ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2006Medizinische Versorgungszentren: Weitere Entwicklung noch ungewiss

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Medizinische Versorgungszentren: Weitere Entwicklung noch ungewiss

PP 5, Ausgabe Dezember 2006, Seite 543

Gerst, Thomas

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Rundum versorgt: Das MVZ „Polikum“ in Berlin ist zwölf Stunden am Tag für die medizinische Versorgung geöffnet. Fotos: Polikum
Rundum versorgt: Das MVZ „Polikum“ in Berlin ist zwölf Stunden am Tag für die medizinische Versorgung geöffnet. Fotos: Polikum
Den Ärzten werden sich mit dem neuen Vertragsarztrecht völlig neue Arbeitsmöglichkeiten bieten.

Die gute Nachricht vorweg: Diejenigen, die Medizinische Versorgungszentren (MVZ) nur deshalb ablehnen, weil sie darin verkappte DDR-Polikliniken sehen, können aufatmen. Polikliniken sind keine Erfindung des Sozialismus. Begriff und Institution gehen zurück auf Christoph Wilhelm Hufeland, den späteren Leibarzt von Friedrich Wilhelm III. Er gründete 1793 in Jena die erste Poliklinik als eine Einrichtung, in der Ärzte gemeinsam mittellose Kranke behandeln. Auf diesen Umstand wiesen gleich zwei Referenten beim Deutschen Krankenhausrechtstag am 30. Oktober in Bad Honnef hin.
Es gab auf dieser Veranstaltung, die sich mit dem Thema „Medizinisches Versorgungszentrum – Chance oder Risiko für Krankenhäuser und Ärzte“ befasste, noch andere bemerkenswerte Hinweise mit aktuellerem Bezug: So dürften sich nach Inkrafttreten des Vertragsarztrechtsänderungsgesetzes (VÄG), das vom Bundestag vor Kurzem beschlossen wurde, nur noch wenige niedergelassene Ärzte zur Gründung eines MVZ veranlasst sehen. Denn auch Vertragsärzten und Gemeinschaftspraxen wird es demnach erlaubt sein, Vertragsarztsitze zu „erwerben“ und mit angestellten Ärzten zu besetzen, womit die Vorteile eines MVZ nahezu vollständig verschwunden sein werden. Frank Bausch von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein, Geschäftsbereich KV Consult, betonte, dass er schon unter den derzeitigen Rahmenbedingungen für die meisten Rat suchenden Ärzte die Gründung eines MVZ nicht als die optimale Lösung ansehe.
Krankenhäuser legen bei der MVZ-Trägerschaft zu
Die meisten der erhofften Vorteile – wie etwa Kostenreduktion durch Ressourcen-Sharing, Mehreinnahmen durch Zusatzleistungen, Markenbildung/Marketing – ließen sich auch durch andere Kooperationsformen und mit weniger Aufwand erreichen. Bei der Trägerschaft von Medizinischen Versorgungszentren sieht Bausch die Tendenz, dass die Krankenhäuser gegenüber den Vertragsärzten aufholen. Viele Krankenhäuser hätten bereits fertige Pläne in der Tasche; diese seien bisher mit Rücksicht auf die zuweisenden Ärzte noch nicht verwirklicht worden, inzwischen würden sich die Krankenhäuser aber mehr und mehr hervorwagen.
Neues Recht wird ambulante Versorgung verändern
Auch Carsten Burchartz von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank zeigte sich davon überzeugt, dass mit dem VÄG die Karten in der ambulanten ärztlichen Versorgung völlig neu gemischt werden. Insbesondere die Bestimmung, wonach Ärzte künftig als Angestellte im Krankenhaus und und im niedergelassenen Bereich arbeiten dürfen, werde Konsequenzen nach sich ziehen, deren Tragweite sich derzeit noch gar nicht abschätzen ließe.
Bereits heute sei bei den Projektanträgen, die seiner Bank zur Finanzierung vorliegen, der Typ des „ärztlichen Versorgungszentrums“, das heißt eine Art Gemeinschaftspraxis in Verbindung mit Apotheke, medizinischen Nebeneinrichtungen (ambulante Rehabilitation, Wellness, Logotherapie et cetera) und anderen nichtmedizinischen Nutzern, zumindest genauso stark vertreten wie die MVZ. Dieser Trend würde sich nach Inkrafttreten des VÄG sicher noch verstärken.
Hingewiesen wurde auf einen abrechnungstechnischen Nachteil für Medizinische Versorgungszentren, der gerade deren Anspruch auf eine umfassende medizinische Versorgung unter einem Dach konterkariere. Das MVZ wird abrechnungstechnisch als eine wirtschaftliche Einheit behandelt, innerhalb derer keine Überweisungen möglich seien. Unabhängig davon, wie viele Ärzte einen Patienten behandeln, liegt nur ein Behandlungsfall vor; die Ordinationsgebühr kann nur einmal pro Patient und Quartal abgerechnet werden. Zwar gibt es als Kompensation für die MVZ bestimmte Punkteaufschläge, doch wird damit das Schnittmengenproblem nicht vermieden: Je höher der Anteil gemeinsam behandelter Patienten im MVZ, desto höher ist das Risiko der Unterdeckung der Vergütung. Nur wenn die Schnittmenge unter elf Prozent liege, ergibt sich nach Darstellung von Stefan Wöhrmann vom Verband der Angestelltenkrankenkassen (VdAK) ein Erlösvorteil gegenüber der Einzelpraxis. Auch Wöhrmann sieht ein verstärktes Engagement der Krankenhäuser beim Aufbau Medizinischer Versorgungszentren. Bei diesen sei der Aspekt der Wirtschaftlichkeit eines MVZ möglicherweise sekundär, wenn damit die Wirtschaftlichkeit des Krankenhausträgers insgesamt gesteigert werde. Das MVZ biete sich den Krankenhäusern als ein Einfallstor in den ambulanten Bereich an.
Aus einem völlig anderen Blickwinkel beschäftigte sich Prof. Dr. med. Harald Mau, Geschäftsführender Direktor der Klinik und Poliklinik der Kinderchirurgie der Charité, mit den „Chancen und Risiken der medizinischen Behandlung im MVZ“. Dabei ging er zunächst aus von den Wünschen und Vorstellungen von Patienten, die bereits über praktische Erfahrungen mit dem medizinischen Versorgungssystem verfügen. Eine vom NAV-Virchow-Bund veranlasste Befragung habe ergeben, dass diese Patienten sich eine wohnortnahe, jederzeit und ohne Wartezeit erreichbare Versorgung mit der Möglichkeit zur Einholung einer Zweitmeinung wünschten. Fast die Hälfte der befragten Patienten möchte den Arzt an einem Samstag aufsuchen können, rund ein Sechstel spricht sich für Öffnungszeiten am Abend aus. Diesen Patientenwünschen könne ein Medizinisches Versorgungszentrum sehr weit entgegenkommen, genauso wie dem Wunsch nach einer umfassenden gesundheitlichen Betreuung an einem Ort innerhalb kurzer Zeit.
MVZ kommt den Bedürfnissen junger Ärzte entgegen
Aber auch aus ärztlicher Perspektive lasse sich den MVZ viel Gutes abgewinnen, argumentierte Mau. Der Arztberuf sei seinem Wesen nach kollegial angelegt. Gerade aufgrund der Notwendigkeit, Einzelentscheidungen zu treffen, sei die kollegiale Zusammenarbeit eine Notwendigkeit. Zudem habe sich das Berufsverständnis der jungen Ärztegeneration gewandelt. Aus der Berufung „Arzt“ mit der Tendenz zur Selbstaufopferung sei ein Job geworden, der in ein Lebensbild eingepasst werden müsse. Junge Ärztinnen und Ärzte wollen Familie und Lebensvorstellungen nicht mehr einer Berufung opfern, sondern qualifiziert und gut organisiert erfolgreich arbeiten. Wichtig sei deshalb, folgert Mau, dass man sich in der zur Verfügung stehenden Zeit vor allem auf die ärztliche Tätigkeit konzentriere könne und so weit wie möglich von bürokratischen Aufgaben befreit sei. Die flexible Arbeitszeitgestaltung mache die Arbeit im MVZ zudem insbesondere für junge Fachärzte attraktiv. Gerade die von jungen Eltern gewünschte Teilzeitarbeit lasse sich innerhalb eines Medizinischen Versorgungszentrums leichter organisieren. Die MVZ erscheinen Mau als eine Chance, neue Formen der ärztlichen Zusammenarbeit zu erproben.
Thomas Gerst


MVZ – Aktueller Stand

– 491 Zulassungen
– 1 934 Ärzte, die in MVZ tätig sind davon 762 als Vertragsärzte und 1 172 als angestellte Ärzte
– Träger:
61 Prozent Vertragsärzte
27 Prozent Krankenhäuser
2 Prozent Krankenhaus und Vertragsarzt
– am häufigsten beteiligte Facharztgruppen:
Hausärzte, Internisten, diagnostisch tätige Radiologen, Chirurgen
– Durchschnittsgröße: 4 Ärzte
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