ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2006Bundeshauptversammlung des NAV-Virchow-Bunds: Mit neuem Vorstand auf zu neuen Allianzen

POLITIK

Bundeshauptversammlung des NAV-Virchow-Bunds: Mit neuem Vorstand auf zu neuen Allianzen

Dtsch Arztebl 2006; 103(47): A-3156 / B-2751 / C-2635

Blöß, Timo; Rieser, Sabine

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Auf gute Verbandsarbeit: Dr. med. Maximilian Zollner (links) gratuliert seinem Nachfolger Dr. med. Klaus Bittmann. Fotos: Georg J. Lopata
Auf gute Verbandsarbeit: Dr. med. Maximilian Zollner (links) gratuliert seinem Nachfolger Dr. med. Klaus Bittmann. Fotos: Georg J. Lopata
Dr. med. Klaus Bittmann wird Bundesvorsitzender des NAV. Dieser positioniert sich stärker gegen das KV-System.
Der NAV-Virchow-Bund setzt für die Zukunft auf eine Vernetzung mit anderen ärztlichen Verbänden und Organisationen, wie sie im Kern bereits zur Organisation der bundesweiten Ärzteproteste in Form der Allianz Deutscher Ärzteverbände entstanden ist. Gleichzeitig hofft der Verband darauf, dass wieder mehr jüngere Kollegen seine Reihen verstärken. Kein einfaches Unterfangen, wie ein Delegierter während der diesjährigen Bundeshauptversammlung vom 17. bis 19. November in Berlin einräumte: „Die jungen aktiven Ärzte sind in einem anderen Verband, nämlich in der Freien Ärzteschaft.“
Doch mit der Wahl seines neuen Bundesvorstands signalisiert der NAV, dass er beweglicher agieren will: Mit Zweidrittelmehrheit wählten die Delegierten Dr. med. Klaus Bittmann als Nachfolger von Dr. med. Maximilian Zollner, der nach zwölfjähriger Amtszeit nicht mehr zur Verfügung stand. Als Gegenkandidat war Dr. med. Martin Junker angetreten.
Bittmann war bis zu einem umstrittenen Gerichtsurteil gegen ihn Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Schleswig-Holstein und engagiert sich seit Längerem in der Ärztegenossenschaft seiner Heimat sowie seit Kurzem als Sprecher des „Bundesverbands der Ärztegenossenschaften“. Im NAV will er sich für neue Allianzen und einen gut vorbereiteten Ausstieg der Ärzte aus dem KV-System einsetzen.
Der 63-Jährige hatte sich vor seiner Wahl einen jüngeren Vorstand ausbedungen, den er bekam: Zu seinen Stellvertretern wurden Allgemeinmediziner Dr. med. Klaus Bogner (48) und Kinderchirurg Stefan Kraft (40) gewählt, dazu vier Beisitzer mittleren Alters.
Zuvor war der scheidende Bundesvorsitzende Zollner auf die geplante Gesundheitsreform eingegangen, die er erneut heftig kritisierte: „Sprach Angela Merkel letzte Woche auf dem Arbeitgebertag von ihrer Regierungspolitik als einem Dreiklang aus Sanieren, Reformieren und Investieren, so stelle ich fest: Übertragen auf das Gesundheitswesen nach der Gesundheitsreform im nächsten Jahr, heißt ihre Politik reduzieren, regulieren, frustrieren.“
Zollner verwies aber gleichzeitig auf die gestiegene Solidarität innerhalb der Ärzteschaft und auf die anhaltende Proteststimmung. Ein Ende der ärztlichen Verbände sieht er nicht kommen. Sie seien nach wie vor wichtige Kristallisationspunkte, würden aber nur Erfolg haben, „wenn sie neben einer effektiven und machtvollen Interessenvertretung auch immer das Gemeinwohl im Blick haben.“
Interessen fair aushandeln
In der den Beratungen vorangegangenen öffentlichen Veranstaltung stand das Thema der Generationengerechtigkeit in den sozialen Sicherungssystemen im Mittelpunkt. Die Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, Dr. Margot Käßmann, schilderte in einem Vortrag ihre Sichtweise. Lange sei die Lebenserfahrung und die Weisheit der Älteren zum Nutzen aller in die Gesellschaft eingebracht worden, erinnerte Käßmann: „Das ist in unserem Land auf tragische Weise verloren gegangen.“ Heute schienen dagegen Junge gegen Alte zu agieren. Die einen sorgten sich um ihren Job, wenn sie älter würden, die anderen plage die Sorge, ob sie überhaupt eine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekämen. Es müsse gelingen, diese Interessen fair miteinander auszuhandeln, forderte Käßmann.
Zugleich betonte die Bischöfin, dass das Alter nicht aus sozialer Verantwortung entlasse. So könnten auch ältere Menschen zu einer funktionierenden Gesellschaft beitragen. „Wir brauchen in Deutschland eine Kultur der guten Nachbarschaft, der Fürsorglichkeit“, so Käßmann. Ältere könnten beispielsweise Schülern beim Lesenlernen helfen oder sich in Hospizen engagieren. Der Staat allein könne nicht alles leisten.
Grundsätzlich ist Käßmann dafür, die Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen und dessen Wahlfreiheiten auszubauen: „Warum soll das ausgerechnet im Gesundheitswesen nicht möglich sein?“ Man müsse darüber diskutieren, ob man Kran­ken­ver­siche­rungsbeiträge abhängig von gesundheitsschädigendem oder -förderndem Verhalten staffele, meinte sie: „Raucher haben ein erhöhtes Risiko – warum sollen sie nicht mehr zahlen?“ Zugleich sollten Versicherte sich optional versichern können, zum Beispiel um eine Chefarztbehandlung in Anspruch nehmen zu können. Ebenso sprach sich Käßmann dafür aus, für Menschen, die mehr Geld für ihre Versicherung bezahlten, kürzere Wartezeiten bei Ärzten vorzusehen.
Eigenverantwortlichkeit und eine Kultur der Fürsorglichkeit schließen sich nicht aus: Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann bei ihrem Gastvortrag.
Eigenverantwortlichkeit und eine Kultur der Fürsorglichkeit schließen sich nicht aus: Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann bei ihrem Gastvortrag.
Nötig: mehr Bescheidenheit
Prof. Dr. med. Fritz Beske vom gleichnamigen Forschungsinstitut in Kiel gab allerdings zu bedenken, dass mehr Eigenverantwortung leicht zu fordern sei, beispielsweise in der Form, dass Menschen, die in jungen Jahren keine Vorsorge betrieben hätten, im Alter die Behandlung selbst zahlen müssten. Was aber, wenn sie dann nicht ausreichend Geld haben? „Wer soll dem 80-jährigen Krebskranken später die Behandlung verweigern?“, fragte Beske. Auch unter den NAV-Delegierten war an dieser Stelle Unmut zu verspüren. „Das müssen die Ärzte dann wieder machen“, ruft einer dazwischen, ein anderer ergänzt: „Dann sind wir wieder die Schuldigen.“ Darum, so Beske, sei es zwar notwendig, Werte und Ziele vor Augen zu haben. „Am Ende aber muss man konkret werden und sagen, wie das umgesetzt werden soll.“ Hauptaufgabe der Politik sei es, „intelligente Wege der Leistungskürzung zu finden“. Darüber hinaus verlangte Beske: „Wir müssen lernen, bescheidener zu werden.“ Timo Blöß, Sabine Rieser
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