ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2006Suchtselbsthilfe: „Nicht hart, aber konsequent“

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Suchtselbsthilfe: „Nicht hart, aber konsequent“

Rabbata, Samir

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Synanonbewohner müssen selbst mit anpacken, um den Start in ein drogenfreies Leben zu meistern. Foto: Stiftung Synanon
Synanonbewohner müssen selbst mit anpacken, um den Start in ein drogenfreies Leben zu meistern. Foto: Stiftung Synanon
Keine Drogen, keine Gewalt, kein Tabak – diese Vorgaben sind bei der Berliner Suchtselbsthilfeeinrichtung „Synanon“ Gesetz. Nun feiert sie ihr 35-jähriges Bestehen.

E s war ein warmer Sommerabend, als Mario spürte, dass er nicht mehr konnte. Von „Synanon“ kannte er bis dahin nur die großen Umzugslastwagen mit der grünen Aufschrift „Leben ohne Drogen“. Etliche von ihnen sind täglich in Berlins Straßen unterwegs. Welche Organisation dahintersteckte, wusste Mario nicht. Es war ihm auch gleichgültig. Wenn ihn das ständige Trinken nicht völlig kaputt machen sollte, brauchte er schnelle Hilfe – egal welche.
Hohe Verantwortung
„Ich habe mich bei Synanon regelrecht abgegeben“, sagt Mario heute, zwei Jahre nach seinem Zusammenbruch. Mittlerweile ist er weg vom Alkohol und drückt mit Mitte dreißig noch einmal die Schulbank. Im geschützten Umfeld von Deutschlands größter Suchtselbsthilfeeinrichtung strebt er einen Berufsabschluss als Bürokaufmann an.
Die Chancen stehen gut, dass Mario die Finger dauerhaft von der Flasche lässt. Denn nach Angaben der Synanon-Stiftung sind rund 70 Prozent der Betroffenen mit einer Bindung an Synanon von zwei bis drei Jahren nicht mehr rückfällig geworden. Dies spricht sich rum: Allein im vergangenen Jahr kamen fast 800 Suchtkranke in das Stammhaus in der Bernburger Straße in Berlin-Kreuzberg. Die sofortige Aufnahme Entzugswilliger ist bundesweit einmalig. Viele bleiben für längere Zeit. Im Jahresdurchschnitt leben fast 150 Abhängige ständig in der Einrichtung. Seit ihrer Gründung vor 35 Jahren wandten sich mehr als 20 000 Betroffene an die Stiftung.
Weil Entzugswillige strengen Verhaltensregeln unterworfen sind und sie zunächst isoliert von ihrem ursprünglichen sozialen Umfeld leben müssen, wurden Synanon in der Vergangenheit immer wieder sektenähnliche Strukturen unterstellt. „Von einer Sekte kann man nicht sprechen“, stellt Dr. phil. Michael Utsch von der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin klar. Dies sagt er auch verunsicherten Angehörigen von Synanon-Bewohnern, die sich immer wieder bei ihm melden. Es bestehe jedoch die Gefahr, dass Gruppenleiter ihre extreme Machtposition gegenüber den Bewohnern ausnutzen, warnt der Psychologe. Sie müssten sich ihrer hohen Verantwortung bewusst sein.
„Wir sind nicht hart, wir sind konsequent“, beschreibt Uwe Schriever, Vorstandsvorsitzender der Synanon-Stiftung, die Philosophie der Einrichtung. In den Häusern gelten drei Regeln: keine Drogen, keine Gewalt und kein Tabak. Sozialarbeiter, Ärzte oder Psychologen kommen nicht zum Einsatz. So werden in der Akutphase der Entgiftung auch keine Medikamente verabreicht. Eine Suchttherapie im eigentlichen Sinne gibt es also nicht.
„Für viele mögen die strengen Regeln abschreckend sein, doch Synanon zeigt, welche Kraft in der Selbsthilfe steckt“, sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD). Professionelle Hilfe würden nicht alle Abhängigen benötigen, meint Prof. Dr. med. Michael Krausz vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Für bestimmte Gruppen von Entzugswilligen, denen von professioneller Seite nicht geholfen werden könne, sei das Angebot sinnvoll. Psychologe Dr. Heinrich Küfner vom Institut für Therapieforschung in München bestätigt dies: „Synanon spricht Teilgruppen von Abhängigen an, für die diese Therapieform am geeignetsten ist.“ Dies erkläre auch die hohe Erfolgsquote.
Integration in die Arbeitswelt
Für den Vorsitzenden der Berliner Landesstelle gegen die Suchtgefahren, Michael Hoffmann-Bayer, liegt das Erfolgsrezept von Synanon in der Integration der Abhängigen in die Arbeitswelt. Hierfür sind unter dem Dach von Synanon zahlreiche Zweckbetriebe angesiedelt. Die Synanon-Umzüge sind vielen Berlinern ein Begriff – ein Sanitärdienst, eine Lackiererei, ein Gartenbaubetrieb, ein Cateringservice, eine Tischlerei sowie ein Entrümpelungsbetrieb und eine Reinigung gehören ebenso dazu. Damit ist die Stiftung zugleich ein breit aufgestelltes mittelständisches Unternehmen, dies jedoch mit allen Risiken eines wirtschaftlich agierenden Betriebes. Grobes Missmanagement des Vorstandes brachte die Stiftung in den Neunzigerjahren an den Rand des Ruins. Mittlerweile hat sich die Situation entspannt: „Wir sind zuversichtlich, dass die positive Entwicklung weiter anhält“, sagt Schriever.
Samir Rabbata
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