ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2006Mensch gegen Maschine: Weltmeister Kramnik und die „brutale Rechenkraft“

THEMEN DER ZEIT

Mensch gegen Maschine: Weltmeister Kramnik und die „brutale Rechenkraft“

Pfleger, Helmut

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Auftakt: Weltmeister Wladimir Kramnik (r.) gegen „Fritz“, der hier von Mathias Feist, einem seiner Programmierer, repräsentiert wird. Foto: Bernhard Eifrig
Auftakt: Weltmeister Wladimir Kramnik (r.) gegen „Fritz“, der hier von Mathias Feist, einem seiner Programmierer, repräsentiert wird. Foto: Bernhard Eifrig
Seit der Erfindung des Schachcomputers stellt sich die Frage nach der Überlegenheit des menschlichen Geistes über die Maschine. Dieser Tage kommt es in Bonn zu einem erneuten Duell – mit ungewissem Ausgang.

Garry Kasparow stürzte von der Bühne. Nur weg von dem Ort, wo er – der weltbeste Schachspieler – gerade eine der bittersten Niederlagen seiner Laufbahn erlitten hatte. „Obwohl ich alles gab, spielte die Maschine ungerührt ein leichtes, wunderbares, fehlerfreies Schach. Zum ersten Mal spürte, ja roch ich buchstäblich eine Art von Intelligenz auf der anderen Seite.“ Die Entwickler des IBM-Großrechners „Deep Blue“ waren sich in der Begeisterung nach ihrem Sieg ebenfalls einig: „Das war kein Computerschach. Das war menschliches Schach.“
Die Maschine leidet nie
War an diesem Apriltag des Jahres 1997 eine neue Ära in der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine eingeleitet worden? Ein 1,4 Tonnen schwerer Silikon-Koloss, der 200 Millionen Mal schneller als er selbst rechnen kann, hatte ihn erdrückt wie eine Boa constrictor das Kaninchen. Der seit zwölf Jahren unangefochten regierende Weltmeister war angetreten, die „Ehre der menschlichen Rasse“ (Kasparow) gegen das Rechenungeheuer zu verteidigen.
Prächtig fühlte er sich nach dem Auftaktsieg, als seine menschliche Intuition, seine weitplanende Strategie sich der „brute force“ (nackten Rechengewalt) überlegen erwiesen hatte. Doch dann diese zweite Partie. Es war, als ob Bobby Fischer oder Karpow persönlich im Kasten versteckt gewesen wären. Kasparow: „Nach der Partie war ich schrecklich müde, während der Computer nicht einmal wusste, ob er nun gewonnen, verloren oder remis gespielt hatte! Zum ersten Mal habe ich gegen einen Kontrahenten gespielt, der unter meinem Druck nicht zusammengebrochen ist! Ich konnte hinterher kaum schlafen. Die Maschine hingegen leidet nie. Sie wird abgeschaltet, und das war’s.“
Dieses Match, das der Computer schließlich knapp gewinnen sollte, war ein Wendepunkt in der faszinierenden Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine, der grauen Zellen gegen die Chips, der genialen Intuition gegen brutale Rechenkraft. Dabei tat der Computer nur das Einzige, was er kann: mit nimmermüder Geduld sich stumpfsinnig stundenlang durch einen Urwald von Datendreck zu wühlen, dabei zu 99,999 Prozent nur Mist zutage zu fördern – und doch mit dem verbleibenden Rest eine Partie wie aus einem Guss zu spielen. Aus „künstlicher Dummheit“ wird künstliche Intelligenz, aus dem Depp wird Deep (Blue). Und Kasparow wird fortan zum Computer fast wie zu einem höheren Wesen emporblicken, ganz anders als Stephen Hawking: „Ich kann bei den gegenwärtigen Rechnern keinerlei Anzeichen von künstlicher Intelligenz entdecken, sie sind weniger komplex als das Gehirn eines Regenwurms.“
Es begann mit dem „Türken“
In einer normalen Schachpartie von etwa 40 Zügen gibt es 1,5 mal 10128 Möglichkeiten – weit mehr als Atome im ganzen Weltall. Wäre jedes Atom des Universums ein Supercomputer, der eine Million Stellungen pro Sekunde untersuchen könnte, und hätten diese Computer wohlkoordiniert zu Beginn des Universums, also vor circa 15 Milliarden Jahren, zu rechnen begonnen, wären sie heute erst beim 31. Zug angekommen. Das heißt aber, dass auch ein Deep Blue mit seinen 200 Millionen Stellungsbewertungen pro Sekunde im Grunde eine lahme Schnecke ist, die nur an der Oberfläche kratzen kann, der zudem immer die menschliche Intuition fehlen wird und über deren Horizont der ach so langsame Mensch bei langfristigen Strategieentscheidungen oft weit hinausblickt – und „plötzlich schaut der Computer ganz schön alt aus“, wie mein leider schon verstorbener Freund Dr. med. Modjtaba Abtahi sagte.
In gewisser Weise begann alles mit dem Urahnen der heutigen Schachcomputer und -programme, dem „Türken“. Dieser erste „Schachautomat“ kam in Form eines Kastens mit Schachbrett daher, hinter dem ein „Türke“ thronte und die Züge ausführte, bei Schachgeboten dreimal mit dem Kopf nickte und illegale Züge mit einem Kopfschütteln bedachte. Seine Geburt erlebte diese Erfindung Johann von Kempelens 1769 am Hofe von Kaiserin Maria Theresia, in den folgenden Jahren reiste der Türke durch Europa und erregte überall großes Aufsehen. Fast immer gewann er, unter anderem 1809 gegen Napoleon in Schloss Schönbrunn und gegen den amerikanischen Staatsmann und Erfinder Benjamin Franklin, einen leidenschaftlichen Schachspieler, der sogar eine kleine Schrift „The Morals of Chess“ verfasste.
Passender Ort: Das Duell Kramnik gegen Deep Fritz findet in der Kunstund Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn statt.
Passender Ort: Das Duell Kramnik gegen Deep Fritz findet in der Kunstund Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn statt.
Manch einer hielt den Türken für einen Schwindel, doch niemandem gelang es, sein Geheimnis wirklich zu enthüllen, selbst E. A. Poe lag nur halbrichtig. Bei der Einsicht in den Kasten von allen Seiten bot sich dem Auge immer nur ein Gewirr von Hebeln, Walzen und Rädern, aber in Wirklichkeit verbarg sich im Innern der genialen Konstruktion ein kleinwüchsiger Schachmeister, der die Züge ausdachte und ausführte. Inzwischen steht im Computermuseum des Siemens-Nixdorf-Forums in Paderborn eine originalgetreue Nachbildung, die schon gegen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück spielte – und verlor! Durch diesen „Schachautomaten“ ist unsere Sprache um die Ausdrücke „getürkt“ und „einen Türken bauen“ bereichert.
Erstmals hatte die Frage, ob eine Maschine überhaupt denken könne, der britische Computerwissenschaftler Alan Turing in den Fünfzigerjahren gestellt. Könnten unabhängige Beobachter nicht mehr unterscheiden, welche „Antwort“ von einem Menschen oder einer Maschine stammt, müsste man dieser „Intelligenz“ zubilligen. Und das Medium par excellence war und ist bis heute das Schachspiel, dieser „Probierstein des Gehirns“ (Goethe). Mit einem klaren Regelwerk in einem festgefügten Rahmen von 64 Feldern und 32 Figuren, eindeutiger Zielsetzung „Matt dem König“ und überprüfbaren Resultaten.
So schrieb Turing nach Kriegsende das erste Schachprogramm der Welt (während des 2. Weltkriegs hatte er, nicht zuletzt mit anderen Schachmeistern, die Funksprüche der Deutschen decodiert und den ersten programmierbaren Computer konstruiert). Langsam machten die Schachcomputer Fortschritte. Als 1979 anlässlich einer ZDF-Sendung über „Künstliche Intelligenz“ in Hamburg der schottische Internationale Meister David Levy gegen den damals besten Großrechner „Chess 4.8“ aus den USA antritt, wobei ein über Satellit gesteuerter Roboter für jenen die Züge ausführt, muss sich Levy nach einem wilden Gemetzel mit einem Remis begnügen. Das Interesse bei den Zuschauern ist riesengroß, über 80 000-mal wird danach die Notation der Partie angefordert.
Doch noch in den Achtzigerjahren haben Schachcomputer gegen starke Spieler kaum eine Chance, 1985 spielt Kasparow beim „Spiegel“ in Hamburg gegen 15 Schachcomputer simultan und gewinnt 15:0. Immer noch können Schachmeister über die oft grotesken Unzulänglichkeiten der „Blechbüchsen“ nur lächeln, ein Ende der menschlichen Vorherrschaft scheint kaum vorstellbar. Bei Turnieren, an denen ein Computer teilnimmt, scharen sich die Kiebitze in schadenfroher Erwartung um deren Partien. „Die lernen es nie“, so ein häufig gehörter Satz, mochte auch der Schachcomputerfreak Ephraim Kishon, der gerne mit seinem eigenen sprechenden Gerät „Kishon Chesster“ antrat, das Ende des menschlichen Primats innerhalb von fünf Jahren ankündigen und der ehemalige Weltmeister Michail Botwinnik ins gleiche Horn blasen – dessen eigene Entwicklung „Mein Computer spielt so, wie ich denke“ scheut jedenfalls das Tageslicht und wird nie öffentlich eine Partie spielen.
Aber gleichzeitig schreitet die Entwicklung weiter voran. Wohl schlägt 1989 Kasparow „Deep Thought“, den so in Anlehnung an den Supercomputer in „Per Anhalter durch die Galaxis“ benannten Vorgänger von „Deep Blue“, noch eindeutig mit 2:0 und tönt nach der ersten Partie, in der er den Computer zerschmettert: „Ein Mensch wäre nach so einer verheerenden Niederlage kein zweites Mal angetreten“, doch das Spiel der Computer wird immer „menschenähnlicher“.
Als ich selber 1990 gegen Deep Thought zwei Mal remis spiele, können Experten wie Kasparow und Kortschnoi nur noch anhand von ein bis zwei Zügen erkennen, wer Mensch und wer Maschine war. Turing hat vielleicht aus dem Grab heraus gejauchzt.
Inzwischen sind die PC-Schachprogramme immer stärker geworden. Das deutsche Programm „Fritz“ kann beim bis dahin bestbesetzten Blitzturnier (jeder Spieler hat für die ganze Partie nur fünf Minuten Zeit) aller Zeiten in München 1994 sensationell auftrumpfen, am Schluss gewinnt Fritz zusammen mit Kasparow vor Anand, Kramnik und so weiter, im Stichkampf allerdings setzt sich Kasparow unter dem Jubel der Zuschauer eindeutig durch. Der deutsche Großmeister Eric Lobron: „Das Programm von Fritz ist das bestgehütete Geheimnis seit Coca-Cola!“
Es zeigt sich, dass die Programme den Menschen zwar in puncto Strategie und weitsichtiger Partieanlage nicht das Wasser reichen können, aber gerade bei großer Geschwindigkeit und Zeitnot grobe Böcke nur den Menschen unterlaufen. Oft hat der Mensch den „Schraubensack“ eigentlich schon am Boden, doch dieser spielt unbekümmert und nie ermüdend weiter, bis der „homo sapiens“ dann doch noch patzt.
Das letzte Aufbäumen?
Der Russe Wladimir Kramnik, der im Jahr 2000 seinen Landsmann Garry Kasparow als Weltmeister entthront und seinen Titel vor kurzem gegen den Bulgaren Veselin Topalov verteidigt hat, muss sich 2002 bei einem Wettkampf um eine Million Dollar gegen Fritz in Bahrain mit einem 4 : 4-Unentschieden begnügen. Ähnlich ausgeglichen geht es bei Wettkämpfen Kasparows gegen „Junior“ und „Fritz“ in New York zu. Noch ist der Kampf um die Vorherrschaft offen, obwohl sich die Waagschale bei Mensch-Maschine-Wettkämpfen langsam zugunsten der Programme zu neigen scheint.
Das nächste Kapitel wird nun vom 25. November bis 5. Dezember 2006 in der Bundeskunsthalle in Bonn geschrieben, wenn sich Kramnik einmal mehr dem weltweit führenden Programm „Deep Fritz“ stellt. Der sehr gute Amateurspieler Peer Steinbrück, der 2005 an gleicher Stelle Kramnik beinahe ein Remis abgetrotzt hätte, wird zusammen mit dem RAG-Konzernchef Werner Müller, der für das auch nicht zu verachtende Preisgeld von einer Million Euro sorgt (falls Kramnik siegt, sonst gibt’s „nur“ eine halbe Million), das Turnier eröffnen und die erste Partie am 25. November zusammen mit mir kommentieren. Wer will, kann die Live-Kommentare jeweils im Internet verfolgen, auf der Veranstalter-Homepage „mensch-gegen-maschine.de“ oder „www.chessbase.de“ und „www.chessbase.com“ werden die verschiedenen Server wie „Spiegel-Online“, „schach.de“, „playchess.com“ et cetera genannt.
Kramnik betrachtet zwar den Computer mittlerweile als Favoriten, ist aber dennoch zuversichtlich: „Menschen können den Maschinen im intellektuellen Wettstreit noch überlegen sein, jene können nur stur rechnen und nicht flexibel denken.“
Nicht alle Schachspieler betrachten indes die „elektronischen Kisten“ mit freudigen Augen. Wie sagt es der holländische Großmeister Jan Hein Donner: „Sie sind ein Volksbetrug, hilflos und mächtig zugleich. Wie einst Gott.“ Oder noch drastischer auf die Frage, wie man einen Schachcomputer schlägt: „Mit dem Hammer!“ Die Maschine kann tiefe, geradezu archetypische Aggressionen im Menschen wecken, als Ultima Ratio kann dann das Herausziehen des Steckers noch eine harmlose Variante sein.
Doch alle Spitzenspieler, so wie auch unzählige Amateure, benützen sie entweder zur Vorbereitung beziehungsweise Überprüfung ausgetüftelter Varianten oder mit der Schachlehrerfunktion zur Verbesserung ihrer Spielstärke oder schlicht zum Spielen mit einem allzeit verfügbaren Partner, der sein Niveau auch willig senkt und so dem Menschen eine Chance gönnt. Für den Bundespräsidenten a. D. Richard von Weizsäcker ist es abends ein gutes Mittel, „um ein anregendes und doch gleichzeitig entspannendes Zwischenfeld zwischen den Ereignissen des Tages und der Ruhe der Nacht einzulegen“.
Allerdings kann das Spielen gegen Schachcomputer auch zur Sucht ausarten. Das Gleiche gilt für das Internet, das an und für sich ideale Schachmedium, bei dem man zum Beispiel auf den führenden Schachservern wie „schach.de“ oder „playchess.com“ zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Spielern auf der ganzen Welt Blitz- oder Schnellpartien spielen kann. Dabei brachte es jemand auf 520 Stunden in einem Monat – gesund ist anders!
Dr. med. Helmut Pfleger
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