ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2006Rechtschreibung: Die Sprache leidet
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Im oben genannten Beitrag geht das DÄ irrtümlich davon aus, die aktuelle Rechtschreibreform habe die Pflege der deutschen Sprache zum Ziel. Und daß die Redaktion sich den „Neuerungen“ nicht verschließen könne, ist nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts schlichtweg falsch. Am Anfang der Reform stand keineswegs der Wunsch der Kultusminister, die deutsche Sprache zu vereinfachen. Niemand hat hierzu die so genannte zwischenstaatliche Kommission beauftragt, sondern diese hat sich nach eigenen Aussagen selbst „den Auftrag geholt“, endlich ihre langgehegten Ziele verwirklichen zu können . . . Die Ablehnung der Reform durch den Deutschen Bundestag („Die Sprache gehört dem Volk“) wurde einfach ignoriert, wie auch die ablehnenden Haltungen bedeutender geisteswissenschaftlicher Akademien, vieler Schriftsteller (darunter zwei Nobelpreisträger) und der Forschungsgruppe Deutsche Sprache . . . Dabei sind die neuen Schreibregeln entgegen der ursprünglichen Absicht nicht einmal einfacher geworden. Stolz wird zwar verkündet, die Rechtschreibregeln seien von 212 auf 112 reduziert worden. Dafür sind aber 1 106 Ausnahmeregeln und 1 180 abweichend zu schreibende Worte zu beachten (H. Veith, Univ. Mainz). Die Unsicherheit wird noch größer durch die so genannten Varianten, die durch die Neuregelung der Reform inzwischen hinzugekommen sind. Danach sind nebeneinander Schreibweisen richtig wie das 8-Fache, das 8fache oder das Achtfache. Die größere Unsicherheit wird als größere Freiheit gepriesen. Wer braucht diese Freiheit? Unverständlich bleibt, daß nahezu alle Verlage (mit Ausnahme der FAZ und des Suhrkamp-Verlags) trotz besserer Einsicht und ohne juristische Notwendigkeit die neuen Rechtschreibregeln, welche die Gesellschaft verändern sollen, übernehmen . . . Nicht nur die Literatur, jede Wissenschaft ist von der Exaktheit und der Ausdruckskraft einer Sprache abhängig. Da hatte das Deutsche bisher manche Vorteile gegenüber anderen Sprachen. Man beachte nur, welche Schwierigkeiten es macht, manche Begriffe aus der Quantenphysik, der Psychiatrie oder Psychologie sinngemäß ins Englische zu übertragen. Ebenso ist im Deutschen eine Differentialdiagnose eben keine Differenzialdiagnose. Es handelt sich nämlich mitnichten um die Differenzierung einer einmal gestellten Diagnose, sondern um die Abwägung differenter Diagnosen, die zufällig in einzelnen Symptomen übereinstimmen, sonst aber nichts gemein haben . . . Die neue Rechtschreibung pervertiert die Sprachentwicklung vom Unmißverständlichen zum Mißverständlichen, vom Hochentwickelten zum Primitiven (Rainer Kunze), zum Schaden der gesamten geistigen Entwicklung in Deutschland (B. Rüthers). Dessen muß sich auch die Redaktion des DÄ bewußt sein.
Dr. med. Rolf Klimm, Bach 2, 83093 Bad Endorf
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