ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2006Grenzen ärztlichen Handelns am Ende des Lebens: Sterben ist nicht normierbar

POLITIK

Grenzen ärztlichen Handelns am Ende des Lebens: Sterben ist nicht normierbar

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Es gibt zunehmend Bestrebungen, Patientenverfügungen möglichst bald gesetzlich zu regeln. Vor diesem Hintergrund diskutierten in Berlin Ärzte und Juristen mit Journalisten über das Thema „Selbstbestimmt sterben – mit ärztlicher Hilfe?“.

In Deutschland lehnt die Ärzteschaft aktive Euthanasie entschieden ab. Das betonte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Ende November in Berlin. Und damit stünden die deutschen Ärzte keineswegs allein. Nur in wenigen Ländern, wie den Niederlanden, sei aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen zulässig. Auf der anderen Seite wünschten die Bürger in den westlichen Industrienationen zunehmend eine Zulassung der aktiven Sterbehilfe, berichtete Prof. Dr. med. Dr. phil. Urban Wiesing, Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission bei der BÄK. Doch für Hoppe ist dies keineswegs ein Argument, um von der Linie der Bundes­ärzte­kammer abzuweichen. „Was machen wir, wenn das wirklich wichtige Vertrauensverhältnis des Patienten zu seinem Arzt derart belastet wird, dass er annehmen muss, in der schwierigsten Situation seines Lebens nicht den Heiler und Helfer, sondern die vollstreckende Hand einer familiären oder sogar gesellschaftlichen Erwartungshaltung vor sich zu haben?“, fragte der BÄK-Präsident.
Patientenverfügungen
Eine wesentliche Hilfe für das Handeln des Arztes seien Patientenverfügungen. Deshalb sollten möglichst viele Bürger motiviert werden, von den Möglichkeiten einer Patientenverfügung, einer Vorsorgevollmacht oder Betreuungsverfügung Gebrauch zu machen. Patientenverfügungen seien verbindlich, wenn sie der aktuellen Situation entsprächen und keine konkreten Anhaltspunkte für einen Widerruf erkennbar seien.
Es sei allerdings illusorisch, dass man alle denkbaren Fälle mit einer Patientenverfügung erfassen kann. „Deshalb ist es fraglich, ob mit einem Gesetz tatsächlich Rechtsverbindlichkeit hergestellt werden kann. Krankheitsverläufe sind immer individuell und lassen sich nicht einfach mit einem Gesetz regeln. Das Sterben ist nicht normierbar.“ Der Gesetzgeber sollte sich nach Auffassung Hoppes darauf beschränken, eventuelle notwendige verfahrensrechtliche Fragen klarzustellen, jedoch auf eine weitergehende Regelung zur Patientenverfügung verzichten.
Anfang des Jahres 2005 hat das Bundesjustizministerium fürs Erste Abschied von seinen Plänen genommen, Patientenverfügungen im Betreuungsrecht gesetzlich zu verankern. Die Bundes­ärzte­kammer begrüßt diese Entscheidung. Hoppe: „Denn eine gesetzliche Regelung kann nicht am Anfang eines Meinungsbildungsprozesses stehen, sondern immer nur am Ende. Dieser Prozess ist aber noch lange nicht in Gang gekommen.“ Dr. med. Wolfgang Wodarg, Mitglied des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages, sprach sich ebenfalls gegen eine vorschnelle gesetzliche Regelung von Patientenverfügungen aus. Es gebe bereits jetzt gute Instrumente, die das ärztliche Handeln steuerten. Dazu gehörten die medizinische Indikation, die Sorgfaltspflicht und die Dokumentationspflicht. Ärzte dürften nicht gegen den Willen des Patienten handeln und müssten im Zweifelsfall versuchen, diesen zu ermitteln.
Der 63. Deutsche Juristentag hatte sich dagegen kürzlich mit großer Mehrheit für eine gesetzliche Regelung der Verbindlichkeit von Patientenverfügungen ausgesprochen, wie der Justiziar der Bundes­ärzte­kammer, Rechtsanwalt Horst Dieter Schirmer, berichtete. Außerdem wurde vom Juristentag folgende Entschließung gefasst: „Die ausnahmslos standesrechtliche Missbilligung des ärztlich assistierten Suizids sollte einer differenzierten Beurteilung weichen, welche die Mitwirkung des Arztes an dem Suizid eines Patienten mit unerträglichen, unheilbaren und palliativmedizinischen Mitteln nicht ausreichend zu lindernden Leiden als eine nicht nur strafrechtlich zulässige, sondern auch ethisch vertretbare Form der Sterbebegleitung toleriert.“
Palliativmedizin
Hoppe befürchtet, dass der Juristentag mit seinen Beschlüssen zum ärztlich assistierten Suizid möglicherweise dem Druck des Mainstreams erlegen sein könnte. Er selbst lässt „bei dieser grundsätzlichen ethischen Frage kein Diktat des Zeitgeistes zu“. Wenn eine lebenserhaltende Behandlung nicht mehr möglich sei oder das Leiden nur verlängere, ändere sich das Behandlungsziel: Anstelle von lebenserhaltenden Maßnahmen sei die palliativmedizinische Versorgung indiziert.
Auf keinen Fall dürfte Deutschland auf eine solche schiefe Ebene wie die Niederlande und Belgien geraten, forderte Hoppe. „In den Niederlanden gibt es längst keine stabile Grenze mehr gegen Fremdbestimmung und Tötung auf Verlangen anderer, die Mitleid haben, der Situation nicht gewachsen sind oder die Pflege nicht mehr bezahlen wollen.“ 60 Prozent der Fälle aktiver Sterbehilfe in den Niederlanden seien nicht ordnungsgemäß gemeldet worden. Circa tausend Fälle nicht freiwilliger aktiver Sterbehilfe seien im Nachbarland verzeichnet worden, ergänzte Wiesing.
Gisela Klinkhammer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote