ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2006Bundeswehr: Ohne Konzept
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Neben der von Ihnen „für das Leben und die Gesundheit der Soldaten“ sowie deren familiäre Situation als unzumutbar definierten Dauer und Frequenz der Auslandseinsätze ist für den in der Patientenversorgung tätigen Sanitätsoffizier mehr und mehr die Konzeptionslosigkeit der sanitätsdienstlichen Führung belastend: Der Spagat zwischen einer breit gefächerten Einsatz-Basismedizin im Ausland und der „von oben“ geforderten hoch spezialisierten ärztlichen Versorgung im Inland in den derzeit noch acht, zukünftig nur noch vier Bundeswehrkrankenhäusern mit der Vertretung möglichst vieler Schwerpunkte eines Fachs ist für den einzelnen fachärztlich tätigen Sanitätsoffizier nicht mehr ohne deutlich spürbare Einschränkungen zu leisten. So wird z. B. der invasiv tätige Kardiologe, der in den letzten Jahren kein Gastroskop mehr in der Hand hatte, wohl kaum in der Lage sein, eine symptomatische obere gastrointestinale Blutung im Einsatzland endoskopisch adäquat mit der „Versorgungsqualität eines Kreiskrankenhauses“ zu stillen. Andere Beispiele gäbe es zuhauf, die Verantwortung für diesen möglichen Mangel trägt jedoch nicht die Bundeswehr, sondern der einzelne Arzt. Aufgrund des angesprochenen Fachärztemangels werden Stellenschlüssel im Ausland entweder gekürzt oder einfach fachfremd besetzt: So war beispielsweise während meines Auslandseinsatzes die zweite chirurgische Facharztstelle mit einem Herzchirurgen (!) für die Dauer von neun Wochen abgedeckt – dieser hatte z. B. noch nie eine Leistenhernie operiert. Dies führte in logischer Konsequenz dann dazu, dass der einzige verbleibende wirkliche Allgemein- bzw. Unfallchirurg während seines Auslandseinsatzes rund um die Uhr Dienst tat (abwechselnd Anwesenheit und Rufbereitschaft) und das ununterbrochen für die Dauer von zwei, schlimmstenfalls sogar bis zu vier Monaten. Auch wenn die „Versorgungsqualität eines deutschen Kreiskrankenhauses“ das edle Ziel sein soll: So lange werden die Kollegen selbst dort wohl nicht Dienst am Stück schieben müssen – dank des dort prinzipiell geltenden und hoffentlich bald flächendeckend umgesetzten europäischen Arbeitszeitrechts. Mir als Internist ist es damals ähnlich ergangen: Ich war in Ermangelung eines Fachkollegen bzw. Assistenzarztes für die Dauer von neun Wochen rund um die Uhr „im Dienst“. Zurück in der Heimat wurde mir dafür dankenswerterweise – wie allen anderen Soldaten (vom Kanonier bis zum Viersternegeneral) – ein Tag pro Einsatzmonat Freizeitausgleich gewährt. Der darüber hinaus mehr geleistete Dienst von mehr als 800 Stunden Anwesenheitsrufbereitschaft sei mit dem Auslandsverwendungszuschlag von ca. 1 500 Euro pro Monat ausreichend abgegolten, wurde mir versichert . . . Wie lassen sich diese Widersprüche lösen?
Kabul am 14. November 2005: Bei einem Selbstmordattentat wird ein deutscher Soldat getötet. Foto: dpa
Kabul am 14. November 2005: Bei einem Selbstmordattentat wird ein deutscher Soldat getötet. Foto: dpa
Die von der Führung des Sanitätsdienstes u. a. zur Vermeidung des eingangs angesprochenen Spagats als Lösungsvorschlag ausgearbeitete und vom Wehrbeauftragten als „Modell der Zukunft“ gepriesene „zivilmilitärische Kooperation“ in der genannten Form, kann leider ebenfalls nur scheitern: Der Sanitätsoffizier im zivilen „Kreiskrankenhaus“ wird dort immer ein Facharzt zweiter Klasse bleiben, da er nur ein Schatten des immer präsenten und letztlich in der vordersten Verantwortung stehenden zivilen Kollegen sein wird. Er muss ja, ohne eine „Lücke in der Patientenversorgung“ des Krankenhauses zu hinterlassen, jederzeit an jedem Ort der Welt einsetzbar sein – und ist in der Klinik damit eigentlich überflüssig, weil nicht planbar in der Patientenversorgung einsetzbar. Für welchen leistungsbereiten und engagierten Arzt kann das aber ein attraktives Berufsfeld darstellen? . . . Ein passabler Ausweg aus dem schier unlösbaren Widerspruch zwischen der basisärztlichen Versorgung der Soldaten im Ausland mit „Einsatzchirurgen“, „Einsatzinternisten“ etc. und der hoch spezialisierten Schwerpunktversorgung im Inland durch ein und denselben Sanitätsoffizier ließe sich nur durch eine konsequente Abkehr von der klinischen Medizin innerhalb der Bundeswehr (wie sie in den Führungsstrukturen schon lange vollzogen ist) erreichen: Dies bedeutete die vollständige Schließung bzw. Privatisierung aller Bundeswehrkrankenhäuser und eine komplette Verlagerung der fachärztlichen Versorgung der Bundeswehrsoldaten in die vorhandenen zivilen Versorgungsstrukturen des Gesundheitswesens (ähnlich wie bei Bundes- bzw. Landespolizei). Hierdurch ließe sich nicht nur viel Geld (für den Betrieb von Facharztzentren und Krankenhäusern und horrende Fahrtkosten für die Soldaten) sparen. Es müssten auch keine unnötigen ärztlichen Leistungen (z. B. stationäre Vorsorgeuntersuchungen bei Soldaten ab 40. Lebensjahr!) mehr erbracht werden, um die von der sanitätsdienstlichen Führung erwarteten Leistungszahlen zu erbringen oder um die Begründung für die Anschaffung eines neuen Großgeräts (z. B. Herzkathetermessplatz) zu untermauern. Alle Sanitätsoffiziere stünden dann ausschließlich für gutachterliche Tätigkeiten für den Dienstherren sowie zur qualifizierten basisärztlichen Versorgung der Soldaten im Ausland zur Verfügung – die Einsatzfrequenz würde sicherlich ebenso wie die Dauer deutlich sinken. Zwischen den finanziell sicherlich dann besser zu vergütenden Auslandseinsätzen sollten die Fachärzte nach ausreichendem Erholungsurlaub ähnlich wie das ärztliche Assistenzpersonal an zivilen Schwerpunktkrankenhäusern oder Universitätskliniken gezielt in den einsatzmedizinischen Schwerpunkten fort- und weitergebildet und in Übung gehalten werden, ohne sich der täglichen Routine der Patientenversorgung hingeben zu müssen . . .
Dr. med. Andreas Stegmaier, Nelkenstraße 21, 90542 Eckental
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