ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2006Juristentag: Im Zweifel für das Leben
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Sicherlich ist es richtig, wenn die Juristen uns Ärzte immer wieder an die Patientenautonomie erinnern und uns ermahnen, nicht wieder in den alten Paternalismus zurückzufallen. Beim Deutschen Juristentag (DJT) wurde allerdings zweifellos das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, und wir Ärzte sind aufgerufen, uns mit unserer Sichtweise offensiv in die Diskussion einzumischen. Beispiel Wachkoma: Wir wissen heute, dass Menschen im Wachkoma unter bestimmten Umständen durchaus ein reiches mentales Leben haben können – auch wenn ihnen Äußerungsmöglichkeiten versagt bleiben. Jüngst konnte sogar die britische Forschergruppe um den Neurowissenschaftler Adrian Owen vom britischen Medical Research Council in Cambridge in der Fachzeitschrift „Science“ Daten veröffentlichen, die nahelegen, dass im Fall der untersuchten Wachkomapatientin Bewusstsein bestand. Menschen im Wachkoma sind keineswegs „Sterbende“. Leider wird bei der Erkundung ihres (mutmaßlichen) Willens noch immer auf (oft lange zurückliegende) Äußerungen in gesunden Tagen zurückgegriffen. Tatsächlich wissen wir aber heute längst, dass zwischen den Wünschen und Vorstellungen gesunder und kranker Menschen eine breite Lücke klafft. Hier ein „Willenskontinuum“ zu vermuten, erscheint fahrlässig, wenngleich bequem. Tatsächlich aber muss es darum gehen, die aktuelle Lebensqualität der kranken bzw. behinderten Menschen sorgsam zu erkunden. Dies setzt das Bemühen um einen Beziehungsaufbau voraus, wie er heute in vielen Fällen gelingt. Hier sind es vermutlich eher manche Vormundschaftsgerichte, die dazulernen sollten. Aber davon war leider beim DJT nicht die Rede. Kaum ein Mensch dürfte sich nämlich in gesunden Tagen dahingehend äußern, dass er sich im Wachkoma Lebensqualität vorstellen kann und diesen Zustand akzeptieren will. Wird auf solche „alten“ Äußerungen Bezug genommen, ergibt sich daraus im Extremfall ein Freibrief für die flächendeckende Tötung von Wachkomatösen. – Aber wie sollen wir dort verfahren, wo wir den aktuellen Willen nicht erkunden können? Dann sollte gemäß dem Nürnberger Ärztekodex gelten: Im Zweifel für das Leben . . .
Prof. Dr. med. Dr. h. c. Christoph Student,
Stafflenbergstraße 22, 70184 Stuttgart
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