ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2006Medizinische Rehabilitation: Die Talsohle durchschritten

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Medizinische Rehabilitation: Die Talsohle durchschritten

Dtsch Arztebl 2006; 103(47): A-3164 / B-2758 / C-2640

Hibbeler, Birgit

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Die Altersstruktur in der Rehabilitation der DRV verändert sich, denn das Renteneintrittsalter wird schrittweise erhöht. Foto: Peter Wirtz
Die Altersstruktur in der Rehabilitation der DRV verändert sich, denn das Renteneintrittsalter wird schrittweise erhöht. Foto: Peter Wirtz
Erstmals seit Jahren verzeichnen die Rentenversicherungsträger wieder einen Aufwärtstrend bei Anträgen und Bewilligungen medizinischer Rehabilitation.
Der Grundsatz „Reha vor Rente“ ist ein vernünftiges Anliegen. Dennoch ist die Zahl der Anträge und Bewilligungen von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation bei den Rentenversicherungsträgern in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken. Die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt und der auf Rekordniveau gesunkene Krankenstand wurden unter anderem dafür verantwortlich gemacht. Nun aber ist offenbar Licht am Ende des Tunnels sichtbar: Für das Jahr 2006 verzeichnet die Rentenversicherung einen Aufwärtstrend. „Die Talsohle bei den Anträgen ist durchschritten“, erklärte Thomas Keck, Abteilungsleiter Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Bund, beim Reha-Forum in Berlin.
Die DRV Bund rechnet mit rund 422 000 bewilligten Anträgen auf Leistungen zur medizinischen Rehabilitation für 2006. Das entspricht einer Steigerung von vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Von einer wirklichen Trendwende könne aber noch nicht gesprochen werden, betonte Keck. Man gehe von einem Anstieg bei den Krankheiten der Bewegungsorgane aus. In den Bereichen Psychosomatik und Herz-Kreislauf sei der Zuwachs schwächer ausgeprägt. Eine Entwicklung der vergangenen Jahre setzt sich auch 2006 fort: Der Anteil der ambulanten Rehabilitation wächst. Besonders hoch sei dabei die Inanspruchnahme in Ballungsräumen, erklärte Keck.
Ambulante Reha wächst
Auch wenn der Optimismus verhalten ist: Der Aufwärtstrend in der medizinischen Rehabilitation wird auch für die kommenden Jahre prognostiziert. Bis zum Jahr 2010 gehe die Rentenversicherung von einem Anstieg der zu erbringenden Leistungen von rund acht Prozent aus, sagte Dr. Axel Reimann, Direktor der DRV Bund. Verantwortlich dafür sei vor allem der erwartete Zuwachs bei den Anschlussheilbehandlungen (plus 22 Prozent). In der ambulanten Rehabilitation rechne man sogar damit, dass sich der Anteil mehr als verdopple. Zurzeit werden etwa 8,5 Prozent der Reha-Leistungen zulasten der Rentenversicherungsträger ambulant erbracht. In der stationären Rehabilitation prognostizieren Experten langfristig eine rückläufige Entwicklung in der orthopädischen und kardiologischen Rehabilitation, während die Onkologie, Psychosomatik und Sucht zulegten.
Der für die kommenden Jahre erwartete Anstieg hat mehrere Ursachen. Zum einen wird die Zahl chronisch Kranker zunehmen. Ein weiterer Grund: Das Renteneintrittsalter wird schrittweise von 65 auf 67 erhöht. Mit der neuen gesetzlichen Altersgrenze wird die Rentenversicherung auf lange Sicht für zwei weitere Jahrgänge zuständig. „Die Regelaltersgrenze 67 wird die Rehabilitandenstruktur deutlich verändern“, sagte Keck.
Der Rehabilitation kommt angesichts der demografischen Entwicklung eine noch wichtigere Rolle zu als bislang. Denn es ist eine wichtige Aufgabe, Menschen so lange wie möglich in Beschäftigung zu halten. Dieser Meinung ist Franz Müntefering, Bundesminister für Arbeit und Soziales. „Wir werden die Älteren brauchen“, erklärte der SPD-Politiker beim Reha-Forum. Dabei gehe es zum einen darum, Unternehmen dazu zu ermutigen, ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen. Unerlässlich sei es aber auch, dass die Arbeitnehmer länger fit blieben. „Deshalb wollen wir neben der Prävention auch weiterhin die Rehabilitation stärken“, kündigte Münterfering an. Zwar könne die Rehabilitation manchmal nicht in konkreten Zahlen belegen, was sie bewirke. „Aber die Menschen wissen zu schätzen, was in diesem Bereich in Deutschland möglich ist“, so Müntefering.
In der Tat sehen sich die Verfechter der medizinischen Rehabilitation immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, dass die Wirksamkeit der Maßnahmen oftmals nicht eindeutig belegbar sei (dazu DÄ, Heft 13/2006). Dieser Einschätzung widersprach Dr. Herbert Rische, Präsident der DRV Bund: „Eines können wir sicher sagen: Reha wirkt.“
Der Erfolg einer Rehabilitation hat mehrere Dimensionen. Dazu zählt einerseits die subjektiv gesteigerte Lebensqualität, andererseits die Besserung der medizinischen Symptomatik. Aus sozialmedizinischer Sicht ist außerdem die Integration ins Berufsleben ein zentraler Erfolgsparameter. „Dieses Ziel wird in einem hohen Maße erreicht“, sagte Dr. med. Christiane Korsukéwitz, leitende Ärztin der DRV Bund. Studien hätten gezeigt, dass die Rehabilitation die Erwerbsfähigkeit in den meisten Fällen erhalte. Ablesen lässt sich das am sogenannten sozialmedizinischen 2-Jahres-Verlauf, bei dem die Rehabilitanden im Anschluss an eine Behandlung nachbeobachtet werden. Dabei zeige sich, dass mehr als 70 Prozent der Rehabilitanden lückenlose Beiträge zur Rentenversicherung zahlen, sagte Korsukéwitz. Diese Patienten waren also dauerhaft ins Arbeitsleben integriert. Bei rund elf Prozent seien die Zahlungen lückenhaft. Nur zehn Prozent der Rehabilitanden erhielten eine Erwerbsminderungsrente.
Nachsorgeprogramm IRENA
Eine Rehabilitation ist als umso erfolgreicher einzustufen, je länger die erzielten Effekte anhalten. Daher ist die Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema für die DRV. So erhält beispielsweise das Nachsorgeprogramm IRENA (Intensivierte Rehabilitationsnachsorge) wachsende Bedeutung. Dabei handelt es sich um ein Konzept zur Stabilisierung des Rehabilitationserfolges. Die Patienten sollen die Kompensationsstrategien und Verhaltensänderungen, die sie in der Reha gelernt haben, auch wirklich dauerhaft in ihren Alltag integrieren. Die Behandlungskette soll ohne Bruch verlaufen. In der Regel erfolgt dies mithilfe von ambulanten Therapieeinheiten über einen Zeitraum von acht Wochen. Ab Anfang Dezember solle IRENA nun inhaltlich und zeitlich noch flexibler gestaltet werden, kündigte Korsukéwitz an.
Ebenso gestärkt werden soll die medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR). Diese richtet sich besonders an Arbeitnehmer, bei denen die Erwerbsfähigkeit in einem hohen Maße gefährdet oder bereits eingeschränkt ist. Dabei steht das Berufsfeld des Rehabilitanden im Vordergrund. Kompensations- und Präventionsstrategien für den Arbeitsplatz sollen vermittelt werden. Ein Unterschied zur „normalen“ Rehabilitation ist, dass konkrete Trainingsangebote gemacht werden. Dazu zählen Belastungssimulation und Modellarbeitsplätze. Die DRV hat zur MBOR Modellprojekte initiiert und fördert wissenschaftliche Studien. Diese zeigen einen besonderen Bedarf in den Bereichen Neurologie, Psychosomatik und Sucht.
Neben dem medizinischen Effekt ist auch der volkswirtschaftliche Nutzen für die DRV ein Dauerthema. Doch auch in diesem Punkt sieht man sich gut gerüstet. „Wir sparen durch die Reha und sollten nicht an ihr sparen“, erklärte Rische. Dem stimmte auch Reimann zu: „Schon durch das Hinaus-schieben des Bezugs einer Erwerbsminderungsrente um nur drei bis fünf Monate hat sich die Rehabilitation regelmäßig amortisiert.“ Zudem würden die Leistungen selbst nach den Grundsätzen von Wirtschaftlichkeit und Qualität erbracht.
In diesem Zusammenhang ging Reimann auch auf die aktuellen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen ein. Die große Koalition plant, im Rahmen der anstehenden Gesundheitsreform eine Zertifizierungspflicht für Rehabilitationskliniken einzuführen. Reimann zufolge aber ist dies nicht notwendig. „Wir halten die bestehenden Instrumente der Qualitätssicherung für ausreichend.“ Die geplante Änderung des § 20 SGB IX bedeute lediglich einen Mehraufwand an Bürokratie. Ebenfalls kritisierte Reimann die Pläne, dass Patienten künftig Leistungen in einer zertifizierten Klinik in Anspruch nehmen können, auch wenn diese weder über einen Versorgungsvertrag mit der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung noch mit der Rentenversicherung verfügen. Die Bundesregierung will dazu den § 40 SGB V ändern. Reimann befürchtet, diese Neuerung könne zulasten der Qualität der Rehabilitation gehen. n
Dr. med. Birgit Hibbeler
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