ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2006Der Klinikarzt der Zukunft: Jeder macht nur noch das, was er am besten kann

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Der Klinikarzt der Zukunft: Jeder macht nur noch das, was er am besten kann

Dtsch Arztebl 2006; 103(48): A-3228 / B-2809 / C-2694

Flintrop, Jens

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Schwächen im Status quo: Die Arztorientierung im Krankenhaus müsse einer Patientenorientierung weichen, meint Wolfgang Pföhler. Foto: Rhön-Klinikum AG
Schwächen im Status quo: Die Arztorientierung im Krankenhaus müsse einer Patientenorientierung weichen, meint Wolfgang Pföhler. Foto: Rhön-Klinikum AG
Ein privater Klinikbetreiber will die ärztliche Arbeitsteilung in den Krankenhäusern weiter forcieren – und nebenbei den Einfluss der Chefärzte eingrenzen.

Die Rhön-Klinikum AG sieht sich selbst als Vorreiter bei der Einführung „vernünftiger“ Kran­ken­haus­struk­tu­ren, in „denen der Patient zum bestimmenden Faktor der Behandlungsprozesse wird“. In diesem Sinne müsse sich „die bisherige Arztorientierung in eine klare Ausrichtung allen Tuns an den Bedürfnissen der Patienten“ wandeln, heißt es im Konzernporträt des privaten Klinikbetreibers. Um diesem Ziel näher zu kommen, will Rhön-Vorstandschef Wolfgang Pföhler ein neues ärztliches Berufsbild implementieren. Im Kern geht es dabei um eine zunehmende ärztliche Arbeitsteilung in den Krankenhäusern.
Vier Arzttypen
Pföhler schlägt vor, die ärztliche Tätigkeit im Krankenhaus in vier Leistungsbereiche zu unterteilen. Daraus ergeben sich dann vier Arzttypen:
- Ein personenbezogener Berater übernimmt die Patientenführung im Krankenhaus. Dieser Arzttyp mit den Qualitäten eines guten Allgemeinmediziners begleitet den Patienten von der Aufnahme über die Behandlung bis hin zur Entlassung über alle Pflegestufen hinweg und steht ihm als erster Ansprechpartner und Lotse zur Verfügung. Der Berater trifft Entscheidungen über Diagnostik und Therapie, die er auch gegen andere Ärzte durchsetzen kann.
- Ein Spezialist für hoch differenzierte Einzelfunktionen ist für die eigentliche Behandlung des Patienten zuständig (insbesondere in der Hochleistungs- und Spezialmedizin). Durch die Konzentration auf bestimmte Operationen und Tätigkeiten soll die Qualität der Krankenversorgung steigen.
- Einem Systembetreuer obliegt die Optimierung der Prozesskette im Krankenhaus. Seine Aufgaben umfassen neben der technischen Begleitung der medizinischen Prozesse die Sicherstellung des Zugriffs auf die Daten des Patienten (Stichwort: elektronische Patientenakte) durch die Ärzte im eigenen Haus, aber auch durch Spezialisten in anderen Konzernkliniken oder Medizinischen Versorgungszentren.
- Ein Beratungsspezialist konzentriert sich auf die Abgabe von Zweitmeinungen, um im Diskurs mit anderen Spezialisten Diagnose und Therapie zu verbessern.
„Im gegenwärtigen Chefarztsystem bleibt für Oberärzte, die den nächsten Karriereschritt gehen wollen, häufig nur der Weg in eine andere Klinik oder in die eigene Praxis“, sagte Pföhler am 24. November bei einem Symposium in Frankfurt/Main. Für den Krankenhausbetreiber sei dies mit einem Kompetenzabfluss verbunden, der sich im Leistungsvolumen und Patientenaufkommen bemerkbar mache. Hier will Rhön gegensteuern, „indem wir leistungsbereiten Ärzten zusätzliche Aufgabenpakete, klar abgegrenzte Führungspositionen und neue Verantwortungsbereiche übertragen“.
Damit einher geht zwangsläufig ein Kompetenzverlust der Chefärzte: Sie müssten lernen, trotz unveränderter Letztverantwortung, bestimmte Aufgaben zu delegieren und sich helfen zu lassen, betonte der Rhön-Vorstandschef folglich auch. Bislang seien die Krankenhäuser so organisiert, dass der Chefarzt und seine Fachabteilung im Mittelpunkt stünden. Zwar funktionierten die hoch spezialisierten Abteilungen zumeist perfekt, jedoch optimiere der Arzt in der Regel nur die Leistung in seiner Fachabteilung, nicht aber das Gesamtprodukt, nämlich die Verbesserung des Gesundheitszustandes des Patienten. Pföhler: „Die Schwächen dieses Organisationsprinzips liegen darin, dass der Informations- und Patientenfluss zwischen den Abteilungen stockt und der Patient nur einen begrenzten Überblick über die Behandlung als Ganzes hat.“
Machtverschiebungen
Rhön fordere zu Recht, dass sich an der ärztlichen Leistungserbringung im Krankenhaus etwas ändern müsse, betonte Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes, bei der Tagung: „Aber die von Pföhler beschriebenen Arzttypen sind nicht neu, es gibt sie in unterschiedlichen Ausprägungen schon heute in vielen Krankenhäusern.“ So kümmere sich oft ein älterer Stations- oder Stationsoberarzt im Sinne eines „personenbezogenen Beraters“ um die Patienten. Der „Spezialist für hoch differenzierte Einzelfunktionen“ könne mit dem in allen größeren Krankenhäusern vertretenen Konsiliararzt verglichen werden. Der „Systembetreuer“ sei vielerorts als medizinischer Controller schon heute ein wichtiges Bindeglied zwischen den medizinischen und administrativen Disziplinen. Einzig der „Beratungsspezialist“ sei neu und als solcher auch überflüssig. Montgomery: „Ein Zweitmeinungsspezialist kann doch nur dann akzeptiert werden, wenn er selbst die gleiche Kompetenz im Fach hat wie Pföhlers Spezialist.“ Wer nur noch Zweitmeinungen mache, verliere seine erste Meinung.
„Ich halte eine verstärkte Differenzierung für richtig, dabei sollte man aber auf Bewährtes zurückgreifen“, schloss Montgomery: „Und vor allem sollte man nicht unter dem Vorwand einer Leistungsspezialisierung versuchen, Machtverschiebungen im Krankenhaus zu eigenen Gunsten zu organisieren.“
Jens Flintrop
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