SUPPLEMENT: Reisemagazin

Kreuzfahrt: Spätere Heirat ausgeschlossen

Sobik, Helge

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Als „Gentleman Host“ auf Kreuzfahrt: bloß nicht verlieben

Die Blicke der älteren Damen verfolgen spätestens vom zweiten Nachmittag an jeden seiner eleganten Schritte, klammern sich an sein cowboyhaftes Raubein-lächeln mit jenem Hauch von Macho, der Frauenherzen zum Schmelzen bringt. Gekonnt hebelt er eine Mittsiebzigerin aus Florida über das Parkett der Tanzfläche, während die Kapelle Walzer von Johann Strauß spielt. Zwei Dutzend Ladys zwischen 50 und 85 Jahren freuen sich jeden Tag um vier Uhr beim Tanztee im „Queens Room“ auf dem Quarter-Deck auf den Moment, wenn Ted Parker sie auffordert, mit ihnen tanzt und scherzt.
Je länger die Seereise an Bord der „Queen Elizabeth 2“ dauert, desto früher kommen sie, um einen der Tische direkt an der Tanzfläche zu ergattern und Ted Parker aus der Nähe zu erleben, während Kellner in schneeweißer Uniform mit weißen Handschuhen Earl-Grey-Tee und Gurkensandwiches servieren.
Der weißhaarige Mann aus Montana, selber bereits über 70 Jahre alt, könnte glatt als Mittsechziger durchgehen und ist genau die Mischung aus Walter Matthau und Stewart Granger, auf die ältere Kreuzfahrtpassagiere fliegen – erst recht an Seetagen, wenn sich beim Blick aus dem Kabinenfenster von einem Tag auf den anderen wenig ändert und sich das Leben irgendwo zwischen Ballsaal und Bordrestaurant, zwischen Deckliegestuhl und Casino abspielt. Wer tanzt mit wem wie lange, und wie viele Sekunden dauert der Blick in die Augen – Fragen von Bedeutung, die unter den allein reisenden weiblichen Passagieren spätestens vom dritten Tag an heiß diskutiert werden, wenn sich eine gewisse Vertrautheit eingestellt hat.
Ted Parker ist einer von vier „Gentleman Hosts“ an Bord des Luxusliners – angeheuert von einer Firma aus Chicago, die den vielversprechenden Namen „Working Vacations“ trägt und doch keinen Cent Gehalt bezahlt, sondern sogar Vermittlungsgebühren kassiert.
Ted reist kostenfrei und ist im Gegenzug immer im Dienst, wenn an Bord irgendwo Musik spielt – ganz Kavalier alter Schule. Seine Aufgabe: allein reisenden Damen Lebensfreude einhauchen, ihnen Gesellschaft leisten und die Reise angenehm gestalten. Einsamkeit soll gar nicht erst aufkommen. Ted und seine Kollegen stellen sich solchen Gefühlen in den Weg, schlüpfen in die Rolle des privaten Conferenciers, der unverkrampft Gesprächskontakte vermittelt und unsichtbare Bande zwischen einander wildfremden Menschen zu knüpfen versucht.
Tango, Walzer, Cha-Cha-Cha: Es geht um Tanz und Lebensfreude.
Tango, Walzer, Cha-Cha-Cha: Es geht um Tanz und Lebensfreude.
Gentleman Hosts sind stets über 50, alleinstehend, finanziell unabhängig und müssen ausnahmslos einen seriösen persönlichen und beruflichen Hintergrund haben. Fast immer sind es Amerikaner oder Engländer, meistens Rechtsanwälte, Lehrer, Professoren oder Unternehmer im Ruhestand, oft auch pensionierte Piloten.
Teds Kabine ganz vorne im Bug auf Deck zwei bekommt keine der Damen von innen zu sehen – eine Frage der Berufsehre, denn Zweideutigkeiten beugt Working Vacations schriftlich vor: Kabinenbesuche, Flirts und vorschnelle Eheversprechen sind per Vertrag ausgeschlossen und wären Anlass zur fristlosen Kündigung, die die sofortige Heimreise auf eigene Rechnung nach sich zöge. Es geht nur um Tanz und Lebensfreude, nicht darum, verschüttete Gefühle freizuschaufeln und auf hoher See die oft millionenschweren einsamen Herzen zu erobern.
Ted Parker stammt aus Wyoming, ist studierter Ingenieur und hat die meiste Zeit an den Universitäten von Montana und Idaho tief im Binnenland der USA gelehrt. Schiffe kreuzten seinen Weg erst nach der Pensionierung, als er von der Möglichkeit erfuhr, als Gentleman Host die Weltmeere zu erkunden. Anfangs stand ihm die Vergangenheit im Weg – die Erinnerung an den eigenen Tanzkurs 20 Jahre zuvor, als er immer wieder über die eigenen Füße gestolpert war und zu Hause im Wohnzimmer stundenlang trainieren musste. Inzwischen war der hochgewachsene Cowboy der Tanzfläche seit Dienstantritt auf einem knappen Dutzend verschiedener Schiffe unterwegs – und viele Hundert Tage auf See.
Die Reederei Cunard, Betreiber der „Queen Elizabeth 2“ und der weit jüngeren „Queen Mary 2“, hat ebenso wie vor allem ihre amerikanischen Mitbewerber beobachtet, dass die Zahl der tanzbegeisterten allein reisenden Damen an Bord steigt. Single-Herren, ohnehin klar in der Minderheit, machen dagegen lieber einen weiten Bogen um die Tanzfläche. Da die Zufriedenheit der Damen auf dem Spiel stand, mussten Männer her, die gern und viel tanzen – gute Manieren als abendliche Ball-Mitgift zwingend erforderlich.
Je nach Schiff, Passagierzahl und Reisedauer engagieren die Reedereien heute zwischen vier und zehn Gentleman Hosts, die am ersten Tag auf See vom Cruise Director im Rahmen einer „Single Party“ offiziell vorgestellt werden. Das weibliche Pendant zum Gentleman Host gibt es nicht, „weil die Anzahl der allein reisenden Männer zu einem solchen Service gegenwärtig keinen Anlass gibt“, so das Unternehmen.
Für Ted Parker begann alles mit einem Casting bei Working Vacations. Dafür müssen zwei Vorbedingungen erfüllt sein: Der Benimmcode muss perfekt sitzen, und alleinstehend muss man sein. „Ich wurde drei Stunden lang ausgefragt, gewarnt, Richtung Glatteis geführt. Am Ende gab es den ersehnten Handschlag.“ Und auch die Tanzschritte wurden dort unter die Lupe genommen. Tango, Walzer, Cha-Cha-Cha, die Standardschritte – in altersgemäßem Tempo und ohne akrobatische Verrenkungen, aber wiedererkennbar und keinesfalls am Rhythmus vorbei. Wer das Casting übersteht, darf auf einen See-Einsatz hoffen.
Gentleman Hosts: Stets über 50, alleinstehend und gut situiert schlüpfen sie in die Rolle privater Conferenciers. Fotos: Cristina Piza
Gentleman Hosts: Stets über 50, alleinstehend und gut situiert schlüpfen sie in die Rolle privater Conferenciers. Fotos: Cristina Piza
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Bei der Schulung bekommen angehende Gentleman Hosts die überlebensnotwendigen Tipps für den Fall, dass sich doch einmal jemand in sie verliebt. „Der Ehe bin ich noch immer entkommen, aber einen Kollegen hat es letztes Jahr erwischt – so sehr, dass der eiserne Grundsatz ,spätere Heirat ausgeschlossen‘ von der geballten Ladung Gefühle eingeschmolzen wurde“, erzählt Ted und rückt etwas verlegen das Namensschild zurecht, das an sein blaues Dienstpolohemd geheftet ist. Der Mann tourte im Wochenturnus durch die Karibik, hat inzwischen den Kreuzfahrtjob an den Nagel gehängt und den Bund für den Rest des Lebens geschlossen. Mit einer Passagierin aus dem Bordtanzkurs. Seinen Rausschmiss hat er nicht erst abgewartet, sondern selber gekündigt. Manchmal ist es schön, wenn Gefühle goldene Regeln aushebeln. Helge Sobik

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