SUPPLEMENT: Reisemagazin

Madrid: Mokka für die Literaten

Diemar, Claudia

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Claudia Diemer
Foto: Claudia Diemer
Ein Spaziergang zu den schönsten Kaffeehäusern der spanischen Hauptstadt

Seit mehr als 30 Jahren hält Zigarettenverkäufer Alfonso den Posten hinter der Tür besetzt und sieht die Gäste kommen und gehen. Das „Café Gijón“ ist eine Madrider Institution, und sein Besuch ist wie eine Therapie gegen die Hektik der spanischen Metropole. Rote Plüschbänke, sanftes Licht aus Milchglasglocken, holzgetäfelte Wände. Wie emsige Krankenpfleger umsorgen die Kellner in ihren weißen Jacken die Kundschaft. Morgens verabreichen sie zum Wecken der Lebensgeister einen kleinen Café Solo, eine heiße Schokolade oder eine „Infusión“, wie in Spanien ein Kräutertee genannt wird. Gegen Abend empfehlen sie ein Bocadillo mit Schinken oder Käse zum frisch gezapften Bier, das in eisgekühlten Steingutkrügen auf die Marmortische gestellt wird. Vielleicht ein paar Tapas dazu? Es gibt genug davon. Doch das Gijón ist weniger für seine Tortilla als für seine „Tertulias“ berühmt geworden, stundenlange Gesprächskreise, in denen man sich geistreich und wortgewaltig um Themen aus Kultur, Kunst und Politik kümmert. Jeder spanische Literat oder Philosoph pflegte früher in seinem Stammcafé eine Tertulia abzuhalten. „Das Kaffeehaus ist wie ein Staatsrat der Männer, die nie konsultiert werden, in allen Angelegenheiten aber das letzte Wort haben möchten“, schrieb Ramón Gómez de la Serna. Das Café Gijón blieb auch in der Franco-Zeit ein Hort für kritische Geister. Bis heute findet hier jeden Freitagnachmittag die Tertulia „Gegen dieses oder jenes“ statt. Regelmäßig schaut „Hauspoet“ José Bárcena herein. Und Zigarettenverkäufer Alfonso sei in Wirklichkeit ein Philosoph, versichern Stammgäste.
Wenn der Flaneur von hier aus in südlicher Richtung zur Plaza de la Cibeles spaziert, entdeckt er Madrid von seiner monumentalen Seite, etwa den riesigen Zuckerbäckerbau der Hauptpost oder das nicht weniger gigantische Gebäude der Banco de España. Gleich neben diesem findet sich ein lupenreiner Art-déco-Bau mit prachtvollem Interieur: der „Círculo de las Bellas Artes“. Eine nackte Schönheit räkelt sich mit milchweißer Marmorhaut unter einem gigantischen Kristalllüster. Die vom Bildhauer Moisés Huerta geschaffene Leukade ruht im Zentrum des überhohen Raums auf ihrem Sockel. Kellner umkurven mit ihren Tabletts die Frauenskulptur. Berühmte Literaten, wie etwa Valle-Inclán, tranken im „La Pecera“ schon den Kaffee. Wer sich vom Stadtbummel erholen will, nimmt drinnen auf einem der tiefen Sofas oder auf den Edelholzstühlen Platz und bestellt einen Frappé oder eine Erdmandelmilch „Horchata“ zur Erfrischung. Doch das Café sollte nicht der einzige Grund sein, dem Círculo de las Bellas Artes einen Besuch abzustatten. Bereits seit 1880 existiert die noble Vereinigung der Freunde der Schönen Künste. 1926 konnte das repräsentative Gebäude des damaligen Stararchitekten Antonio Palacios bezogen werden. Das Haus der Kunst dient heute als Forum für Ausstellungen, Theater, Vorträge und Lesungen.
Nur ein Spaziergang von weniger als einer Viertelstunde führt von hier aus in eine andere Welt. Wenige Schritte von der Plaza de Lavapiés liegt das „Nuevo Café Barbieri“. Anders als der Name glauben machen will, handelt es sich hier um eines der ältesten Kaffeehäuser Madrids, benannt nach dem Operettenkomponisten Francisco Barbieri. Draußen bröckelt der Kitt von den Fenstern, drinnen das Parkett und die Farbe von den Wänden. Leise Jazzmusik und blauer Dunst schweben in den Sonnenstreifen, die von draußen hereinfallen. Halb blinde Spiegel, Holzstühle, Marmortischchen: Belle Époque in fortgeschrittenem Verfallsstadium. Hier soll Rosa Montero an Manuskripten gesessen haben, hier werden immer wieder Filmszenen von anno dazumal gedreht – vielleicht darf deshalb nichts renoviert werden. Das Barbieri wirkt wie ein Relikt aus jener Epoche, in der Dutzende von stilvollen Kaffeehäusern in Madrid zu finden waren, die wie öffentliche Salons fungierten. Geschäftsabschlüsse wurden hier ebenso getätigt wie Verse geschmiedet und Notenfolgen komponiert.
An die gute alte Zeit erinnert auch noch das „Café Comercial“ an der Glorieta de Bilbao, in dem sich vor allem Journalisten aus den umliegenden Redaktionen trafen. Seit einem halben Jahrhundert ist hier, zur Freude der Stammgäste, nicht mehr renoviert worden. Mit der Zeit geht man trotzdem, denn im Obergeschoss wurde ein Internetcafé eingerichtet. Wie im „Gijón“ servieren auch hier nur männliche Kellner in weißen Jacken mit Schulterklappen wie Stewarts auf einem Ozeandampfer. Löffel klirren, Zeitungen rascheln. Selbstverständlich gibt es im Café Comercial noch immer Tertulias, deren Termine am Eingang angekündigt werden. „Was sind die Parameter von Würde und Schönheit?“ ist das Thema der nächsten Debatte. Claudia Diemar


Informationen:

Unterkunft: Angenehm ist das 4-Sterne-Hotel „Lope de Vega“, Telefon: 00 34/91/3 60 00 11, Internet: www.hotelgreenlopedevega.com. Komfortabel ist das 4-Sterne-Hotel „Catalonia Moratín“, Telefon: 00 34/91/3 69 71 71, Internet: www.hoteles-catalonia.es. Fürstlich wohnt es sich im 5-Sterne-Hotel „Ritz“, Telefon: 00 34/91/7 01 67 67, Internet: www.ritzmadrid.com.
Literatur: Werner Herzog: „Die Dichter von Madrid – ein literarischer Streifzug durch Cafés und Bars“, Rotbuch-Verlag, 9,20 €.
Auskünfte: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt/Main, Telefon: 0 69/72 50 33/38, Fax: 0 69/72 53 13.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema