weiter Nina sich von ihrem Leben entfernt, werden ihre Emotionen, ihre Ziellosigkeit nach außen projiziert und münden in der elegischen Bestandsaufnahme einer „prädepressiven“ Seelenlandschaft, so Nina-Darstellerin Isabelle Menke während der Premiere in Berlin. Ulrich Köhler gelingt es in seinem zweiten Spielfilm, die Gefühle seiner Figuren in Bildern auszudrücken. Jenseits ausgetretener Erzählpfade beschreibt er furchtlos und in künstlerischer Konsequenz seine Figuren, die sich auf der Suche nach sich selbst verloren haben und nun versuchen müssen, einen (neuen) Ort für sich zu finden. Dabei ist es kein mutloser, aber ein ehrlicher Film, der sich traut, die existenziellen Fragen einer Gesellschaft zu visualisieren, die von ihren Mitgliedern – und dabei gerade auch von Ärztinnen und Ärzten – zunehmende Mobilität und zunehmenden Arbeitseinsatz abverlangt.
Für seinen Film ist Ulrich Köhler mit dem Hessischen Filmpreis in der Kategorie „Bester Spielfilm“ ausgezeichnet worden.
Falk Osterloh


„Montag kommen die Fenster“: Deutschland 2006, 88 Minuten, Regie: Ulrich Köhler, Produktion: Katrin Schlösser, Darsteller: Isabelle Menke, Hans-Jochen Wagner, Amber Bongard,
Ilie Nastase
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