ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2006Hochschulen: Kritik nicht berechtigt
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Auch der zweite Teil des Rankings der medizinischen Fakultäten auf der Basis des Notendurchschnitts beim schriftlichen Teil der Ärztlichen Vorprüfung (ÄVP) liefert interessante Daten und diskussionswürdige Ergebnisse. Mit ihrer inhaltlich nicht berechtigten Kritik an jüngeren Publikationen des Wissenschaftsrates gehen die Autoren aber über die Grenze der Aussagefähigkeit ihrer Untersuchung hinaus. Der Wissenschaftsrat hat sich bei der Bewertung der Medizinerausbildung an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) auf die Physikumsergebnisse im Berichtszeitraum 2001 bis 2003 bezogen und dabei korrekterweise überdurchschnittliches Abschneiden festgestellt. Dass die Autoren des DÄ-Artikels auf der Basis eines Zehnjahreszeitraums (1994–2004) zu einem anderen Ergebnis kommen – die LMU liegt hier knapp unter dem Durchschnitt – ist nicht weiter verwunderlich. Die Autoren deuten diesen Unterschied aber als Beleg dafür, dass die Berücksichtigung eines längeren Referenzintervalls besser bzw. die Methodik des Wissenschaftsrates „irreführend“ sei. Für Empfehlungen zur Weiterentwicklung von medizinischen Fakultäten ist es aber eine Voraussetzung, anhand möglichst aktueller Daten zu evaluieren. Der Wissenschaftsrat hat sich daher durchgängig für alle erhobenen Parameter auf einen Dreijahreszeitraum in Bayern bezogen. Dies als Irreführung zu bewerten, ist inhaltlich in keiner Weise gerechtfertigt. In diesem Kontext wäre es notwendig gewesen, dass der DÄ-Artikel, der unterschiedliche Ergebnisse für den schriftlichen Teil der Ärztlichen Vorprüfung zwischen den beiden Münchener Medizinfakultäten feststellt, darauf hingewiesen hätte, dass seit Wintersemester 2001/02 die „vorklinische“ Ausbildung unter dem Dach der LMU zusammengeführt wurde . . . Bedauerlich ist die Art und Weise, wie Aussagen des Wissenschaftsrats außerhalb des Kontexts wiedergegeben werden.
So hat sich der Wissenschaftsrat keinesfalls nur positiv zur Lehre an der LMU geäußert, sondern differenziert Verbesserungen angemahnt . . . Ferner relativieren die Autoren wenige Sätze später die differenzierte Kritik des Wissenschaftsrats an der Medizinerausbildung der Privaten Universität Witten/Herdecke (UWH). Keine Erwähnung findet dabei aber der wesentliche Umstand, dass die Gesamtbewertung der Ausbildung von Humanmedizinern an der UWH vor allem auf der Basis der aktuellen, seit 2003 gültigen neuen Approbationsordnung erfolgte, die deutlich höhere Anforderungen an die Lehre stellt als zuvor. Die Autoren des DÄ-Artikels hingegen bescheinigen der UWH eine Spitzenstellung bei den „vorklinischen“ Prüfungen, obwohl sie genau wissen, dass die dortigen Studierenden seit Herbst 2001 aufgrund des in Witten eingerichteten Modellstudiengangs gar nicht mehr am schriftlichen Teil der Ärztlichen Vorprüfungen des IMPP teilnehmen. Einen Hinweis auf diese methodische und zugleich inhaltliche Einschränkung enthält der Artikel jedoch nicht. Hilfreich wäre zudem ein Hinweis auf die hohe Standardabweichung beim Notendurchschnitt an der UWH gewesen, der vor allem durch besonders kleine und zudem schwankende Teilnehmerzahlen bei den IMPP-Prüfungen bedingt ist und für die Belastbarkeit des Rankings relevant ist . . . Wenn Rankings zum Anlass grundlegender Kritik werden, ist mehr argumentative Sorgfalt vonnöten. Die rückblickend erzielten Rangplätze beim schriftlichen Teil der Ärztlichen Vorprüfung sollten zumindest künftige Studienbewerberinnen und Studienbewerber bei der Wahl ihres Studienortes nicht überbewerten, zumal derzeit die meisten medizinischen Fakultäten auf der Basis der neuen Approbationsordnung ihre Studiengänge umfassend überarbeiten. Dennoch ist eine vergleichende Analyse der Lehrleistungen medizinischer Fakultäten eine begrüßenswerte Initiative, die im Interesse der Studierenden wie der engagiert Lehrenden weiterentwickelt werden sollte.
Dr. Volker Hildebrandt, Wissenschaftsrat,
Brohler Straße 11, 50968 Köln
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