ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2006Art forum Berlin: Skulptur um jeden Preis

KULTUR

Art forum Berlin: Skulptur um jeden Preis

Dtsch Arztebl 2006; 103(49): A-3355 / B-2922 / C-2803

Jaeschke, Helmut

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Stand der Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin: „Malik“, farbig gefasste Plastik von Stella Hamberg. Foto: Gerda Jaeschke
Stand der Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin: „Malik“, farbig gefasste Plastik von Stella Hamberg. Foto: Gerda Jaeschke
Kritische Auseinandersetzung eines Arztes und Galeristen mit der zeitgenössischen Bildhauerei

Bewusst lag der Schwerpunkt der 11. Art Forum Berlin (30. September bis 4. Oktober) auf der Skulptur und Objekten. Erfolgsgalerist Gerd Harry Lybke (Leipzig/Berlin) propagiert schon seit geraumer Zeit, dass die Zukunft der Plastik gehöre, und es ist auch nicht zu leugnen, dass die Bildhauerei bisher gegenüber der Malerei vernachlässigt worden ist. Allenthalben dominierten daher auf der Messe frisch geschaffene Skulpturen. Doch schmerzhaft wurde dort bewusst, dass es auch von Nachteil sein kann, nur aktuelle Kunst zu zeigen. Auf diese Weise gehen nämlich Traditionen verloren, und was von der Aufbruchgeneration der 60er- und 70er-Jahre in der Bildhauerei geschaffen worden ist, ist den jüngeren Künstlern offensichtlich gar nicht mehr bekannt. Als wenn sie nie eine Stunde Grundkurs in formaler Gestaltung an der Hochschule absolviert hätten, bleibt es häufig bei naturgetreuen Abformungen, gelegentlich mit einer manieristischen Überlängung der Proportionen als einzigem Gestaltungsmittel. Sicher, Skulpturen herzustellen ist nicht nur teurer, sondern im Regelfall auch komplizierter als die Anfertigung von „Flachware“. Die dreidimensionale formale Gestaltung der Volumina und der dazwischenliegenden Leerformen will bewältigt sein. Aber von vornherein zu kapitulieren, auf das Formenrepertoire klassischer Skulpturen zurückzugreifen und den Gipskopien lediglich eine neue poppige Haut zu verpassen ist letztlich ein Armutszeugnis.
Dabei gibt es allein in Berlin genügend Beispiele gelungener Bildhauerkunst. Da ist zum einen der „Weltkugelbrunnen“ von Joachim Schmettau (in Zusammenarbeit mit Susanne Wehland) am Breitscheidplatz, der von Dieter Ruckhaherle, dem Direktor der Staatlichen Kunsthalle Berlin, seinerzeit zu Recht zu den schönsten von zeitgenössischen Künstlern gestalteten Brunnen in Europa gezählt wurde. Nur wenige Hundert Meter entfernt behauptet sich in einem nicht eben einfachen Umfeld der beeindruckende „Jahrhundertschritt“ von Wolfgang Mattheuer vor dem Kunstforum der Berliner Volksbank, der mittlerweile seinen festen Platz in der Kunstgeschichte hat. Als drittes hervorzuhebendes Beispiel aus jüngerer Zeit wäre noch die in ihrer expressiven Ruppigkeit überzeugende Willy-Brandt-Skulptur von Rainer Fetting im SPD-Haus an der Stresemannstraße zu nennen. Gemessen an derartigen Vorbildern, wirkt das meis-te auf der Messe beliebig, ganz zu schweigen von so kurzatmigen Späßen wie dem Hund, der sich sein Würstchen am Lagerfeuer grillt. Die Galerie EIGEN + ART schneidet mit ihrem Skulpturenensemble noch am besten ab. Dass alle Exponate verkauft sind, ist vielleicht auch damit zu erklären, dass Sammler, die den Zug bei der „Leipziger Malerei“ verpasst haben, wenigstens jetzt bei der Skulptur rechtzeitig dabei sein wollen.
Die Malerei (ebenso wie Fotografie und Video) war bei dem Aufgebot von 172 Galerien aus 25 Ländern nicht völlig abwesend. Ulf Puder zeigt in der Galerie Dogenhaus, Leipzig, eine schöne Leinwandarbeit (14 000 Euro) und Aquarelle zu 900 Euro, und Thomas Scheibitz ist in der Produzentengalerie Hamburg mit einer großen Gouache und einem Objekt vertreten. Das vor 25 Jahren entstandene Bild „Probestehen“ von Jörg Immendorf (Galerie Leo König, New York) überstrahlte das meiste der zeitgenössischen Exponate, und es wundert nicht, dass das Bild für 150 000 Euro schnell einen Käufer gefunden hat.
Die nächste Art Forum Berlin findet voraussichtlich vom 29. September bis 3. Oktober 2007 statt. Informationen: www.art-forum-berlin.de.
Dr. med. Helmut Jaeschke
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