ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2006Robert Walser: „Ich bin vergeßne Weiten, zu wandern auserlesen“

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Robert Walser: „Ich bin vergeßne Weiten, zu wandern auserlesen“

PP 5, Ausgabe Dezember 2006, Seite 547

Goddemeier, Christof

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„Ich möchte bald lieber nirgends mehr sein, als so da zu sein.“ Foto: dpa
„Ich möchte bald lieber nirgends mehr sein,
als so da zu sein.“ Foto: dpa
Vor 50 Jahren starb der Schweizer Dichter Robert Walser.
27 Jahre seines Lebens verbrachte der Grenzgänger in einer psychiatrischen Anstalt.

Denn derjenige Schriftsteller hat am ehesten Aussicht, Erfolg zu ernten, der sich vor der Mit- sowohl wie Nachwelt möglichst klein macht (. . .)“, schrieb Robert Walser kurz vor seinem Eintritt in die Heilanstalt Waldau. Zu diesem Zeitpunkt hatte er drei Romane, mehrere Prosastücke und Dichtungen veröffentlicht. Hermann Hesse, Robert Musil, Christian Morgenstern, sogar der unerbittliche Franz Kafka hatten an der Qualität seiner Werke keinen Zweifel.
Am 15. April 1878 wird Robert Walser als siebtes von acht Geschwistern in Biel geboren. Von der Mutter, die zur Schwermut neigt und oft kränkelt, fühlt er sich nicht genügend geliebt und verstanden. Seine Enttäuschung darüber setzt er im frühen Mundartstück „Der Teich“ in Szene. Es beginnt: „Ich möchte bald lieber nirgends mehr sein, als so da zu sein.“
Träume von eigener Größe und seine „Dieneridee“, eine „Liebe für das ganz Kleine und Geringe“, liegen bei Walser nahe beieinander. Nachdem er am Bieler Theater Schillers „Die Räuber“ gesehen hat, ist er zunächst besessen von der Idee, Schauspieler zu werden. Er verschlingt die Klassiker von Goethe bis Shakespeare, lernt Rollen auswendig, stellt sich in Stoffe gehüllt vor den Spiegel und spielt Hamlet in der Bodenkammer. Doch als er den berühmten Schauspieler Josef Kainz um sein Urteil bittet, rät der dringend ab. „Mit dem Schauspielerberuf ist es nichts, doch, so Gott will, werde ich ein großer Dichter werden“, schreibt Robert 1896 an seine Schwester Lisa.
Man lässt ihn nicht spielen, also muss er Brotberufe ergreifen. Meistens sind das niedrige Schreibstubenstellen im Industrie- und Bankwesen, von der eigenartigsten beim Ingenieur und Erfinder Dubler in Wädenswil am Zürichsee wird er später in seinem zweiten Roman „Der Gehülfe“ (1908) erzählen. Schneller noch als die Anstellungen wechselt Walser die Adressen – allein in Zürich mindestens 17, später in Bern kommen 15 hinzu, von Biel, Basel, Stuttgart, Berlin gar nicht zu reden. „Wäre er eine Schachfigur, dann der Springer“, schreibt der Schriftsteller Jürg Amann über Walser.
Der Kritiker Josef Widmann lobt bereits an den „lyrischen Erstlingen“ (1898) eine „merkwürdige, fast schlafwandlerische Sicherheit“. Doch größere, insbesondere materielle Erfolge bleiben in den folgenden Jahrzehnten aus. Man rät Walser, sich an Gottfried Keller oder an zeitgenössischen Modeschriftstellern zu orientieren. Die Empfehlung seiner Schwägerin, doch eine ansprechende Liebesgeschichte zu schreiben, verstimmt den mittellosen Dichter nachhaltig. Mangelnden Erfolg behandelt Walser in seiner ganz eigenen, humorvoll-ironischen Art. Seine Antwort auf eine Umfrage der Neuen Zürcher Zeitung – „Gibt es verkannte Dichter unter uns?“ (1926) – ist angesichts seiner tatsächlichen Situation ein erschütterndes Spiel mit Euphemismen: Keineswegs habe er sich über Verkanntheit zu beklagen, „allgemein gesprochen halte ich nichts für so gesund als eine kräftige Portion Verkennung, die gewiss auch Nachteile haben mag, aber aus fröhlicher Verarbeitung dessen, was nachteilig ist, wächst Vorzügliches“. Zwei Jahre später begeht der völlig Vereinsamte seinen 50. Geburtstag.
Das kann auf die Dauer nicht gutgehen. Nach Jahren der Schufterei fühlt Walser sich müde und erschöpft. „(. . .) ich war total ausgeschrieben. Totgebrannt wie ein Ofen“, gesteht er später seinem Freund und Vormund Carl Seelig auf einer der zahlreichen gemeinsamen Wanderungen. Unter Ängsten hat er schon länger gelitten. Im Januar 1929 verschlechtert sich sein Zustand: Er hört Stimmen, die ihn verspotten, kann nicht schlafen und ist nachts so unruhig, dass seine beiden Vermieterinnen sich vor ihm fürchten. Walser macht ihnen unvermittelt Heiratsanträge und widerruft sie gleich wieder. Der Psychiater Dr. Walter Morgenthaler findet den Dichter „ausgesprochen deprimiert und schwer gehemmt“, diagnostiziert Schizophrenie und weist ihn in die Heilanstalt Waldau ein. Hier korrespondiert Walser noch mit verschiedenen Zeitungen. Nach seiner Verlegung in die Pflegeanstalt Appenzell-Außerrhoden 1933 stellt er jede schriftstellerische Arbeit ein. 1954 erhält Walser Besuch von Theodor Spoerri, Professor für Psychiatrie an der Universität Bern. Der berichtet, er habe nach kurzer Zeit überhaupt nicht mehr den Eindruck gehabt, mit einem Schizophrenen zu sprechen. Am Ende der einstündigen Unterhaltung sei Walser plötzlich in die Rolle des schizophrenen Patienten zurückgefallen.
Walser verbringt 27 Jahre in der Anstalt. Am 25. Dezember 1956 verstirbt er auf seinem letzten, einsamen Spaziergang, am ehesten an einem plötzlichen Herztod.
Christof Goddemeier
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