ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2006Asthmatherapie in Europa: Kursänderung gefordert

MEDIZINREPORT

Asthmatherapie in Europa: Kursänderung gefordert

Spielberg, Petra

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Die Behandlung von Asthmatikern entspreche nicht immer dem Stand der medizinischen Erkenntnisse, kritisieren Experten in Brüssel. Sie fordern ein Umdenken.

Finnland könnte beispielgebend sein für einen modernen Ansatz in der Therapie von Asthmapatienten. Zwölf Jahre ist es her, dass das finnische Ge­sund­heits­mi­nis­terium ein umfassendes nationales Asthma-Programm gestartet hat. Eine erste Bilanz im Jahr 2004 fiel äußerst positiv aus: Die durchschnittliche Verweildauer von Asthmapatienten im Krankenhaus ging um 69 Prozent zurück. Die durch Arbeitsunfähigkeit verursachten Kosten sanken um 83 Prozent. Zugleich halbierten sich die jährlichen finanziellen Therapieaufwendungen pro Patient.
Ein Geheimnis des Erfolgs liegt Prof. Dr. med. Tari Haahtela (Helsinki) zufolge im multidisziplinären Ansatz des Programms begründet. Sowohl Allgemeinärzte als auch Spezialisten und Apotheker seien fortlaufend in die Behandlung eingebunden. Hinzu kämen eine intensive Aufklärung der Patienten sowie eine frühzeitige und gezielte antiinflammatorische Behandlung. „Unsere Strategie zielt darauf ab, die Patienten so schnell wie möglich beschwerdefrei zu kriegen, um ein Fortschreiten der Krankheit zu vermeiden und das Vertrauen in die Therapie zu stärken“, machte Haahtela in Brüssel deutlich. So würden die Patienten auch motiviert, über ihren Krankheitsverlauf Buch zu führen. „Dadurch lernen sie, wie sich ihr Krankheitsbild verändert und können gegebenenfalls mit ihrem Arzt über eine Anpassung der Therapie reden“, so Haahtela. Ein derart umfassendes und gezieltes Krankheitsmanagement entspreche jedoch nicht der gängigen Praxis in Europa.
„Wenn Asthma grundsätzlich rechtzeitig erkannt und korrekt therapiert würde, ließe sich ein Großteil der gesundheitlichen und finanziellen Folgeschäden vermeiden“, meint auch Prof. Dr. med. Torsten Zuberbier (Allergie-Zentrum in der Hautklinik der Berliner Charité). Zuberbier ist zugleich Generalsekretär des europäischen Wissenschaftsnetzwerkes GA2LEN, das es sich zum Ziel gesetzt hat, die Früherkennung und Behandlung von Allergien und Asthma zu verbessern (Kasten).
Korrekt therapiert werden nur zehn Prozent der Patienten
Angesichts der zunehmenden Anzahl von Asthmatikern (etwa 30 Millionen Europäer sind bereits betroffen) erscheint das Anliegen der Experten gerechtfertigt. Häufige Ursache für die Erkrankung ist die unzureichende Behandlung einer vorhergehenden allergischen Rhinitis. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie entwickeln rund 40 Prozent der Rhinitispatienten im Laufe ihres Lebens auch asthmatische Symptome. Korrekt therapiert würden nur etwa zehn Prozent der Patienten mit allergischen Atemwegserkrankungen.
Die Kosten für ihre Behandlung und krankheitsbedingten Arbeitsausfälle summieren sich auf knapp 18 Milliarden Euro jährlich. Experten und Politiker forderten daher in Brüssel, europäische und nationale Therapierichtlinien dem Stand des medizinischen Wissens anzupassen. In einer 13 Punkte umfassenden Deklaration sprachen sie sich dafür aus, den Erfahrungsaustausch in der Asthmatherapie zwischen den Ländern zu fördern, um die Versorgung europaweit anzugleichen.
„Da Asthma keine lokal begrenzte, sondern eine systemische Erkrankung ist, müsse sie entsprechend behandelt werden“, sagte Prof. Dr. med. David Price (Aberdeen). Auch seien Diagnosen und Behandlungskontrollen, die lediglich auf Lungenfunktionsmessungen beruhten, nicht mehr zeitgemäß. „Dreh- und Angelpunkt einer modernen Therapie muss es sein, die Entzündung frühzeitig aggressiv zu behandeln“, betonte Price. Auch wenn inhalative Steroide häufig das Mittel der Wahl seien, seien sie nicht für alle Patienten gleichermaßen geeignet.
Insbesondere Raucher, Patienten, die sowohl unter einer Rhinitis als auch unter Asthma leiden und Kinder mit Atemwegsproblemen infolge einer Virusinfektion sprächen nicht so gut auf inhalative Steroide an. Hier kämen als Alternative Leukotrien-Rezeptorantagonisten (LTRA) in Betracht. „In Studien mit Kindern im Alter von ein bis fünf Jahren konnten wir nachweisen, dass der Behandlungserfolg mit LTRA um ein 2,5-faches höher lag als bei inhalativen Steroiden“.
Petra Spielberg


GA2LEN-Netzwerk

Seit Februar 2004 arbeiten 25 Forschungseinrichtungen aus 16 europäischen Ländern im sogenannten GA2LEN-Netzwerk (Global Allergy and Asthma European Network) zusammen. Ziel ist es, die Forschung auf dem Gebiet allergisch-asthmatischer Erkrankungen voranzubringen und die medizinische Versorgung zu optimieren. Von deutscher Seite nehmen das Berliner Allergie-Zentrum der Charité, die Technische Universität München und die bayerische Ludwig-Maximilians-Universität am Konsortium teil. Außerdem wirken an dem Verbund der Europäische Berufsverband der Allergologen und die Europäische Vereinigung der Patientenorganisationen mit.
Bis 2008 erhält das Netzwerk Mittel in Höhe von 14,4 Millionen Euro aus dem Fördertopf des 6. EU-Forschungsrahmenprogramms. In neun Projekten untersucht man unterschiedliche Auslöser und Wechselwirkungen, die zu Allergien und Asthma führen können, angefangen von bestimmten Lebensmitteln bis hin zu genetischen Ursachen. Die Forschungsergebnisse sollen Eingang in europäische Leitlinien zur Diagnose und Therapie von Asthma und Allergien finden. Ein weiterer Aspekt ist die Schulung von medizinischem Personal und Studenten in der korrekten Betreuung der Patienten.

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