ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2006Zur medizinischen Lage im Irak: „So schlimm war es noch nie“

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Zur medizinischen Lage im Irak: „So schlimm war es noch nie“

Meyer, Petra

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Foto: AP
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Während sich die Gewaltspirale im Irak immer weiterdreht, sind die Krankenhäuser im Land hoffnungslos überfordert.
Die Menschen wissen nicht, was im Irak los ist. Sie können die Schreie der Iraker nicht hören“, sagt ein Arzt aus Bagdad, der anonym bleiben möchte. Und weil er die Welt aufrütteln will, hat der Mediziner im Al-Yamouk-Krankenhaus in Bagdad einen Film gedreht. Es hat lange gedauert, bis er die Genehmigung dafür bekam. Geklappt hat es nur, weil er selbst Mediziner ist. Ende Oktober ist sein erschütternder Film im Abendprogramm der BBC gelaufen (1).
Das Al-Yarmouk-Krankenhaus, einst eine ganz normale städtische Klinik, versorgt zurzeit in erster Linie Opfer von Bombenattentaten sowie Schussverletzungen. „So schlimm war es noch nie“, erklärt der Autor zu Beginn des Films. „Und es wird immer schlimmer“, fügt er hinzu. Nicht nur, dass seit Februar dieses Jahres, als die Goldene Moschee in Samarra bombardiert wurde, die ethnisch und religiös motivierten Gewalttaten stark zugenommen haben. Auch im Krankenhaus sind weder die Patienten noch die Ärzte vor Angriffen sicher. Immer wieder kommt es vor, dass Bewaffnete sich Zugang in die Notaufnahme verschaffen und mit Gewalt drohen, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden. „Mehrfach ist hier im Krankenhaus geschossen worden. Wir können das beweisen“, entrüstet sich der Chirurg Dr. Ali, der sich als einziger Arzt traut, vor der Kamera zu sprechen.
Bedrohlicher Ärztemangel
Für ein Krankenhaus, das nach Angaben von Dr. Ali zu 90 Prozent Kriegsverletzungen versorgt, sind Bluttransfusionen oberste Priorität. Doch das Al-Yamouk verzeichnet einen „bedenklichen Engpass“ an Blutvorräten. Bereits im April dieses Jahres hatte das Nationale Bluttransfusionszentrum in Bagdad darauf aufmerksam gemacht, dass aufgrund
der eskalierenden Gewalt dringend Blutspenden benötigt würden. Auch Reagenzien, Handschuhe und Spritzen würden knapp.
Es ist zurzeit kaum möglich, eine umfassende Einschätzung über die medizinische Lage im Irak zu geben. Zumindest nicht auf der Grundlage von gesicherten Daten. Die Sicherheitssituation ist selbst für Iraker so prekär, dass weder Journalisten noch Forscher oder Regierungsbeamte das Land für derartige Studien bereisen können. Wer allerdings die einzelnen Mosaiksteinchen zusammenfügt, dem bietet sich ein düsteres Bild.
Erst jüngst bezeichnete UN-Generalsekretär Kofi Annan den Irak vor dem Weltsicherheitsrat als eine der gewaltsamsten Konfliktzonen weltweit. Sein Sondergesandter für humanitäre Hilfe, Jan Egeland, erklärte nur wenig später, dass die Gewalt im Irak „völlig außer Kontrolle geraten sei“. Bewaffnete Milizen und Todeskommandos töten seinen Angaben nach täglich etwa 100 Menschen. Alle gesellschaftlichen Schichten seien davon betroffen. Die jüngste Lancet-Studie spricht sogar von mehr als 650 000 Opfern, die seit dem Militäreinsatz im März 2003 gestorben seien. Die irakische und US-amerikanische Regierung zweifeln diese Zahlen an.
Wie hoch die Zahl der Toten im Irak auch tatsächlich sein mag, viele hätten nicht sterben müssen, wenn die Krankenhäuser nicht so viele personelle Engpässe hätten. So berichten Bassim Al-Sheibani und seine Kollegen im British Medical Journal, dass mehr als die Hälfte der Patienten in den Notaufnahmen gerettet werden könnten, wenn es mehr ausgebildete und erfahrene Ärzte gäbe (2). Doch viele Mediziner fliehen außer Landes, weil sie ähnlich wie Juristen, Journalisten oder Lehrer zur Zielscheibe geworden sind. Sie werden entführt, bedroht und getötet. Jan Egeland beklagte Anfang Oktober den besorgniserregenden „brain drain“, den er auf ein Drittel aller irakischen Fachkräfte schätzt. Wie hoch die genaue Zahl der Ärzte ist, die getötet wurden oder ausgewandert sind, ist unklar. Nachrücken können jedenfalls nur junge Ärzte, die zwar ihr Bestes tun, ihre Unerfahrenheit aber nicht ausgleichen können. Der Kollaps des Systems scheint eine Frage der Zeit zu sein. Gravierend kommt hinzu, dass es in irakischen Krankenhäusern immer wieder am Nötigsten fehlt: Von täglichen Wasser- und Stromausfällen mal abgesehen, gibt es vor allem Engpässe bei den Medikamenten, beim medizinischen Material und auch bei technischen Geräten. Für Bassim Al-Sheibani sind viele Notaufnahmen im Irak im Grunde „nur große Hallen mit Betten, Perfusionen und Sauerstoffflaschen“. „Röntgenapparate, Sonographiegeräte und Labortechnik sind für uns unerreichbarer Luxus“, so der Iraker.
Aus der Stadt Ramadi, die etwa 100 Kilometer westlich von Bagdad liegt, meldeten Ärzte des General Hospitals im Juni, dass sie insbesondere Medikamente und Material für die Notversorgung benötigten – darunter Spritzen, Schmerzmittel, Pflaster, Antibiotika und Anästhetika. Ähnlich unterversorgt sind auch die Krankenhäuser im Süden des Landes, nahe der Stadt Basra. Wiederholt machte dieses Jahr der Informationsdienst der Vereinten Nationen, IRIN, auf die dramatische Lage aufmerksam: Selbst Kinder mit gewöhnlichen Krankheiten müssten sterben, weil es keine Medikamente gäbe. Für die unzuverlässige Versorgung der Krankenhäuser werden immer wieder drei Gründe genannt: Unsicherheit, Korruption und Unterfinanzierung des Gesundheitssektors.
Bestimmte chirurgische Operationen sind im heutigen Irak gar nicht mehr möglich. Dazu gehören Operationen am Herzen, Hornhauttransplantationen, Gesichts- und Kieferchirurgie oder orthopädische Eingriffe. Bereits von 2003 bis 2005 setzte sich die Internationale Organisation für Migration (IOM) dafür ein, dass schwer kranke Patienten aus dem Irak im Ausland operiert werden konnten. Krankenhäuser in insgesamt 19 Ländern machten mit, darunter an führender Stelle deutsche, griechische und italienische Kliniken. Derzeit stehen IOM zufolge mehr als 6 000 Iraker auf einer Liste des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums. Sie alle erhoffen sich eine lebensrettende Operation im Ausland. In diesem Jahr hatten bereits 156 Iraker das Glück, in das IOM-Programm aufgenommen zu werden. Darunter auch sechs kleine Kinder.
Helfer in Gefahr
Einer von ihnen ist der neunjährige Hisham. Er lebte mit seiner Familie in der westlichen Provinz Al-Anbar. Am 22. März dieses Jahres spielte er mit seinen Geschwistern und Nachbarkindern draußen, als vormittags gegen halb elf eine Rakete unmittelbar vor dem Haus explodierte. Einige Kinder starben sofort, andere trugen schwere Verletzungen davon. Hisham wurde sofort ins Krankenhaus gebracht und lag 55 Tage auf der Intensivstation. Das Rückenmark ist bei C5 bis C6 verletzt – der Junge ist seitdem vom Hals abwärts gelähmt. Seine Eltern, beide Mediziner, verkauften einige Monate später alles, was sie besaßen, und suchten Schutz in Jordanien. Dort erzählte Hishams behandelnder Arzt den besorgten Eltern, dass ihr Sohn durchaus die Chance hätte, seinen gesundheitlichen Zustand zu verbessern. Allerdings müsste er dafür in Europa oder in den Vereinigten Staaten behandelt werden. Noch ist nicht klar, ob Hisham tatsächlich in Begleitung seines Vaters in die USA ausfliegen kann. Die Vorbereitungen laufen zwar auf Hochtouren, doch es gibt noch einige organisatorische Probleme.
Medizinische Evakuierungen dieser Art in Postkonfliktländern sind wegen ihrer hohen Kosten und geringen Nachhaltigkeit nicht unumstritten. Doch für Hisham und seine Eltern ist eine solche Operation von unschätzbarem Wert.
In anderen Bürgerkriegsländern, in denen die medizinische Infrastruktur derart angeschlagen ist wie im Irak, springen meist humanitäre Organisationen ein. Doch der Irak ist insbesondere für westliche Hilfswerke sehr gefährlich. Noch tief sitzt der Schock von August 2003, als das UN-Hauptquartier in Bagdad angegriffen wurde. 22 Mitarbeiter starben damals. Nur wenig später, im Oktober desselben Jahres, traf es das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Viele humanitäre Organisationen haben daraufhin ihr Personal im Irak reduziert oder sogar ganz abgezogen. Während im Juli 2003 noch etwa 200 internationale Hilfsorganisationen im Land arbeiteten, hat sich ihre Zahl bis heute auf rund 60 reduziert. Wer noch im Land ist, arbeitet mehr oder weniger verdeckt und fast nur mit irakischem Personal. Es gilt die Devise: je unscheinbarer, desto besser. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Rote Halbmond, dessen Emblem weithin anerkannt scheint und Sicherheit verspricht (3). Wer aber mit einer ausländischen Organisationen in Verbindung gebracht wird, ist gefährdet. Immerhin sind nach Angaben des NGO-Koordinationsbüros im Irak (NCCI) seit 2003 bereits 76 humanitäre Helfer getötet worden. Diese Zahl bezieht sich dabei nur auf die gemeldeten Fälle, die Dunkelziffer wird weitaus höher geschätzt.
Einige Hilfsorganisationen arbeiten daher mit internationalem Personal vom benachbarten Jordanien aus. Die Projekte sind sozusagen ferngesteuert. Doch niemand ist auskunftsfreudig, wenn es darum geht, wie genau die Hilfe abläuft. Verständlich, denn jede Information zu viel kann das Leben der Kooperationspartner im Irak bedrohen. Dies gilt insbesondere für Ärzte, die in gewisser Weise einem doppelten Dilemma ausgesetzt sind: Als Angestellte im Gesundheitssystem zählen sie zur Elite und sind somit ein attraktives Ziel für Entführungen und Lösegeldforderungen. Wer hingegen für eine ausländische Hilfsorganisation arbeitet, gilt als US-amerikanische Marionette. Beides kann tödlich enden. Diskretion ist daher ein hohes Gut im Irak – im Sinne der Ärzte, aber auch ihrer Patienten. Petra Meyer
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1.
„Baghdad: A doctor’s story“ wurde am 24. Oktober 2006 ausgestrahlt und ist abrufbar unter: bbc.co.uk/thisworld.
2.
Al Sheibani BIM, Hadi NR, Hasoon T: Iraq lacks facilities an expertise in emergency medicine. BMJ 21. Oktober 2006.
3.
Carle A, Chkam H: Humanitarian action in the new security environment: policy and operational implications in Iraq, October 2006.
1. „Baghdad: A doctor’s story“ wurde am 24. Oktober 2006 ausgestrahlt und ist abrufbar unter: bbc.co.uk/thisworld.
2. Al Sheibani BIM, Hadi NR, Hasoon T: Iraq lacks facilities an expertise in emergency medicine. BMJ 21. Oktober 2006.
3. Carle A, Chkam H: Humanitarian action in the new security environment: policy and operational implications in Iraq, October 2006.

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