ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 3/2006Finnland: Unter den Augen der Rentiere – Schneeschuhwandern am Polarkreis in Lappland

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Finnland: Unter den Augen der Rentiere – Schneeschuhwandern am Polarkreis in Lappland

Sobik, Helge

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Die Bären haben sich in den Winterschlaf verabschiedet und verpassen das kuriose Spektakel. Zum Wundern wach geblieben sind nur die Rentiere, ein paar Schneehasen und eine scheue Schar Schneehühner: Gäbe es in ihren Verstecken Fernseher, und hätten diese Tiere Spaß daran, sich über merkwürdige Menschen zu amüsieren – sie würden sich wahrscheinlich Comedy-Filmchen über Schneeschuhwanderer bei ihren ersten Gehversuchen ansehen. Oder sie würden vor die Haustür treten und all das live erleben: eine Handvoll dick vermummter Gestalten auf einem einsamen Waldweg in Finnisch-Lappland – links und rechts verschneite Tannen, daneben hüfthohe Schneewehen, am Horizont baumlose Fjälls, dazu die ebene Oberfläche eines zugefrorenen Sees, über all dem ein dunkelblauer Winterhimmel. Unberührte Schneelandschaften ohne Querfeldeinpfade, ohne Rummel, ohne Lifte – allenfalls mit den Spuren von ein paar Rentierhufen zwischen den Tannen.
Es dauert jedes Mal nur ein paar Minuten, bis Neulinge mit der Dimension der Schneeschuhe vertraut sind, sich nicht mehr selber auf die Hacken treten und den richtigen Schritt heraushaben (oben). Das nordfinnische Feuerwerk des Polarlichts Aurora borealis ist die spektakulärste Inszenierung, die das Firmament auf dem Spielplan hat.
Es dauert jedes Mal nur ein paar Minuten, bis Neulinge mit der Dimension der Schneeschuhe vertraut sind, sich nicht mehr selber auf die Hacken treten und den richtigen Schritt heraushaben (oben). Das nordfinnische Feuerwerk des Polarlichts Aurora borealis ist die spektakulärste Inszenierung, die das Firmament auf dem Spielplan hat.
Mit Motorschlitten sind die vermummten Gestalten an diesem Vormittag die Straße durch den Wald entlanggesaust gekommen, holen etwa einen halben Meter lange und gut 20 Zentimeter breite Plastiklatschen aus dem Gepäckfach ihrer Schlitten und versuchen, sich diese Riesentreter gegenseitig an die Füße zu schnallen. Das dauert seine Zeit und geschieht in improvisierter Choreografie: Auf einem Bein tänzeln die Menschen mäßig elegant neben ihren Schlitten, hantieren mit den überdimensionierten Schuhen, kämpfen ums Gleichgewicht – und verlieren. Der Erste rappelt sich gerade aus dem weichen Schnee auf. Beim Versuch, auf einem Bein zu balancieren, bis ein neongelber Schneeschuh montiert war, und gleichzeitig nach dem zweiten zu hangeln, war er umgekippt und zwischen zwei Kiefern einen halben Meter tief eingesackt. Im Rentierfernsehen würden in diesem Moment die ersten Lacher eingespielt werden – und in der Sekunde lauter werden, als der Mann das zweite Mal rücklings in die Schneewehe fällt. Seine Mitstreiter finden es ebenfalls komisch und klopfen ihm fröhlich den Schnee vom gefütterten Anorak. Sie treten sich dabei gegenseitig auf die ungewohnt großen Schuhe, stolpern gegen eine Tanne, lösen ein mittleres Gestöber aus – und stürzen nun zu dritt in den Schnee. Der ist in Lappland glücklicherweise tief, weich und auf Dauer sogar ein bisschen gemütlich. Im Rentierfernsehen würde jetzt der Werbeblock kommen, und das Leittier würde wahrscheinlich etwas zum Knabbern holen.
Lappland macht Karriere als Winterziel, lockt mehr und mehr Urlauber für ein paar Tage in die Welt aus Eis und Schnee am Nordzipfel des Kontinents: wegen der endlosen Weite, der Schneesicherheit und des Faszinosums, Ferien an einem Ende der Welt zu machen. Sie kommen, um auf Rentier- oder Hundeschlittenausflug zu gehen, um das grüne Feuer des Nordlichts Aurora borealis am Himmel leuchten zu sehen, Langlauf zu machen – und um Schneeschuh wandern zu lernen.
Langsam nur war an diesem Vormittag ein Streifen Tageslicht den Horizont hinaufgeklettert – erst ein roter Schimmer, dann ein feuriger Schein, bald darauf ein bläuliches, klares Leuchten. Ein Licht, bei dem man plötzlich die Kobolde im Wald tanzen sieht. Die Sonne wird Anfang Dezember nicht höher steigen, als die Wipfel der Tannen aus dem Schnee herausragen, und dennoch über die Polarnacht siegen. Selbst rund um den 21. Dezember, den dunkelsten Tag des Jahres, ist der Himmel nicht rund um die Uhr pechschwarz, sondern changiert in magischem Dunkelblau. Und Mitte Januar ist es in der Gegend von Ivalo schon wieder jeden Tag für etwa drei Stunden hell.
Von den rund 200 000 Einwohnern Lapplands gehören nur noch 2 500 dem Volk der Samen an. Fotos: Visitfinland
Von den rund 200 000 Einwohnern Lapplands gehören nur noch 2 500 dem Volk der Samen an. Fotos: Visitfinland
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Irgendwann ist der Werbeblock im Rentierfernsehen vorbei, und die menschlichen Akteure im Unterhaltungsprogramm haben es geschafft, die Schneeschuhe unterzuschnallen. Nur der mit den Gleichgewichtsproblemen ist schon wieder in der Schneewehe gelandet, weil ihm ein Kumpel auf den Schuh getreten ist. „Es dauert jedes Mal nur ein paar Minuten“, lacht Wildnisführer Jaakko Palonpää, „bis Neulinge mit der Dimension der Schneeschuhe vertraut sind, sich nicht mehr selber auf die Hacken treten und den richtigen Schritt heraushaben.“ Der fällt breitbeiniger aus als in Straßenschuhen – und höher, denn ein paar Zentimeter sackt auch der Schneeschuh mit seiner breiten, netzartigen Oberfläche jedes Mal ins weiche Weiß ein. „Wer schlurft, der fällt“, sagt Jaakko – und stolpert selbst, was ihm nicht nur das Gelächter seiner Wandergruppe, sondern vermutlich auch einen Quotenrekord und Sympathiepunkte im Rentierfernsehen beschert.
Dafür gibt es kurz danach für schadenfrohe Zuschauer nicht mehr viel zu sehen: Nach ein paar Minuten stimmt der Schrittrhythmus, sind die Bewegungen angepasst, und die Sinne konzentrieren sich nicht mehr ausschließlich auf die Füße. Sie sind offen für die Winterwelt. Für die klare Luft, den geheimnisvollen Schein des Himmels. Für die Stille, die nur vom Knirschen des Schnees unterbrochen wird, und für den eigenen Atem, der vor Mund und Nase gefriert und klirrend herunterfällt. Und als wäre sie bestellt worden, zieht am Horizont eine Rentierherde über die sanften, baumlosen Hügel und Täler der Fjälls. Zwei Hütehunde treiben die Tiere zusammen, und aus der Ferne beobachten drei Samen in traditioneller blaurot abgesetzter Kluft das Geschehen. Sie stehen neben ihren Schlitten, rufen ein paar Kommandos zu den Hunden herüber.
In Lappland leben auf einem Drittel der Fläche Finnlands nur 200 000 Einwohner – im Schnitt weniger als zwei pro Quadratkilometer. Nur etwa 2 500 von ihnen gehören dem Volk der Samen an und pflegen noch ihren traditionellen Lebensstil.
Nach ein paar Kilometern querfeldein über den Tiefschnee werden die Schritte langsamer, die Beine schwerer.
Jaakko macht Feuer an einer vorbereiteten Lagerstelle, kocht Tee, serviert ihn in geschnitzten Holztassen, an deren Rändern man sich nicht die Lippen verbrennen kann. Und er bereitet Lachssuppe am Lagerfeuer zu. Falls Winter einen Geschmack hat: Es könnte dieser sein – würzig ist er und rein.
Für die richtige Ausleuchtung des Rückwegs sorgt der Nachthimmel. Grüne Spots schleudert er zwischen den Sternen hervor in Richtung Schnee, blinkt und strahlt dabei selber für Sekunden taghell im Licht der tonlosen Blitze: Das nordfinnische Feuerwerk des Polarlichts Aurora borealis ist die spektakulärste Inszenierung, die das Firmament auf dem Spielplan hat. Aufgeführt wird sie in fast jeder klaren Winternacht am Himmel über Lappland. Helge Sobik


Informationen:

Flug: Mit Finnair (Telefon: 0 18 03/34 66 24) täglich via Helsinki nach Ivalo in Lappland.
Hotel: Hotelübernachtung in Ivalo ab circa 70 Euro pro Nacht (zum Beispiel bei Dertour; www.dertour.de); geführte Schneeschuhausflüge bei Agenturen vor Ort ab 35 Euro, in Kombi mit Motorschlittenausflügen circa 85 Euro.
Buchtipp: Vom Autor dieses Beitrags ist ein Finnland-Reportagenband unter dem Titel „Das letzte Postamt diesseits des Polarsterns – finnische Fundstücke“ im Picus-Verlag erschienen (im Buchhandel, 13,90 Euro).
Weitere Informationen: Finnische Zentrale für Tourismus, Lessingstraße 5, 60325 Frankfurt/Main, Telefon: 0 69/7 19 19 80.

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