POLITIK

Arzneimittelfälschungen: Globale Lösung für ein globales Problem

Dtsch Arztebl 2006; 103(48): A-3235 / B-2816 / C-2699

Korzilius, Heike

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Beschlagnahmte Fälschungen in Lagos: Nigeria hat im Kampf gegen minderwertige oder gefälschte Arzneimittel 30 Pharmafirmen auf eine schwarze Liste gesetzt. Foto: AP
Beschlagnahmte Fälschungen in Lagos: Nigeria hat im Kampf gegen minderwertige oder gefälschte Arzneimittel 30 Pharmafirmen auf eine schwarze Liste gesetzt. Foto: AP
Die Welt­gesund­heits­organi­sation hat eine Arbeitsgruppe gegründet, um den weltweiten Kampf gegen gefälschte Medikamente effektiver führen zu können. Mitte November hat sich die Taskforce in Bonn konstituiert und ihre Ziele formuliert.

Genaue Zahlen gibt es nicht – wie bei allen illegalen Geschäften. Doch seriöse Schätzungen der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) belegen die Dimension des Problems. Zwischen zehn und 30 Prozent aller Medikamente, die in Entwicklungsländern auf dem Markt angeboten werden, sind Fälschungen. In einigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion liegt das Niveau der Fälschungen bei 20 Prozent. Auf komfortable ein Prozent bringen es die Industrieländer. Noch – denn die zunehmende Nutzung des Versandhandels über das Internet öffnet auch in diesen Staaten Arzneimittelfälschern Tür und Tor. Verkaufsschlager sind dort insbesondere sogenannte Lifestylepräparate wie Potenz- und Haarwuchsmittel, Wachstumshormone zum Muskelaufbau oder Schlafmittel. In den Entwicklungsländern werden vor allem Antibiotika, Chemotherapeutika, Entzündungshemmer und Analgetika gefälscht. Armut, ein nur mangelhaft funktionierendes öffentliches Gesundheitswesen sowie kaum regulierte Arzneimittelmärkte ebnen den Produktpiraten den Weg.
Patienten sterben
Die Auswirkungen wirkungsloser, unter- oder überdosierter Medikamente auf die Gesundheit sind zum Teil verheerend. Schwere Erkrankungen bleiben unbehandelt, Resistenzen entwickeln sich, Patienten sterben – wie jüngst in Panama, wo Kriminelle Frostschutzmittel als Hustensaft deklariert hatten.
Mit der International Medical Products Anti-Counterfeiting Taskforce (IMPACT) will die WHO das Problem jetzt systematisch und auf internationaler Ebene angehen. „Wir haben ein Paket von Maßnahmen geschnürt, das sicherstellen soll, dass die Öffentlichkeit besser vor Fälschungen geschützt wird“, erklärte WHO-Mitarbeiterin Malebona Matsoso anlässlich der konstituierenden Sitzung der Arbeitsgruppe Mitte November in Königswinter. Fünf Arbeitsgruppen sollen die WHO-Mitgliedstaaten dabei unterstützen, wirksame Gesetze gegen Arzneimittelfälschungen zu erlassen und deren Einhaltung zu überwachen, den Medikamentenmarkt effektiv zu regulieren, Fälschungen mithilfe moderner Technologie zu verhindern oder zu erkennen und über die Risiken von Produktfälschungen zu informieren. „Wir müssen das öffentliche Bewusstsein für diese Risiken stärken“, betonte Matsoso. Das Thema werde deshalb auch auf der Tagesordnung der nächsten Weltgesundheitsversammlung im Mai 2007 stehen.
Dass der Kampf gegen die Fälscher mehr ist als der gegen die sprichwörtlichen Windmühlen, belegen erste Erfolge. Mit Unterstützung von IMPACT haben Indonesien und Mali damit begonnen, ihre Bevölkerung über die Risiken von Arzneimittelkäufen auf dem Schwarzmarkt aufzuklären, während Vietnam die Zusammenarbeit zwischen Arzneimittelbehörden, Zoll, Polizei und Regionalbehörden verbessern will, um Fälschern das Handwerk legen zu können. Alle drei Staaten sind in hohem Maß von Medikamentenfälschungen betroffen.
Erste Erfolge
Auch in China, neben Indien eines der Hauptherkunftsländer gefälschter Ware, hat die Regierung nach Angaben von Harvey Bale vom Internationalen Verband der Pharmahersteller (IFPMA) erste Maßnahmen zur Eindämmung der Fälschungen getroffen. Unter anderem seien dort wirksame Medikamententests eingeführt worden.
Auch Nigeria hat erste Erfolge zu verzeichnen. Eine nationale Arzneimittelüberwachungsbehörde nahm dort 1993 ihre Arbeit auf. Seither wurden Aufklärungskampagnen durchgeführt, das Personal wurde geschult und angemessen bezahlt – denn, so Hashim Ubale Yusufu, einer der Mitarbeiter, „Fälschungen und Korruption gehen Hand in Hand“. Zur Gründung einer Taskforce habe die West African Health Organization zehn Millionen Euro zur Verfügung gestellt, berichtete Yusufu in Königswinter. Waren 1993 noch mehr als 50 Prozent der Arzneimittel auf dem nigerianischen Markt Imitate, seien es zu Beginn dieses Jahres „nur“ noch 16 Prozent gewesen. „Für die Entwicklungsländer ist die internationale Zusammenarbeit in dieser Frage essenziell.“
Heike Korzilius
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