MEDIZIN: Editorial

Arbeitsplatz OP

Realität und Anspruch

The OR as Workplace: the Reality and the Challenge

Dtsch Arztebl 2006; 103(47): A-3185 / B-2773 / C-2655

Bauer, Hartwig

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LNSLNS Der Operationssaal als Kernbereich chirurgischen Handelns gehört zu den teuersten Arbeitseinheiten im Krankenhaus. Für chirurgische Dienstleistungen wird bis zum Jahr 2020 eine Nachfragesteigerung von 14 bis 27 Prozent des Arbeitsvolumens aller chirurgischen Bereiche vorausgesagt (1). Engpässe bei der Nutzung und Finanzierung von Operationseinheiten, die sich schon heute bemerkbar machen, werden deutlich zunehmen.
Der Abbau von Fehl- und Leerlaufzeiten, ein optimierter Einsatz von Personal und Geräten, eine ausgeklügelte Materialbewirtschaftung und eine stringente Ablaufsteuerung, also kurz gesagt ein kompetentes OP-Management (2), sollte die Voraussetzungen schaffen, Wirtschaftlichkeitsreserven, wo immer möglich, zu erschließen. Die Versorgungssicherheit und die Versorgungsqualität der betreuten Patienten müssen dabei ohne Einschränkungen gewährleistet bleiben, und zwar bei zumutbaren motivationsfördernden Arbeitsbedingungen und möglichst geringem Gefährdungspotenzial für das Behandlungsteam. Ausreichende Investitionen in eine gute personelle und technische Ausstattung sowie hohe Sicherheitsstandards für Patient und Personal sind somit nicht nur wichtig für die Zukunftsfähigkeit des Arbeitsplatzes Operationssaal, sondern nicht zuletzt auch für den gesamtwirtschaftlichen Erfolg der Klinik.
Stress durch erhöhten Arbeits- und Kostendruck
Wie sieht die Realität aus? Eine zunehmend verdichtete Prozess-Steuerung, erhöhter individueller Arbeitsdruck bei steigenden Fallzahlen mit immer kürzeren Verweildauern, personelle Engpässe und der allgemeine Kostendruck führen zu einer Zunahme des Stresspotenzials für die Mitarbeiter. Dieses ist wiederum mit fast 60 Prozent die Hauptursache von Unfall- und Gesundheitsrisiken im OP (3). Das Ziel von aktuellen Umfragen und Datenauswertungen ist es, diese Schwachstellen zu analysieren und die entsprechenden Entstehungsmechanismen abzuklären, um daraus Handlungsoptionen entwickeln zu können (3,4).
Das Arbeitsfeld Operationssaal weist, je nach Nutzungs- und Spezialisierungsgrad der Einrichtung, im Hinblick auf den Arbeitsschutz, das heißt auf die Arbeitsbedingungen und Sicherheit, einige Besonderheiten auf (3):
- mögliche Konflikte zwischen Sicherheit der Mitarbeiter und der Patienten
- hohe Variabilität der Aufgabenstellung, der Behandlungsmethoden, des Behandlungsverlaufs und der Verantwortlichkeiten
- Variation in der Zusammensetzung des Behandlungsteams
- hohes Stresspotenzial durch prioritären Handlungsdruck am Patienten, Verfahrenswahl und Risikoabwägung sowie Eingriffsdauer und Arbeitszeiten
- Einsatz hochkomplexer Geräte und Instrumente mit teilweise erheblichem Gefährdungspotenzial
- räumliche Enge am Patienten.
Verbesserungsvorschläge
von den Betroffenen
Aus Befragungen von Ärzten und OP-Personal lassen sich wichtige Hinweise für eine kontinuierliche Systemverbesserung gewinnen. Die von der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) unterstützte Umfrage von Matern und Mitarbeitern erscheint in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts (4). In dieser Arbeit wird eine repräsentative Zielgruppe angesprochen. Die Resultate dieser Evaluation sind zum Teil ernüchternd, wenn man die offensichtlich als gegeben und kaum veränderbar empfundenen Belastungen und Belästigungen bei der Nutzung der Gerätetechnik, beispielsweise der OP-Tische, -Leuchten, -Monitore und der Narkosegeräte sowie der räumlichen Gegebenheiten mit Raumnutzung und Klimatechnik betrachtet.
Verbesserungen sind über Änderungen der räumlichen und baulichen Gestaltung, Weiterentwicklungen einer auf die Chirurgie angepassten Technologie (5) sowie Schulungen, Geräteeinweisungen und Verhaltensänderungen zu erreichen. Auch moderne Trainingskonzepte, insbesondere zur Teamschulung in OP-Simulationseinheiten bis hin zu Workflowsimulationen im virtuellen Operationssaal, eröffnen neue Perspektiven (2).
Sicher ist eine stärkere Sensibilisierung für die Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Sicherheit am Arbeitsplatz OP nötig. Dazu gehört auch der offene Umgang mit Fehlern und vor allem die Erfassung potenzieller Gefährdungen und kritischer Ereignisse, noch bevor sie zu Schäden geführt haben. Das Fehlermeldesystem CIRS („critical incident reporting system“), das die DGCH für ihre Mitglieder adaptiert an die speziellen chirurgischen Belange eingerichtet hat (www.dgch.de), bietet dafür die methodischen Grundlagen und ist so auch für die speziellen Herausforderungen der Arbeitsplatzsicherheit im OP nutzbar.
Gefahr durch ergonomische Defizite
Matern und Mitarbeiter (4) kommen zu dem Schluss, dass ergonomische Defizite im Operationssaal wegen fehlender Systemintegration und uneinheitlicher Bedienungskonzepte wesentliche Quellen für kostspielige Irrtümer, Fehler und Komplikationsmöglichkeiten darstellen.
Sichere Chirurgie braucht, um die Erkenntnisse und die Chancen zur Mängelbeseitigung, die sich aus derartigen Analysen ergeben, schnell und konsequent nutzen zu können, auch sichere Ressourcen. Das gilt nicht nur für die Finanzierung der angesprochenen Maßnahmen, sondern vor allem auch für die Ressource Zeit. Wenn Fehler und Gefährdungen in erster Linie durch Verletzung von Vorschriften, unsachgerechte Handhabung der medizinischen Ausrüstung und Kommunikationsdefizite entstehen (6), brauchen wir vor allem auch mehr Zeit für unsere Kernaufgaben und für die Kommunikation – eine Forderung, die auch in diesem Kontext hohe Priorität hat.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
Manuskriptdaten
eingereicht: 14. 11. 2006, angenommen: 15. 11. 2006


Operating room: reality and demand
Dtsch Arztebl 2006; 103(47): A 3185–6.

Prof. Dr. med. Hartwig Bauer
Deutsche Gesellschaft für Chirurgie
Luisenstraße 58/59, 10117 Berlin
E-Mail: H.Bauer@dgch.de
1.
Lemke HU. Workflow im OP der Zukunft. Deutsches Ärzteforum. Hauptstadtkongress Berlin 2006 www.hauptstadtkongress.de/2006/
2.
Ansorg J, Diener M, Schleppers A, Heberer J, v. Eiff W. OP-Management. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2006.
3.
Zschernack s, Göbel M, Friesdorf W, Gödecke K, Penth S, Reschke R. SiGOS- Abschlußbericht Sicherheit und Gesundheit im Operationssaal November 2004 www.unfallkasse-berlin.de
4.
Matern U, Koneczny S, Scherrer M, Gerlings T. Arbeitsbedingungen und Sicherheit am Arbeitsplatz OP. Dtsch Arztebl 2006; 103(47): A 3187–92. VOLLTEXT
5.
Bueß G. Interview „Chirurgie und Technologie sind miteinander verheiratet“. Dtsch Arztebl 2006; 103(43): A 2844–5. VOLLTEXT
6.
Bauer H. Editorial. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie 2005; 34: 111–2.
1. Lemke HU. Workflow im OP der Zukunft. Deutsches Ärzteforum. Hauptstadtkongress Berlin 2006 www.hauptstadtkongress.de/2006/
2. Ansorg J, Diener M, Schleppers A, Heberer J, v. Eiff W. OP-Management. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2006.
3. Zschernack s, Göbel M, Friesdorf W, Gödecke K, Penth S, Reschke R. SiGOS- Abschlußbericht Sicherheit und Gesundheit im Operationssaal November 2004 www.unfallkasse-berlin.de
4. Matern U, Koneczny S, Scherrer M, Gerlings T. Arbeitsbedingungen und Sicherheit am Arbeitsplatz OP. Dtsch Arztebl 2006; 103(47): A 3187–92. VOLLTEXT
5. Bueß G. Interview „Chirurgie und Technologie sind miteinander verheiratet“. Dtsch Arztebl 2006; 103(43): A 2844–5. VOLLTEXT
6. Bauer H. Editorial. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie 2005; 34: 111–2.

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