Supplement: Reisemagazin

Abu Dhabi: Lockruf der Wüste

Dtsch Arztebl 2006; 103(49): [26]

Motz, Roland

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Abu Dhabi: Tradition und Moderne in der selbst ernannten reichsten Stadt der Welt Foto: Fotolia/Lefebvre
Abu Dhabi: Tradition und Moderne in der selbst ernannten reichsten Stadt der Welt Foto: Fotolia/Lefebvre
Die moderne Stadt am Golf hat im Kampf um eine Zukunft nach dem Öl nun auch den lange Zeit verschmähten Tourismus für sich entdeckt.

Mit Macht drängt die Hauptstadt der Vereinigten Emirate aus dem Schatten Dubais heraus. Das ist bereits am hypermodernen Flughafen zu spüren. Wie ein Traum aus Tausendundeiner Nacht schälen sich auf dem Weg in die Stadt die vier Minarette der weltgrößten Moschee aus dem Dunst, die kurz vor der Fertigstellung steht. Der Emirates Palace, eine kilometerbreite Luxusoase, für die sich die Bezeichnung Hotel verbietet, ist bereits eröffnet. Staunend irren wir durch die endlosen Marmorflure mit den 1 002 Kronleuchtern, mit dem längsten Teppich der Welt, dem modernsten Kongresszentrum, dem schicksten Fuhrpark und natürlich auch der teuersten Suite. Auf einen Gast kommen sechs Bedienstete – wenn alle Zimmer belegt sind.
Hinter dem neuen milliardenschweren Wahrzeichen Abu Dhabis befindet sich der von hohen Mauern umgebene Frauenstrand. Am anderen Ende der sieben Kilometer langen Küstenstraße Corniche steht das Frauenkrankenhaus. Wie so vieles ein Werk von Sheikh Zayed Bin Sultan Al Nahyan, dessen ewig junges Antlitz von zahlreichen überlebensgroßen Plakaten überall im Emirat gütig auf uns herabblickt. Der Personenkult um den 2004 verstorbenen und von seinem ältesten Sohn beerbten ersten Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate ist enorm. Durch die Beteiligung der Bevölkerung am schwarzen Gold ist es dem Scheich gelungen, den sozialen Frieden zu erhalten. Kein Kunststück bei dem Ölreichtum, mag man einwenden. Immerhin verfügt das Emirat über zehn Prozent der weltweiten Reserven.
Die moderne Stadt hat im Kampf um eine Zukunft nach dem Öl nun auch den lange verschmähten Tourismus entdeckt. In einer aus klimatisierten Malls und Tophotels bestehenden Luxuswelt entlang der Corniche ist mittlerweile das ganze Dubai-Programm aus Gold, Schmuck, Uhren und westlicher Designer-ware erhältlich. In blendendes Weiß gekleidete Männer und vollständig schwarz verhüllte Abu-Dhabi-Frauen schlendern gruppenweise und nach Geschlechtern getrennt zwischen Riesenplasmabildschirmen und winzigen Dessous umher. Viele reden unaufhörlich wie ins Gebet vertieft auf ihre Handys ein; einige werden von Bediensteten begleitet, die in gebührendem Abstand folgen. „Es ist sehr leicht, hier einen Job zu finden, weil die Einheimischen nicht arbeiten“, meint unser indischer Taxifahrer Rashid. Der nur in den Ferien zu seiner Familie zurückkehrende zweifache Vater ist begeistert von der selbst ernannten reichsten Stadt der Welt. Doch außerhalb der eher fußgängerfeindlichen Metropole wartet die Wüste.
Klimatisierte Konsumtempel decken das gesamte Spekrum westlicher Designerware ab. Fotos: dpa
Klimatisierte Konsumtempel decken das gesamte Spekrum westlicher Designerware ab. Fotos: dpa
Die vierspurige Autobahn nach Liwa wäre ein Fall für den Bundesrechnungshof. Schon tagsüber kaum befahren, führt eine nachts voll ausgeleuchtete „Geisterbahn“ durch eine vegetationslose Wüstenlandschaft kerzengerade ins Nichts. Hin und wieder ziehen Kamele am Zaun entlang, der auf beiden Seiten der aufwendig bepflanzten Straße die Tiere davon abhalten soll, das so kostspielig dem Sand abgerungene Grün zu fressen. Der kolossale Reichtum treibt irre Blüten im Wortsinn. Unterirdisch verlegte Plastikschläuche bewässern Dattelpalmen und Bougainvilleen, die uns 170 Kilometer tief in die größte zusammenhängende Sandwüste der Welt begleiten, bis wir das wie ein Fort auf einem Hügel thronende Liwa-Hotel erreichen.
Mezirah heißt der Hauptort des Oasensystems, um den sich in einem langen Bogen nicht gerade schöne Ortschaften mit modernen einstöckigen Häusern ziehen. Vor einem halben Jahrhundert wurde die Oase Liwa am Rande der Rub-al-Khali-Wüste erstmals von Europäern mit einer Kamelkarawane in einem wochenlangen Gewaltmarsch erreicht. Heute benötigt man mit dem Auto von Abu Dhabi aus keine drei Stunden. Die Grenze nach Saudi-Arabien ist zum Spucken nah, die nächste saudische Siedlung jedoch 700 Kilometer entfernt. „Nur Waffenhändler und Drogenschmuggler halten sich im „leeren Viertel“ auf“, meint Samer, der syrische Manager des Liwa-Hotels. „Empty Quarter“, so nannten die Engländer die letzte unberührte Wüste, und so steht es noch immer in den Landkarten.
Nachmittags zieht ein kleiner Sandsturm auf und trübt den Himmel über Liwa ein. Nach zwei Stunden ist der Spuk wieder vorbei. Uns bleibt genug Zeit, mit Hassan einer Falkenjagd beizuwohnen. Auf der Jeepfahrt durch die Sanddünen erzählt der vielfache Falkenbesitzer vom Wappentier der Emirate. Er hat seine jungen Wanderfalken aus Deutschland importiert und hier in einem eigenen klimatisierten, mit Wüstensand gefüllten Haus ausgebildet. So haben sie gelernt, immer wieder auf den Wakir, den mit Stoff bezogenen Sitzpflock, zurückzukehren, an den sie anfangs gekettet sind. Erst nach monatelanger Ausbildung mit Beuteattrappen und Fleisch zur Belohnung geht es zur Jagd in die Wüste.
Wir halten am Fuß einer Sanddüne. Hassan befestigt Sender und Antenne im Gefieder der Jagdfalken und zieht den unruhigen Tieren die schwarze Burka vom Kopf. Dann wirft er weiße Tauben in die Luft. Die pfeilschnellen Falken sind nach zwei Tagen ohne Nahrung kaum noch zu halten. Wie Torpedos zischen
sie eine Minute später über unsere Köpfe hinweg, sodass wir erschrocken zusammenzucken. Der Rest ist ein grausames Schauspiel, das am Himmel beginnt und mit viel Blut und weit verstreuten Federn im Wüstensand endet. Besonders anregend ist das Gemetzel am Abend, wenn alle Konturen in der ockergelben Wüste messerscharf hervortreten. Zum Sonnenuntergang klettern wir auf die hohe Düne. Innerhalb von Minuten changiert die Sonne vom knalligen Orange zu tiefem Rot, bevor sie in den Sand kippt. Der letzte Falke fehlt. Mit Jeep und GPS rast Hassan in die schnell hereinbrechende Nacht. Immerhin zahlt man für gut ausgebildete weibliche Tiere, die schneller und stärker sind als die Männchen, den Preis eines Luxusautos. Erst Stunden später kehrt er ins Hotel zurück. Erfolgreich, wie sein zufriedenes Lächeln zeigt. Bei der zweiten Shisha (Wasserpfeife) wird Hassan persönlich. Er sei jetzt 33 Jahre alt. In zwei Jahren werde er heiraten. „Wen?“ – Das wisse er noch nicht, aber seine Eltern würden sicherlich eine gute Wahl treffen. Unser Aufbruch am nächsten Tag wird durch den plötzlichen Tod von Hassans Onkel getrübt. „Der Tod ist ein schwarzes Kamel. Es kniet nieder vor jedermanns Tor“, sagt er zum Abschied. Sein Satz begleitet uns auf der Rückfahrt durch die Wüste. Roland Motz


Informationen:

Informationen: Abu Dhabi Tourism Authority, c/o Mangum Management, Sonnenstraße 9, 80331 München, Telefon: 0 89/2 36 62 18 32, E-Mail: abudhabi@aviarepsmangum.com; Buchung von Hotels über www.abu-dhabihotels.com.
Reisezeit: Abu Dhabi ist ein ideales sonnensicheres Winterreiseziel; zwischen Oktober und April betragen die Durchschnittstemperaturen zwischen 24 und 31 °C.
Veranstalter: Die meisten großen Veranstalter wie TUI und Dertour haben Abu Dhabi im Programm. Tischler Reisen (www.tischler-reisen.de) bietet auch den Besuch der Liwa-Oase an.
Übrigens: In der Tag und Nacht geöffneten Falkenklinik von Dubai ist die Behandlung der kostbaren Tiere für die Einheimischen kostenfrei. Jeder Abu-Dhabi-Mann bekommt eine Villa und einen hohen Geldbetrag geschenkt, wenn er eine Einheimische heiratet. Allerdings sind mehr als 80 Prozent der 1,6 Millionen Einwohner Gastarbeiter. Steuern und Abgaben sind unbekannt, Gewerkschaften und Parteien verboten.
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