ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2006Trichotillomanie: Therapien zur Verhaltenskontrolle

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Trichotillomanie: Therapien zur Verhaltenskontrolle

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LNSLNS Psychologen der University of Wisconsin haben untersucht, welche sozialen und ökonomischen Folgen Trichotillomanie mit sich bringt. Das auffälligste Symptom dieser psychischen Erkrankung besteht im zwanghaften Haareausreißen. Die Forscher befragten insgesamt 417 Betroffene mündlich und per Internet. Es zeigte sich, dass Patienten mit Trichotillomanie häufig soziale Situationen mieden, weil sie den Impuls zum Haareausreißen auch in der Öffentlichkeit kaum unterdrücken konnten. Außerdem fürchteten sie, aufgrund ihres veränderten Aussehens (zum Beispiel kahle Stellen auf dem Kopf), stigmatisiert zu werden. Die Betroffenen verbrachten viel Zeit mit dem Haareausreißen und bei verschiedenen Ärzten und in Kliniken. Aufgrund des mit der Erkrankung verbundenen zeitlichen Aufwands und aufgrund des sozialen Rückzugs hatten die Betroffenen vielfältige Probleme in der Schule und am Arbeitsplatz, mit denen teilweise auch finanzielle Einbußen einhergingen.
Die Situation von Trichotillomaniepatienten kann durch verschiedene Therapien verbessert werden. Als besonders nutzbringend gelten Therapien, die auf Verhaltenskontrolle und -veränderung abzielen. Als wirksam erwies sich beispielsweise eine Kombination aus Acceptance-Commitment-Therapie und Habit-Reversal-Training. Nach drei Monaten zeigten die zwölf behandelten Patienten im Gegensatz zu den 13 unbehandelten eine deutlich verringerte Symptomatik. „Sie rissen sich nicht mehr so häufig und so viele Haare aus, und sie fühlten sich durch die Erkrankung weniger beeinträchtigt“, berichten die Forscher. Darüber hinaus hatten sich auch die Angst- und Depressionssymptome verringert. Die Studie, die an der University of Wisconsin durchgeführt wurde, belegt außerdem enge Zusammenhänge zwischen dem Therapieerfolg sowie hoher Compliance und geringem Vermeidungsverhalten der Patienten. Wie diese und verschiedene andere Studien zeigen, hält die Wirkung von Trichotillomaniebehandlungen oft einige Wochen oder Monate an. Ein niederländisches Forscherteam hat sich nun damit befasst, ob eine Wirkung auch noch nach zwei Jahren nachzuweisen ist. An der Studie nahmen 28 Patienten teil, die mit Verhaltenstherapie behandelt wurden. In sechs Sitzungen erlernten sie Techniken, mit denen sie Verhaltensimpulse steuern und ihre Selbstkontrolle erhöhen konnten. Die Therapie verbesserte die Symptomatik signifikant. Der Therapieeffekt hatte jedoch in der Gesamtgruppe nach drei Monaten um 49 Prozent und nach zwei Jahren um
70 Prozent nachgelassen.
Die wenigen Patienten, die selbst noch nach zwei Jahren von der Therapie profitierten, wiesen vor Behandlungsbeginn weniger depressive Symptome auf. Zudem hatten sie sofort nach Therapieende konsequent mit dem Haareausreißen aufgehört. Angesichts des deutlichen Schwunds der Therapieeffekte nach mehreren Monaten oder Jahren empfehlen die Forscher regelmäßige „Auffrischungsbehandlungen“. ms

Wetterneck C, Woods D, Norberg M, Begotka A: The social and economic impact of trichotillomania. Behavioral Interventions 2006; 2: 97–109.
Keijsers G et al: Behavioural treatment of trichotillomania: Two-year follow-up
results. Behaviour Research and Therapy 2006; 3: 359–70.
Woods D, Wetterneck C, Flessner C: A controlled evaluation of acceptance and commitment therapy plus habit reversal for trichotillomania. Behaviour Research and Therapy 2006; 5: 639–56.
Ger P. J. Keijsers, Dep. of Clinical Psychology, Radboud University Nijmegen,
P. O. Box 9104, 6500 HE Nijmegen, NL
Douglas W. Woods, Dep. of Psychology, University of Wisconsin, Milwaukee,
P. O. Box 413, Milwaukee, WI, 53201 0413, USA

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