ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2006psycho-logik. Praxis und Methode – Positionen. Jahrbuch für Psychotherapie, Philosophie und Kultur, Band I

BÜCHER

psycho-logik. Praxis und Methode – Positionen. Jahrbuch für Psychotherapie, Philosophie und Kultur, Band I

PP 5, Ausgabe Dezember 2006, Seite 562

Kühn, Rolf; Witte, Karl Heinz

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Zusammenhänge: Kritische Leser erwünscht

Der erste Band des Jahrbuchs versammelt 18 Beiträge über die gegenwärtigen Zusammenhänge von Psychotherapie, Philosophie und Kultur in praktischer und wissenschaftlicher Hinsicht. Dabei versteht es sich ausdrücklich als Forum, seine Herausgeber wünschen sich kritische Leser, die sich zu Wort melden. Die Phänomenologie Edmund Husserls dient als Leitfaden, doch andere Denkrichtungen werden nicht ausgeschlossen. Die Beiträge rücken bewusst von einer rein auf wissenschaftliches Wissen gegründeten Psychotherapie und Psychologie ab, im Einklang etwa mit Viktor von Weizsäcker, dem zufolge spezialwissenschaftliche Objektivierungen an dem scheitern, was er die „Anti-Logik des Lebens“ nennt. Denn in jeder Psychotherapie geht es um subjektive Fragen wie Angst, Schmerz, Sinn, Beziehung, Schuld, aber auch Freude, Kreativität, Lebensgefühl und Leiblichkeit. Diese existenziellen Gegebenheiten angemessen darzustellen, ohne auf bloße Effizienzkriterien oder die begrenzte Methodik einzelner Schulen zurückzugreifen, ist erklärtes Programm des Jahrbuchs. Sein Titel richtet demnach das Augenmerk darauf, dass die menschliche Seele durchaus ihre „Gesetze“ hat; sie gehen aber nicht in einer „Logik“ des rein Rationalen und Materiellen auf.
In phänomenologischer Sicht erprobt sich das Leben unmittelbar selbstempfindend. Dabei bilden die beiden Pole Freude und Schmerz das affektive „Fleisch“, das uns in jedem Augenblick trägt. Das Leben unternimmt nun fortwährend Anstrengungen, damit diese Selbsterprobung sich möglichst wenig in Schmerz und Leiden und möglichst viel in Lust und Glück vollzieht. Ob mit Kurt Goldstein oder Martin Heidegger gedeutet – Angst ist dabei eine wesentliche Konstante menschlicher Existenz. Wie weit jemand sich der Angst aussetzen kann und wie weit er in der Geborgenheit vertrauter Situationen bleiben muss, ist eine Hauptfrage jeder Psychotherapie. Indem die griechische Philosophie zu einer Philosophie des „logos“ wurde, gerieten Leiden und Lernen in zunehmenden Gegensatz. Mit der Anerkennung, dass Leiden eine wesentliche Form der Selbsterprobung des Lebens ist und damit zwangsläufig zum Leben gehört, verbinden sich die Fragen einer medizinischen Anthropologie sowie eines differenzierten therapeutischen Zugriffs. „Suchen“ ist dabei ein anthropologisches Narrativ, ein das Überleben sicherndes Programm. Seit je sind Menschen in diesem Sinn „Grenzüberschreiter“ und „Überwinder“ von Problemen und Gefahren.
Die Lektüre fordert konzentrierte Aufmerksamkeit. Zahlreiche inhaltliche Zusammenhänge führen zu einem vertieften Verständnis. Band 2 ist für das nächste Jahr mit dem Schwerpunkt „Existenz und Gefühl“ geplant. Christof Goddemeier

Rolf Kühn, Karl Heinz Witte (Hrsg.): psycho-logik. Praxis und Methode – Positionen. Jahrbuch für Psychotherapie, Philosophie und Kultur, Band I. Verlag Karl Alber, Freiburg, 2006, 358 Seiten, kartoniert, 32 €
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema