ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2006Karriere im Krankenhaus: Mit Geduld, Disziplin und Moral

BERUF

Karriere im Krankenhaus: Mit Geduld, Disziplin und Moral

Lange, Alfred

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LNSLNS Die Bedeutung traditioneller Fähigkeiten und Werte für den beruflichen Erfolg

Wir suchen einen disziplinierten Klinikarzt mit hoher Frustrationstoleranz, der mit Hartnäckigkeit und Pflichtbewusstsein Klinikziele und persönliche Ziele verfolgt“ – eine solche Stellenanzeige bekommen Ärzte wohl kaum zu Gesicht. In den Anzeigen werden in der Regel andere Fähigkeiten genannt. Eine Klinik oder Praxis, die einen Mitarbeiter mit „Frustrationstoleranz“ sucht, läuft Gefahr, verdächtigt zu werden, dort stehe wohl nicht alles zum Besten und es dominiere der Frust. In Zeiten, in denen ärztliches Personal knapp ist, gibt sich kein Klinikarbeitgeber so eine Blöße in einer Stellenanzeige.
Aber: Die traditionellen Fähigkeiten Frustrationstoleranz, Hartnäckigkeit und Pflichtbewusstsein sind für die meisten Berufe sehr wichtig. Bei Menschen, die Karriere machen wollen, werden sie vorausgesetzt. Weil sie nicht öffentlich thematisiert werden, geraten sie aus dem Blickfeld – mit fatalen Folgen: Stellenbewerber fragen sich nicht, ob sie geduldig, diszipliniert und hartnäckig sind und wie sie belastende Situationen bewältigen können. Dass sie es im Berufsalltag mit nörgelnden Vorgesetzten und zeitraubender Organisationsarbeit zu tun bekommen, das wussten sie. Erstaunt stellen sie jedoch fest, über keine Strategien zu verfügen, damit angemessen umzugehen.
Nehmerqualitäten gefragt
Das Phänomen ist nicht nur im medizinischen Bereich zu beobachten. Selbst für die Werbebranche, in der nach landläufiger Vorstellung Innovationswille und kongeniale Kreativität gefragt sind, betont Holger Jung von „Jung von Matt“: Wer in einer Werbeagentur Karriere machen will, brauche „neben Talent und Disziplin ein hohes Maß an Geduld und Nehmerqualitäten. Es ist in der Werbung wie beim Fußball oder in der Politik: Jeder sabbelt einem rein. Und deshalb braucht er eine hohe Frustrationstoleranz und muss immer wieder an das Gute glauben.“
Was heißt das für den aufstiegswilligen Arzt? Er darf sich kein falsches Bild von seinem Beruf machen und muss prüfen, ob er über die oft unterschätzten Fähigkeiten verfügt. Wenn dies nicht der Fall ist, muss er sie trainieren: in Seminaren, im Training oder im Coaching. Auch wenn in der Stellenausschreibung selten die Rede davon ist: Der Arzt sollte sich darauf vorbereiten, dass diese Kompetenzen spätestens im Vorstellungsgespräch zur Sprache kommen. In der Bewerbung und erst recht im Gespräch sollte er sie aktiv ansprechen: „Der Medizinerberuf hat wie jeder andere Beruf auch seine frustrierenden Momente, aber ich verstehe, damit umzugehen.“
Auf welche traditionellen Fähigkeiten kommt es vor allem an? Disziplin und Frustrationstoleranz stehen obenan. Wenn der Arzt an die Grenzen des medizinisch Machbaren gerät und emotional belastende Situationen mit Patienten bewältigen muss, hilft eine Fähigkeit, die mit dem Begriff der „Resilienz“ umschrieben wird. Gemeint ist die psychische und physische Stärke, die es dem Arzt ermöglicht, Tiefschläge, Krisen, Konflikte und Widrigkeiten zu meistern. Wichtig ist die Beherrschung der eigenen Gefühle und Emotionen. Er sollte in der Lage sein, negative Gefühle wie Wut auf den Kollegen oder Ängste so zu kanalisieren, dass sie ihn nicht lähmen, sondern beflügeln. Diese Selbstbeherrschung trainieren Karriereberater unter dem Stichwort „Selbstmanagement“.
Dabei geht es nicht um ein „Entweder oder“, nach dem Motto: Jetzt haben wir jahrelang Kompetenzen wie Kreativität und Durchsetzungsfähigkeit gefordert. Zukünftig stehen Disziplin und Pflichtbewusstsein im Mittelpunkt. Relevant ist das „Sowohl-als-auch“: Der Arzt muss über beides verfügen und kreativ mit Veränderungsprozessen und Misserfolgen umgehen können. Was nutzt Kreativität, wenn es am Willen fehlt, eine langfristig angelegte Veränderungsmaßnahme trotz Rückschlägen eisern umzusetzen?
Renaissance „alter Werte“
Traditionelle Fähigkeiten lassen sich einüben. Hilfreich ist ein Mentaltraining, das der Arzt in Eigenregie durchführen kann: Dazu setzt er sich psychischen und physischen belastenden Situationen bewusst aus, um die entsprechenden Abwehrkräfte auszubilden. Das muss nicht immer am Arbeitsplatz, in Klinik oder Praxis, geschehen. Die sportliche Herausforderung in der Freizeit dient ebenfalls dem Aufbau von Resilienz.
Traditionelle Fähigkeiten und Tugenden entwickeln sich immer mehr zu Karrierefaktoren. Während ihre Bedeutung jedoch nur zaghaft ins öffentliche Bewusstsein dringt, feiern „alte Werte“ wie Verlässlichkeit, Fairness, Respekt und Anstand eine Renaissance. In einer „Spiegel“-Umfrage antworteten auf die Frage „Sollen Ihrer Meinung nach Höflichkeit, Anstand und Ordnung im Alltag wieder eine wichtigere Rolle spielen?“ 95 Prozent der Befragten mit „ja“. Im schulischen Bereich steht die Wiedereinführung der „Kopfnoten“ an. Andererseits vermissen die Menschen das konkrete Vorhandensein traditioneller Werte im Alltag und im Geschäftsleben.
Für den Arztberuf haben ethisch-moralische Werte eine besondere Bedeutung. Jeder Arzt sollte sich deshalb fragen, was er unter Anstand und Respekt – und zwar im Umgang mit Patienten, mit Vorgesetzten, Kollegen und Pflegepersonal – versteht? Ist er in der Lage, diese Werte in problembehafteten Situationen zu „leben“, wenn Chef und Patienten einfach nur noch nerven?
Alfred Lange, Praxiscoach
E-Mail: a.lange@medicen.de
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