ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2006Das familienfreundliche Krankenhaus: Vorteil im Wettbewerb durch zufriedenere Ärztinnen und Ärzte

THEMEN DER ZEIT

Das familienfreundliche Krankenhaus: Vorteil im Wettbewerb durch zufriedenere Ärztinnen und Ärzte

Dtsch Arztebl 2006; 103(49): A-3320 / B-2891 / C-2771

Bühren, Astrid; Dettmer, Susanne

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Familienfreundliche Maßnahmen lohnen sich auch finanziell für ein Unternehmen. Dies wird am Beispiel der Unfallklinik Murnau deutlich. Fotos: Unfallklinik Murnau
Familienfreundliche Maßnahmen lohnen sich auch finanziell für ein Unternehmen. Dies wird am Beispiel der Unfallklinik Murnau deutlich. Fotos: Unfallklinik Murnau
Ergebnisse einer Umfrage an allen deutschen Krankenhäusern und Kosten-Nutzen-Analyse für eine klinikeigene Kindertagesstätte

Wenn ich gewusst hätte, wie gut ich meine Arbeit in der Klinik mit meiner jetzt dreijährigen Tochter vereinbaren kann, hätte ich früher eine Schwangerschaft eingeplant, und mein Mann und ich hätten sicher mehr als ein Kind bekommen.“ (Erfahrung einer Chirurgin, Anfang vierzig, mit der klinikeigenen Kinderbetreuung)
„Als alleinerziehende Mutter eines vier Monate alten Sohnes sah ich gar keine andere Möglichkeit, als im Beruf zu bleiben; und ich hatte auch keine Familie vor Ort. Mit der Krippe auf dem Klinikgelände war der Kontakt zum Kind immer gegeben, und die Betreuungszeiten sind so, dass auch Dienste an Wochenenden, an Feiertagen und in die Abendstunden hinein übernommen werden können. Mein Sohn profitierte zudem von der Einbindung in die Gruppe, und dies wirkte sich auch positiv beim Übergang in die Schule aus. Ich habe kein schlechtes Gewissen, immer voll engagiert berufstätig gewesen zu sein.“ (Unfallchirurgin, vollzeitbeschäftigt)
„Bei einer unvorhergesehenen Situation im OP oder in der Notaufnahme wäre für mich die konzentrierte und unbelastete Weiterarbeit kaum möglich, wenn ich wüsste, dass meine Kinder dann vor der verschlossenen Tür des Kindergartens stehen würden.“ (Ärztin, teilzeitbeschäftigt, in chirurgischer Weiterbildung)
Kinderbetreuung täglich und an 365 Tagen im Jahr
Die Kinder der hier zitierten Ärztinnen werden während ihrer Arbeitszeiten in der klinikeigenen Kindertagesstätte der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau betreut. Diese Klinik hat bereits seit 1977 eine Kindertagesstätte, in der Kinder von ärztlichen und anderen Beschäftigten ab der achten Lebenswoche bis zum zehnten Lebensjahr betreut werden können – und zwar zwischen 5.30 Uhr und 21.30 Uhr täglich und an 365 Tagen im Jahr. Auch im Krankheitsfall können die Kinder in der Einrichtung untergebracht werden. Solche Beispiele sind in der deutschen Kliniklandschaft die Ausnahme, wie eine Umfrage des Deutschen Ärztinnenbundes (1) ergab.
Sonnenschein-Gruppe: Hier werden die Kleinsten in der hauseigenen Kindertagesstätte der Unfallklinik betreut.
Sonnenschein-Gruppe: Hier werden die Kleinsten in der hauseigenen Kindertagesstätte der Unfallklinik betreut.
Zur Erhebung von Basisdaten zur Kinderbetreuungssituation führte der Deutsche Ärztinnenbund 2005/ 2006 eine Fragebogenerhebung an den deutschen Krankenhäusern durch. Gefragt wurde nach Betreuungsmöglichkeiten für Kinder der Altersgruppen von null bis zehn Jahren, die Ärztinnen und Ärzte in Anspruch nehmen können, nach familienfreundlichen Angeboten, wie Hausaufgabenbetreuung, Mittagstisch, und nach flexiblen Arbeitszeitmodellen.
Bundesweit wurden 2 222 Fragebogen verschickt. Bei ausbleibender Antwort wurde der Fragebogen nach einem Monat ein zweites Mal an das Krankenhaus versandt. Dem Deutschen Ärztinnenbund liegen 721 Antwortbogen vor, was einer Rücklaufquote von 32,45 Prozent entspricht. 107 Kliniken geben an, über eigene Kinderbetreuungsangebote zu verfügen – 70 davon mit zum Teil langen Wartelisten. Der Anteil der Kliniken mit eigener Kinderbetreuung beträgt demnach rund 15 Prozent. In der Realität dürfte der Anteil der Häuser mit Kinderbetreuung aber noch deutlich niedriger liegen. Dies lässt sich daraus schließen, dass bei dem Rücklauf auf die zweite Aussendung des Fragebogens kaum noch Kliniken vertreten waren, die über eine Kinderbetreuung verfügen. Man kann davon ausgehen, dass sich unter den 1 501 Krankenhäusern, die den Fragebogen nicht beantwortet haben, nur noch wenige Häuser befinden, die familienfreundliche Angebote für Ärztinnen und Ärzte vorhalten.
Bezüglich der Altersgruppen der Kinder, für die Betreuung angeboten wird, fällt Folgendes auf: Bundesweit geben 97 Kliniken an, drei- bis sechsjährige Kinder zu betreuen. 84 Häuser versorgen Kleinkinder im Alter von null bis drei Jahren – aber nur 36 Krankenhäuser bieten ein Betreuungsangebot für Kinder im schulpflichtigen Alter von sechs bis zehn Jahren (Grafik 1).
Von den 36 deutschen Universitätsklinika haben sich 25 an der Befragung beteiligt. Davon verfügen 16 Häuser über eigene Kinderbetreuungsangebote (14 davon mit Wartelisten), wohingegen neun Kliniken keine solchen Angebote haben. Die Angebote zur Betreuung richten sich auch hier vor allem an die Kinder im Säuglings- oder Kleinkindalter. So bieten 15 Universitätsklinika Betreuung für die Gruppe der null- bis dreijährigen und alle 16 Häuser eine Betreuung für drei- bis sechsjährige Kinder an. Aber nur sieben Universitätsklinika verfügen auch über Angebote für schulpflichtige Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren (Tübingen, Hamburg, Gießen, Göttingen, Bonn, Essen und Köln). Lediglich das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, das Klinikum der Universität Köln, das Universitätsklinikum Magdeburg sowie das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (Standort Gießen) bieten Hausaufgabenbetreuung an. In 20 Universitätsklinika sind flexible Arbeitszeitmodelle gewährleistet, während drei Einrichtungen (Klinikum der Universität Würzburg, Universitätsklinikum Magdeburg, Klinikum der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main) nach eigenen Angaben keine flexiblen Arbeitszeitmodelle anbieten.
Betrachtet man die Krankenhäuser nach der Anzahl der Betten, so wird deutlich, dass vor allem die großen Häuser mit 600 oder mehr Betten Kinderbetreuung anbieten, gefolgt von der Gruppe der kleinen Krankenhäuser mit weniger als 300 Betten, die häufig im Verbund Kinderbetreuung vorhalten. Bei den sonstigen familienfreundlichen Angeboten wie flexible Arbeitszeitmodelle, Mittagstisch oder Hausaufgabenbetreuung wird deutlich, dass die kleinen Häuser mit geringer Bettenzahl seltener solche Angebote anbieten als die mittleren und großen Häuser.
Personalwechsel und Ausfallzeiten werden vermieden
In den Fragebogen wird der Verzicht auf Kinderbetreuungsmöglichkeiten häufig damit begründet, dass dies aus finanziellen Gründen nicht möglich sei beziehungsweise sich finanziell nicht lohnen würde. Der Verwaltungsdirektor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau, Erwin Kinateder, hat in Bezug auf die Kosten-Nutzen-Bewertung der Kinderbetreuung einen festen Standpunkt: „Unsere Einrichtung braucht einen Personalstamm, der fachlich sattelfest, hoch motiviert, schnell greifbar und bei hohem Notfallaufkommen bereit ist, auch außerhalb der Dienstzeit einzuspringen. Um dies zu sichern, spielt unsere hauseigene Kindertagesstätte mit Öffnungszeiten an 365 Tagen im Jahr von 5.30 Uhr morgens bis 21.30 Uhr abends eine zentrale Rolle.“ Kinateder verweist auf eine Reihe weiterer Maßnahmen in seinem Krankenhaus – wie zum Beispiel Teilzeitbeschäftigung und EDV-gestützte langfristige Dienstplanung –, mit denen man Arbeitszeiten besser planen und Beruf und Familie besser vereinbaren kann. Denn für ärztlich tätige Eltern ist die Absicherung der Kinderbetreuung häufig sehr schwierig, weil Kinderbetreuung nicht flächendeckend und bedarfsgerecht angeboten wird. Ausschließlich privat finanziert, ist sie sehr kostspielig und nicht immer qualitätsgesichert. „Obwohl die Klinik einen wesentlichen Teil der Unterhaltskosten für die Kindertagesstätte trägt, rechnet sich dies allein schon deshalb, weil wir Personalwechsel weitgehend vermeiden können. Auch Ausfallzeiten, die auftreten, wenn Kinder zum Beispiel an Feiertagen nicht untergebracht werden können, werden vermieden“, erläutert der Verwaltungsdirektor.
Hausaufgaben der Schulkinder werden in der klinikeigenen Hortgruppe betreut.
Hausaufgaben der Schulkinder werden in der klinikeigenen Hortgruppe betreut.
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Wichtiger Baustein für größere Arbeitszufriedenheit
In einer Kosten-Nutzen-Berechnung der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau wurde das jährliche Einsparpotenzial den tatsächlichen Kosten der familienfreundlichen Maßnahmen gegenübergestellt. Dabei wurden die monetär bewerteten Nutzenzuwächse der familienfreundlichen Maßnahmen für den Arbeitgeber mit den Kosten der Maßnahmen saldiert. Für das Jahr 2004 ergab sich eine Kosten-Nutzen-Differenz von plus 82 804 Euro (Grafik 2). Diese Differenz kann als Gewinn für das Unternehmen interpretiert werden (2).*
Wie wichtig das Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Medizinstudierende und junge Ärztinnen und Ärzte ist, zeigt eine Online-Umfrage der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland aus dem Jahr 2005. Diese Umfrage ergab, dass sich von 3 600 Befragten 86 Prozent Kinder wünschen. Allerdings hielten es 79 Prozent für schwierig oder sehr schwierig, ihren Kinderwunsch mit dem ärztlichen Beruf zu vereinbaren. Die Positionierung als attraktiver Arbeitgeber wird deshalb zukünftig auch von Angeboten zur Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bestimmt werden (3). Die gilt besonders vor dem Hintergrund des stetig steigenden Frauenanteils bei den Berufsanfängern (4). Aber auch für junge Ärzte nehmen Fragen der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben sowie Fragen der „Work-Life-Balance“ an Bedeutung zu, denn immer häufiger streben sie gemeinsam mit ihren beruflich ebenso hoch qualifizierten Lebenspartnerinnen eine gleichberechtigte Aufgabenteilung in Beruf und Familie an. Dies zeigen auch die Ergebnisse eines Gutachtens im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung zum „Ausstieg aus der kurativen ärztlichen Berufstätigkeit in Deutschland“ (5). Deshalb bietet der Deutsche Ärztinnenbund auf seinen Internetseiten (aerztinnen
bund.de) unter dem Stichwort „Kinderbetreuung“ eine Auflistung der Kliniken, die Kinderbetreuung anbieten.
Es ist wichtig, dass die Akzeptanz für familienfreundliche Arbeitszeiten auch für Männer in der Medizin steigt. Wenn diese Probleme nicht umfassend angegangen und Lösungen angeboten werden, wird es zu einem noch größeren Mangel an Ärztinnen und Ärzten kommen, als wir ihn heute schon registrieren. Junge Ärztinnen und Ärzte werden sich zunehmend für alternative Tätigkeitsfelder entscheiden oder ins Ausland gehen, wo bessere Arbeits- und Vereinbarkeitsbedingungen von Beruf und Familie herrschen als in Deutschland.
Um den Bedarf an familienfreundlichen Maßnahmen möglichst differenziert und zielgenau zu erheben, haben sich in Unternehmen Mitarbeiterbefragungen bewährt. Als wichtige Module eines familienfreundlichen Krankenhauses sind neben der Unterstützung bei der Kinderbetreuung auch flexible Arbeitszeitmodelle, Wiedereinstiegshilfen für junge Mütter und Väter, Angebote zur Hausaufgabenbetreuung, Schulkinderferienbetreuung, Notgruppen bei Ausfall der sonstigen Kinderbetreuung, Mittagstisch, Einkaufsservice sowie die Unterstützung bei der Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger anzusehen. Die Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben sollte selbstverständliches Thema des Personalmanagements sein, das heißt systematisch und umfassend berücksichtigt werden. Ebenso wie für andere Themen des Personalmanagements muss es Ansprechpersonen, Informationsmaterial, Beratungsmöglichkeiten sowie systematische Planungs- und Unterstützungsmaßnahmen geben. Gegebenenfalls sollten hierzu auch Fortbildungsmaßnahmen angeboten werden. Ein guter Ansatz, um familienfreundliche Maßnahmen nach außen hin darzustellen, ist das „Audit Beruf und Familie“ (6). Ein entsprechendes Zertifikat der gemeinnützigen Hertie-Stiftung wurde seit 1999 an 400 Unternehmen verliehen – darunter sind bisher 16 Kliniken als familienfreundlich zertifiziert.
Ein familienfreundliches Krankenhaus kann nicht nur ein wichtiger Baustein für die Erhöhung der Arbeitszufriedenheit und für Kostenersparnisse durch geringere Fluktuation von Personal sein, sondern auch zur Reputation des Hauses beitragen. Tatkräftige Verbündete bei der Umsetzung familienfreundlicher Maßnahmen und einer entsprechenden Öffentlichkeitsarbeit finden Kliniken auch in den „Lokalen Bündnissen für Familie“. In lokalen Bündnissen setzen sich Kommunen, Unternehmen, Verbände und zunehmend auch Krankenhäuser für die Gestaltung einer familienfreundlichen Arbeits- und Lebenswelt ein. So engagiert sich beispielsweise das AKH Celle im Bündnis gemeinsam mit Stadt, IHK und Agentur für Arbeit für die Steigerung des Images der Stadt als Ort mit familienfreundlichen Arbeitgebern. Das Universitätsklinikum des Saarlandes schafft im Bündnis mit anderen hochwertige Betreuungsangebote für Beschäftigte und Studierende (www.lokale-buendnisse-fuer-familie.de).
Es bleibt zu wünschen, dass mehr Kliniken als bisher die Vorteile einer familienfreundlichen Organisationskultur entdecken und für sich nutzen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2006; 103(49): A 3320–5.

Literatur
1. Die Ärztin – Zeitschrift des Deutschen Ärztinnenbundes 2006; 53(2): 4–5.
2. Dobner P: Rechnerische Darstellung der Kosten-Nutzen-Gegenüberstellung am Beispiel der Unfallklinik Murnau auf Basis der Studie „Betriebswirtschaftliche Effekte familienförderlicher Maßnahmen“ der Prognos AG 2005.
3. Dettmer S, Kaczmarczyk G, Bühren A (Hrsg.): Karriereplanung für Ärztinnen. Heidelberg: Springer Medizin Verlag 2006.
4. Ärztestatistik zum 31. Dezember 2005 der Bundes­ärzte­kammer, www.bundesaerztekammer.de.
5. Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung: Gutachten zum „Ausstieg aus der kurativen ärztlichen Berufstätigkeit in Deutschland“, Abschlussbericht Ramboll- Management GmbH, Hamburg 2004.
6. Gemeinnützige Hertie-Stiftung (Hrsg.): Mit Familie zum Unternehmenserfolg. Impulse für eine zukunftsfähige Personalpolitik. Köln: Wirtschaftsverlag Bachem GmbH 1998.

Anschrift für die Verfasserinnen
Dr. med. Astrid Bühren
Deutscher Ärztinnenbund
Herbert-Lewin-Platz 1
10623 Berlin

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