ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/20069. Deutscher Psychotherapeutentag: „Mit sachlicher Argumentation erreicht man mehr“

POLITIK

9. Deutscher Psychotherapeutentag: „Mit sachlicher Argumentation erreicht man mehr“

Bühring, Petra; Gerst, Thomas

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Abstimmung: Die Delegierten forderten den Vorstand dazu auf, sich weiterhin für die sozialrechtliche Zulassung der Gesprächstherapie einzusetzen. Fotos: Jörg Hermann
Abstimmung: Die Delegierten forderten den Vorstand dazu auf, sich weiterhin für die sozialrechtliche Zulassung der Gesprächstherapie einzusetzen. Fotos: Jörg Hermann
Die Ablehnung der Gesprächspsychotherapie durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss und die Auswirkungen der Gesundheitsreform auf die vertragspsychotherapeutische Versorgung bestimmten den 9. Deutschen Psychotherapeutentag.

Der 9. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) fand in Köln statt – der Hochburg des Karnevals und der Psychotherapeuten: 1 100 Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten praktizieren in der Domstadt. Darauf wies die Präsidentin der einladenden Landeskammer Nordrhein-Westfalen, Monika Konitzer, hin. Die Gesundheitsreform und die bevorstehende Entscheidung des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) zur Gesprächspsychotherapie (GT) dominierten den Psychotherapeutentag.
Die Beschlussempfehlung des Unterausschusses Psychotherapie des G-BA, die GT nicht in den GKV-Leistungskatalog aufzunehmen (siehe Kasten), war den Delegierten des DPT bereits bekannt. Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundespychotherapeutenkammer (BPtK), kritisierte diese Entscheidung: „Die Gesprächstherapie erfüllt die Voraussetzungen für eine Zulassung zur vertragspsychotherapeutischen Versorgung.“ Es bestehe eine „erhebliche Diskrepanz“ zwischen der Bewertung von Nutzen und medizinischer Notwendigkeit durch den Unterausschuss Psychotherapie des G-BA und den zahlreichen Wirksamkeitsbelegen und positiven Einschätzungen zur GT in Wissenschaft und Praxis, hieß es in der Stellungnahme der BPtK zur Beschlussempfehlung des Unterausschusses. Der Ausschluss eigentlich geeigneter Studien zur GT durch den G-BA habe zu einer „unzulässigen Reduktion der Studiengrundlage geführt“, so der Vorwurf. Weiter kritisiert die Bundeskammer die unzureichende Transparenz des Bewertungsverfahrens. Richter zeigte sich „gespannt, ob das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium den Beschluss beanstandet“. Karl-Otto Hentze, Bundesgeschäftsführer der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie e.V., der seit Jahren für die Zulassung kämpft, war überzeugt: „Von Anfang an hat ein unerschütterlicher Wille bestanden, die GT abzulehnen.“ Die Entscheidung war seiner Ansicht nach durch eine „sachwidrige Bewertung“ der Bewertungsunterlagen zustande gekommen.
Dr. Walter Ströhm, Delegierter aus NRW, machte dagegen auf ein grundsätzliches Problem aufmerksam: „Wir leisten uns in Deutschland den Luxus, über einzelne Verfahren zu diskutieren – das ist ein Holzweg.“ Er plädierte für ein integratives Psychotherapieverständnis; für eine Psychotherapie, die sich – zugeschnitten auf den einzelnen Patienten – aus verschiedenen Therapiemethoden zusammensetzt. Die Vertreter der Landeskammern verabschiedeten abschließend nahezu einstimmig eine Resolution, die den Vorstand der BPtK dazu auffordert, sich auch weiterhin für die sozialrechtliche Zulassung der Gesprächspsychotherapie einzusetzen.
Ein weiteres grundsätzliches Problem bei der Nutzenbewertung psychotherapeutischer Verfahren sprach Prof. Richter im Bericht des Vorstands an. „Die Nutzenbewertung muss vor allem transparent und evidenzbasiert sein.“ Alle gängigen Methoden zur Nutzenbewertung müssten zudem daraufhin untersucht werden, ob sie sich auf die Psychotherapie anwenden lassen. Gegebenenfalls sollten spezifische Anpassungen vorgenommen werden. Nicht akzeptabel finde er zudem, dass die Bewertungsgremien, also G-BA, der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie und das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, jeweils unterschiedliche Bewertungskriterien hätten: „Das darf nicht sein.“
„Beim Wettbewerb um gute Risiken werden die Krankenkassen psychisch Kranke wahrscheinlich meiden wie die Pest.“ Dr. Christina Tophoven
„Beim Wettbewerb um gute Risiken werden die Krankenkassen psychisch Kranke wahrscheinlich meiden wie die Pest.“ Dr. Christina Tophoven
Kritik an Gesundheitsreform
„Wer, wenn nicht wir, setzt sich bei den Beratungen zur Gesundheitsreform für die Belange psychisch Kranker ein?“, fragte BPtK-Vizepräsidentin Monika Konitzer. Gerade im Zusammenhang mit dem Entwurf zum GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG) werde deutlich, wie wichtig eine einheitlich agierende Vertretung der Profession auf Bundesebene sei.
Es war der BPtK-Geschäftsführerin, Dr. Christina Tophoven, vorbehalten, die Delegierten in einer 15-minütigen „tour de force“ durch die Fährnisse des mehr als 500 Seiten starken Gesetzentwurfs zu führen. Sie verwies auf die Möglichkeiten, im laufenden Gesetzgebungsverfahren noch Änderungen im Interesse psychisch kranker Menschen und der Profession zu bewirken. Eine Chance dazu gebe es aber nur über eine sachlich geführte Diskussion. Da man ohnehin davon ausgehen könne, dass das Gesetz zum 1. April 2007 in Kraft treten werde, nütze Polemik bei den Änderungsbemühungen wenig. Tophoven merkte an, dass die BPtK und die Länderkammern ihre Bedenken bereits in einigen Punkten den Landesregierungen erfolgreich hätten vermitteln können. Vorstellbar seien noch Neuregelungen bei der Beratung des Gesetzentwurfs im Bundesrat.
Auch mit Blick auf die angemessene Vergütung pro Zeiteinheit stehe die BPtK vor einer schwierigen Kommunikationsaufgabe, betonte Tophoven. Wenn es diesbezüglich im Gesetzentwurf nicht zu Änderungen komme, befänden sich die Psychologischen Psychotherapeuten in einer finanziellen Schieflage (siehe Editorial in diesem Heft).
Tophoven befürchtet einen stärker werdenden Trend zum Selektivvertragssystem nach Inkrafttreten der Gesundheitsreform. Beim Wettbewerb um gute Risiken würden die Krankenkassen die psychisch Kranken wahrscheinlich „meiden wie die Pest“. Programmiert sei – so Jürgen Doebert, Baden-Württemberg, in der anschließenden Aussprache – ein zunehmender Konflikt mit den im Kollektivvertragssystem verbliebenen niedergelassenen Ärzten. Hinzu komme, merkte Tophoven an, dass die seit 15 Jahren bestehende Unterfinanzierung in der ambulanten Versorgung im Kollektivvertragssystem festgeschrieben und als Altlast mit in die Zukunft genommen werde. Ihr Fazit: Die Gesundheitspolitiker seien desillusioniert, was die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre anbelange. An den großen Wurf glaube dort niemand mehr. Aber: Der einmal eingeschlagene Pfad der wettbewerblichen Umgestaltung des Systems werde konsequent weitergeführt, was eine erhebliche Veränderungsdynamik mit sich bringe. Mit dem GKV-WSG werde es keine Stabilisierung der GKV-Finanzen geben; der inkonsistente Maßnahmenkatalog könnte vielmehr dazu führen, dass das Gesundheitssystem wirklich Schaden erleide.
BPtK-Präsident Richter wies gleichfalls auf die Notwendigkeit hin, sich bei der Auseinandersetzung um die Gesundheitsreform polemischer Metaphern zu enthalten. „Wir müssen uns unterscheiden von solchen Äußerungen der Ärzte. Mit einer sachlichen Argumentation erreicht man mehr.“ Gleichzeitig kritisierte er Bestrebungen bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die BPtK aus der gesundheitspolitischen Diskussion heraushalten und wieder wie früher an den Katzentisch verbannen zu wollen. „Dies ist ein merkwürdiges Verhalten, wenn man bedenkt, dass zehn Prozent der Delegierten in der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sind“, sagte Richter.
Abschließend zum Thema Gesundheitsreform betonte der Präsident die Notwendigkeit, gerade bei denjenigen Bestimmungen des Gesetzentwurfs, die in die geschützte Arzt/Therapeut-Patienten-Beziehung eingreifen würden, gemeinsam mit den ärztlichen Organisationen aktiv zu werden. Es könne nicht akzeptiert werden, wenn Ärzte oder Therapeuten für die Entscheidung der Krankenkassen über Zuzahlungsbefreiungen dazu verpflichtet würden, Meldung über das therapiegerechte Verhalten von Patienten zu erstatten.
In einer mit wenigen Gegenstimmen angenommenen Resolution stell-
te der 9. DPT fest, „dass mit dem GKV-WSG die Einnahmeprobleme der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung nicht gelöst werden“. Zudem berge die Abschaffung der bisherigen Finanzautonomie der Krankenkassen die Gefahr, dass die GKV-Finanzlage zunehmend von politischen Entscheidungen abhänge. Ein Blick über die Grenzen zeige, dass eine solche politische Einflussnahme letztlich in Unterfinanzierung münde. Mit Sorge betrachtete der DPT die Anreize und Möglichkeiten im Gesetzentwurf zu selektiven Verträgen. Versorgungsstrukturen und Vertragsformen würden sich nachhaltig verändern, wodurch wiederum Auftrag, Funktion und Struktur der Kassenärztlichen Vereinigungen infrage gestellt würden.
„Die Nutzenbewertung muss vor allem transparent und evidenzbasiert sein.“ Prof. Dr. Rainer Richter
„Die Nutzenbewertung muss vor allem transparent und evidenzbasiert sein.“ Prof. Dr. Rainer Richter
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Widerstand gegen Satzungsänderung
Anträge zur Satzungsänderung – ein solcher Tagesordnungspunkt mag auf den ersten Blick staubtrocken erscheinen. Doch der Umstand, dass sich nach dem 8. nun auch der 9. DPT mit dieser Angelegenheit befasste, zeigte, dass es sich um mehr als um Nebensächlichkeiten handelte. Per definitionem ist Satzung der Begriff für die Grundordnung eines Zusammenschlusses, und die dem DPT von einer Satzungskommission vorgelegten Änderungsvorschläge zielten zumindest bei den Bestimmungen zum Länderrat auf eine wesentliche Veränderung dieser Grundordnung ab. Vorgesehen war, den Vorstand der BPtK stärker an die Beschlüsse des Länderrats zu binden. Aufgabe des Länderrats sollte es sein, „die Politik der BPtK im Rahmen der Vorgaben der Delegiertenversammlung mitzubestimmen“. Der Länderrat sollte auf Antrag Beschlüsse fassen können, „die den Vorstand der BPtK binden“.
Auch wenn Mitglieder der Satzungskommission argumentierten, dass es nur darum ginge, den Länderrat als eine Art Kontrollinstanz zu installieren, die darüber wacht, ob die Entscheidungen des DPT vom BPtK-Vorstand auch berücksichtigt werden, stießen diese Änderungsvorschläge bei den meisten Delegierten auf wenig Gegenliebe. Alessandro Cavicchioli, Baden-Württemberg, mochte die angeblichen Synergieeffekte dieser Neuregelung nicht erkennen. Im Gegenteil bedeute diese Satzungsänderung eine Selbstentmachtung der Delegierten. Wilfried Schaeben, Hessen, forderte die Delegierten zu einer klaren Feststellung darüber auf, wer der Souverän sei. Anders als der BPtK-Vorstand habe sich der Länderrat niemandem gegenüber zu verantworten. Doebert wies auf die Schwierigkeit hin, im konkreten Einzelfall zu entscheiden, welches Vorstandshandeln im Gegensatz zum Votum der Delegiertenversammlung stehe: „Ich glaube, es wird so immer unklarer.“ Es gab auch Diskussionsredner, die sich für die Neuregelung aussprachen, wie etwa Nikolaus Melcop, Bayern, der die Notwendigkeit einer besseren institutionalisierten Verzahnung in einem föderalen System betonte. Aber die Mehrheit der Delegierten vertrat den von Martin Klett, Baden-Württemberg, vorgetragenen Standpunkt, der BPtK-Vorstand brauche einen gewissen Handlungsspielraum, der DPT gebe die grundsätzliche Richtung vor. Andere Änderungsvorschläge der Satzungskommission waren weit weniger umstritten, sodass abschließend vom 9. DPT eine neue Satzung beschlossen werden konnte.
Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Ausbildung (PPiA) können bisher nicht an den Bundesdelegiertenversammlungen teilnehmen. Auf Länderebene ist ihre Teilhabe unterschiedlich geregelt: In einigen Kammern können sie Vollmitglied werden, in anderen ist dies durch Regelungen im jeweiligen Heilberufe- und Kammergesetz nicht erlaubt. „Wir müssen partizipieren dürfen“, forderte die PPiA Kristina Siever, die auf Einladung des Vorstands als Gast am 9. DPT teilnahm. Sie schilderte eindrucksvoll die schwierige finanzielle Situation der PPiA. Um daran etwas zu ändern zu können, bedürfe es auch einer bundesweiten Vernetzung und generell mehr berufspolitischer Information und Integration. Zumindest sollte es möglich sein, als Gast regelmäßig an den Psychotherapeutentagen teilnehmen zu können, forderte Siever. Die Delegierten beauftragten daher die Strukturkommission und den Länderrat damit, bis zum nächsten DPT eine Lösung für die Repräsentanz der Ausbildungskandidaten auf Bundesebene zu finden, die mit der unterschiedlichen Praxis in den Ländern kompatibel ist.
Kurz streiften die Delegierten die (Muster-)Fortbildungsordnung (MFO). Die Fortbildungskommission hatte vorgeschlagen, die MFO um Empfehlungen zur strukturierten interaktiven Fortbildung, zum Beispiel im Internet oder in Fachzeitschriften mit Prüfungsfragen, zu ergänzen. Diskutiert wurde, ob die jährlich zu erwerbenden Fortbildungspunkte auf zehn begrenzt werden sollten. Die Delegierten entschieden sich dagegen und damit für die Beibehaltung der bisherigen liberalen Regelung.
Martin Klett, Sprecher der Weiterbildungskommission der BPtK, wollte von den Delegierten ein Votum darüber, ob die Qualifikation in „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie“ für Erwachsenentherapeuten und in „klinischer Somatopsychologie“ grundsätzlich in Form einer Weiterbildung geregelt werden sollte. Der 8. DPT in Frankfurt am Main hatte erstmalig eine (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung verabschiedet, allerdings vorerst nur für die Weiterbildung in „Klinischer Neuropsychologie“ (siehe PP 6/2006). Deutlich wurde auch beim 9. DPT das Bedürfnis vieler Delegierten, die grundsätzlichen Vor- und Nachteile einer Weiterbildung auszudiskutieren. Gegen Weiterbildungsregelungen spreche beispielsweise eine mögliche Abwertung der Approbation. Mit einer Weiterbildung in klinischer Somatopsychologie „gefährden wir den Berufsstand der klinischen Psychologen“, bemerkte Ellen Bruckmayer, Bayern. Heinz Liebeck, Niedersachsen, regte an, darüber nachzudenken, ob eine curriculäre Fortbildung in den beiden Bereichen nicht sinnvoller sei. Ausdiskutiert werden konnte dieser Tagesordnungspunkt nicht – die Zeit war zu kurz. Beim 10. Psychotherapeutentag 2007 in Berlin, soll der Weiterbildung mehr Zeit eingeräumt werden.
Petra Bühring, Thomas Gerst

Alle Resolutionen und Stellungnahmen der Bundes­psycho­therapeuten­kammer unter: www. bptk.de

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