SUPPLEMENT: Reisemagazin

Südindien: Zwischen Magie und Moderne

Schiller, Bernd

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Foto: Fotolia/TAOLMOR
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Tempelfeste und Traumstrände, Tigerpirsch und Hochtechnologie: unterwegs in einem Tropenland voller Wunder

Die Dämmerung dauert nur ein paar Minuten. Raghavan, der Kapitän des Hausbootes, hat den Anker geworfen, bevor die Tropennacht das letzte Licht geschluckt hat. Jetzt schaukelt der ehemalige Lastenkahn, der mit zwei komfortablen Kabinen ausgestattet ist, sanft hin und her. Aus einem Dorf in der Nachbarschaft des Liegeplatzes dringen Tempelgesänge, fremd und wunderschön, von einer anderen Seite mischt sich der vertraute Klang von Kirchenglocken ein, aus der Kombüse zieht der Duft indischer Gewürze herauf.
Unterwegs in den Backwaters von Kerala, im Westen des tiefen Südens, an der legendären Malabarküste. Diese Backwaters sind ein verzweigtes Netz von Wasserstraßen, an vielen Stellen nur durch Sandbänke und Lagunen vom Meer getrennt. Kerala, das „Land der Palmen“, ist nicht das Indien der Klischees, nicht von Armut und Elend gezeichnet wie die Millionenstädte des Nordens, auch nicht geprägt von prunkvollen Maharadschapalästen. Alles hier ist maßvoller, übersichtlicher, ruhiger: der Verkehr in den Städten, die Welt des Glaubens in den Tempeln und vielen Kirchen (ein Drittel der Einwohner ist christlich), der Alltag in den Dörfern und in den Gewürz- und Teegärten des grünen Hinterlandes.
Die Kathkali-Tänzer erzählen“ in ihren Tanzdramen Geschichten aus den Hindu-Epen Mahabharata und Ramayana. Foto: Ministry of Tourism, India
Die Kathkali-Tänzer erzählen“ in ihren Tanzdramen Geschichten aus den Hindu-Epen Mahabharata und Ramayana. Foto: Ministry of Tourism, India
Zu so viel Beschaulichkeit passt eine solche „Kreuzfahrt“. Früher haben diese Barken Reis transportiert. Als Lastwagen sie aus dem Geschäft drängten, bauten pfiffige Bootsbesitzer kurzerhand Kabinen, Duschen und eine Miniküche ein. Jetzt gleiten Touristen mit diesen Booten durch eine üppig-tropische Wunderwelt, vorbei an winkenden Kindern, an Bauern, die auf den Kokosplantagen ihrer Arbeit nachgehen. Es ist eine Art des Reisens, die es einem leicht macht, die kleinen Dinge zu entdecken und zu schätzen: den blauen Kingfisher-Vogel, der von einer Palme zur nächsten fliegt, den Fischer im Einbaum, der sein Netz wie in Zeitlupe einholt, die Arbeiter auf der „Werft“, die wieder Boote nach alter Tradition bauen, ohne Nagel, ohne Plastik, nur aus dem Material, das vor der Tür wächst.
Ein anderer Tag, ein anderer Traum: Eine Pilgergruppe hat den Wagen zum Halten gebracht. Es sind Asketen auf dem Weg zu einem der großen Hindufeste, wie sie überall in Südindien zu erleben sind, zu allen Zeiten, an allen Orten, in so weltberühmten Städten wie Madurai oder Mahabalipuram, in Dörfern, die keine Landkarte verzeichnet, manchmal auch direkt am Rand der heißen, staubigen Piste. Hier sind es Büßer und heilige Männer, Sadhus genannt, die an armdicken Seilen haushohe Tempelwagen ziehen. Immer wieder werfen sie sich in langer Reihe auf die klebrigheiße Straße. Der Erste der Gruppe steht rasch wieder auf und schreitet auf der Girlande der liegenden Gläubigen nach hinten, um sich dort aufs Neue in den aufgeweichten Asphalt zu werfen.
Madurai, heiligste Stadt des Südens. Jeden Tag streben einige Zigtausend Menschen einem gigantischen Tempel entgegen, in dem die fischäugige Menakshi verehrt wird, Inkarnation der Parvati, Gattin des Zerstörers Shiva, der die Welt in Bewegung hält. Was für ein Gott, der als keuscher und unnahbarer Herrscher das Vorbild der Asketen ist und der doch zugleich, in gegensätzlicher Manifestation, ein unglaublicher Erotomane ist, dem der Lingam, ein Phallus-Symbol, zugeordnet ist.
Sprung in die Zukunft: Bunte Kinofilme aus Bollywood und fortschrittliche Computertechnologie gehören inzwischen mit zum modernen Indienbild.
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Weiter auf der Straße der Tempel. Kein anderer Bundesstaat in Indien weist mehr Götterburgen auf als Tamil Nadu, das große Land im Südosten, zwischen dem Cauvery-Fluss und der Koromandelküste: Kanchipuram, Tiruvannamalai, Thanjavur, Tiruchirapalli, Ramesvaram . . . Namen wie Girlanden, die die Tempel schmücken. Sie stehen für Legenden wie das Ramayana-Epos. Es sind aber auch Sehnsuchtsziele der Kunstliebhaber, eindrucksvolle Zeugnisse von Hochkulturen, wie sie die Pallavas, die Cholas und all die anderen
Foto: Photothek
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Schöpferdynastien vor tausend und mehr Jahren hinterlassen haben.
Neben der großen Kultur sind die Wunder der Natur ein wesentliches Reisemotiv aller Indienfahrer. Die Nationalparks von Periyar in Kerala und Nagarhole in Karnataka zum Beispiel. Langsam hat sich die Tigerpopulation dort, in den ehemaligen Jagdrevieren der Maharajas und der englischen Kolonialherren, wieder erholt. Heute schleichen sich Touristen an, wenn sie die Spur des Tigers oder gar Shir Khan, den Herrn des Dschungels, persönlich gesehen haben.
Von den Bungalows in der Wildnis zu den Hightechhochhäusern in Bangalore sind es nur ein paar Autostunden. Kontraste, wie sie auch für Indien nicht überall normal sind: eben noch die Fährtenleser auf dem Geländewagen, die Elefanten im Dickicht, der Sundowner am Lagerfeuer, die Stille im grünen Paradies – jetzt die Hektik in der boomenden Metropole, die wie keine andere für den Aufschwung, den Sprung in die Zukunft dieses Landes steht. Verspiegelte Wolkenkratzer, Satellitenzentren wie aus Science-Fiction-Filmen, die Computerzentralen aller großen Weltunternehmen, Nachtclubs und Einkaufsmeilen.
Indien zwischen Magie und Moderne. Bangalore und die bunten Kinofilme aus Bollywood, Bio- und Computertechnik auch in Madras, das heute Chennai heißt und eine weitere Kapitale des supermodernen Indiens ist. Und dann, nach wie vor, das heilige und das ewige Indien in den Tempelstädten und den Dörfern. Und an den Küsten, nicht weit von so sagenhaften Städten wie Cochin, in denen seit Jahrhunderten der Pfeffer gehandelt wird, Christen, Juden, Moslems und Hindus ihre Götter verehrt und ihnen wundervolle Häuser gebaut haben. An den Stränden also, am Arabischen Meer und am Indischen Ozean, hat sich anspruchsvolles Badeleben etabliert, wo noch vor ein paar Jahren die Blumenkinder zu Hause waren.
Neben Ressorts, die vor allem mit Ayurveda-Kuren werben, verwöhnen zahlreiche Hotels und Bungalowanlagen ihre Gäste mit den gut gewürzten Köstlichkeiten der tropisch-indischen Küche, mit Yoga und anderen Angeboten, die Erholung garantieren und doch auch zu Indien passen. Nach den oft anstrengenden Touren auf der Straße der Tempel, auf der Spur des Tigers und nach einem Blick in den Cyberspace der neuen Technikhochburgen fließen die Tage an den Traumstränden so sanft und angenehm dahin wie das Öl auf den Massagebänken unter den Palmen. Südindien, mit der Vielfalt eines Kontinents, fordert alle Sinne heraus, manchmal in Sekundenschnelle, meistens wie in Zeitlupe, immer aber sehr nachhaltig. Bernd Schiller


Informationen:

Beste Reisezeit: November bis März.
Anreise: Mit Lufthansa nonstop zum Beispiel nach Chennai (Madras) oder Bangalore, mit Emirates via Dubai zum Beispiel nach Cochin und Travandrum, mit Srilankan via Colombo zum Beispiel nach Tiruchirapalli.
Pauschal und speziell: Südindien wird von Fernreiseveranstaltern wie Meier’s Weltreisen, TUI oder Thomas Cook und von namhaften Studienreise- und Asien-veranstaltern wie Gebeco, Studiosus oder Lotus Travel angeboten. Besonders originell und abwechslungsreich sind die Programme und Ziele beim Indien-Spezialisten Comtour in Essen-Kettwig, Telefon: 0 20 54/9 54 70, Internet: www.comtour.de.
Buchtipps: Aktuell und handlich ist der Südindien-Band aus dem Nelles-Verlag (12,90 Euro). Von Autor Bernd Schiller ist gerade das Lese-Reisebuch „Roter Pfeffer in Gandhis grünem Garten“ erschienen (picus-Verlag, 13,90 Euro).
Auskunft: Effizienter und detaillierter als beim Indischen Fremdenverkehrsamt in Frankfurt am Main, Telefon: 0 69/2 42 94 90, sind Informationen über Websites wie www.india-tourism.org oder – gut zur Einstimmung – auch auf Deutsch: www. theinder.net.

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