ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2006Arztgeschichte: Der himmlische Arztbrief

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Arztgeschichte: Der himmlische Arztbrief

Dtsch Arztebl 2006; 103(48): [100]

Förster, Helmut

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Zeichnung: Elke Steiner
Zeichnung: Elke Steiner
„Ich lebe hier als Arzt allein, habe eine Hausapotheke und erfreue mich einer guten Arztpraxis . . . in guten collegialischen Verhältnissen.“

In puncto Arztbriefe sind Hausärzte einiges gewohnt. Sie sind meistens lange unterwegs, aber so lange. . . Da staunte der Arzt einer westfälischen Gemeinde nicht schlecht, als ihn ein Brief erst nach 150 Jahren erreichte. Datiert aus dem Jahr 1844. Kein Irrtum möglich, adressiert „an meinen Collegen, dem praktisirenden Arzte H. H. N. N.“.
Was war passiert? Das Dach der Ortskirche wurde renoviert. Dazu holte man auch die Kugel mit Kreuz und Hahn von der Turmspitze herunter und schraubte sie auf. Darin fand man ein antik aussehendes Medizinfläschchen mit einer Flaschenpost. Man barg ganz vorsichtig einen etwas vergilbten Brief in akkurater Sütterlinschrift, verfasst vom damaligen praktizierenden Hausarzt Dr. Heinrich N. Nach über 150 Jahren erreichte dieser Brief nun endlich seinen Empfänger. Er wurde ihm am Nachmittag desselben Tages ausgehändigt.
„Lieber Herr Collega“, schrieb der damals 40-jährige Kollege aus der Tiefe der Zeiten, „es wird Ihnen gewiß sehr wunderbar erscheinen, dass Sie so unerwartet einen Brief von einem längst verblichenen Collegen erhalten.“ Er werde den Kugelwechsel auf der Kirchturmspitze als Briefkasten benutzen.
Eine Kirchturmkugel, genial, erwies sich über 150 Jahre trotz Blitzen und Stürmen als der sicherste Aufbewahrungsort der Welt, überstand sie doch drei Reiche und zwei Weltkriege, um nun umso lebendiger von einem Landarzt zu erzählen, von dem man sonst nichts erfahren hätte.
„Ich lebe hier als Arzt allein, habe eine Hausapotheke und erfreue mich einer guten Arztpraxis . . . in guten collegialischen Verhältnissen“ . . . mit einem Arzt im Nachbardorf, allerdings ohne Telefon, ohne Auto. „Es wird beim Empfange dieses Zettelchen alles anders sein“, weiß er, die „Öde“ der damaligen Landschaft und die „Einsamkeit des Torfmoors“ sind zerschnitten durch Straßen und Schienenstränge. „Chausseen und Eisenbahnen sind hier noch nichts, wenn die Erfindungen so weitergehen, wird man zu Ihrer Zeit gewiss durch die Lüfte segeln“. . . ein Prophet, der die alles beherrschende Mobilität vorausgesehen hat. Hätte er doch nur die erstaunlichen Geräte der heutigen Hightechmedizin sehen können, die seinem Nachfolger selbstverständlich und notwendig vorkommen werden. Bis zum Röntgengerät brauchte es noch 80 Jahre, bis zum Penicillin und zum Computer noch über hundert Jahre. Unwillkürlich stellt sich die Frage, was man einem Kollegen für die Zeit nach 2150 prophezeien würde. Sind Krebs, Aids und Alzheimer besiegt, beherrscht die E-Medizin den Menschen? Die Lebenserwartung, ist sie auf 120 Jahre gestiegen? Nur eines wissen wir mit Sicherheit, der klassische Arztbrief ist passé!
„Wenn Sie diesen Brief erhalten, wird diese Generation gewiß schon dreimal ausgestorben sein.“ Wie viele Kinder unser Doktor hatte, erfahren wir leider nicht. 1832 hat er jedenfalls die Tochter seines Vorgängers geheiratet, dessen Großvater und Urgroßvater Chirurgen waren. Alle hatten weder Betäubungsmittel noch Antibiotika. Die Narkose war noch längst nicht erfunden. „Alles hascht nach etwas Neuem, vieles wird angelobt, weniges ist gut“, schreibt er ganz aktuell, obwohl die Pharmawerbung noch gar nicht existierte. Eine verheerende Cholera verfehlt sein Dorf, dafür sucht es die Grippe heim. Er wohnt in der Nähe des Armenhauses und betreibt mit zwei Pferden einen „kleinen Ackerbau“. „Lieber Collega, ich bin lange todt und vermodert, im Himmel hoffe ich, sehen wir uns wieder. Es grüßt Sie also herzlich vom hohen Olympe herab, Ihr lange verstorbener Collega. . . Borggreve.
Dr. med. Helmut Förster
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