ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2006Marburger Bund: Emanzipiert und selbstkritisch

POLITIK

Marburger Bund: Emanzipiert und selbstkritisch

Flintrop, Jens

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das erste Jahr als unabhängiger Partner in Tarifverhandlungen: Die Klinikärztegewerkschaft ist stolz auf das Erreichte, räumt aber ein, dass längst nicht alle Ziele erreicht wurden.

Dass der Marburger Bund (MB) als Gewerkschaft der Krankenhausärzte deren Tarifverträge abschließt, ist inzwischen selbstverständlich. Dabei ist es gerade einmal 15 Monate her, dass die MB-Haupt­ver­samm­lung entschied, den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) abzulehnen und die Kooperation mit Verdi zu beenden. In der Folgezeit hatten sich die öffentlichen Klinikarbeitgeber zunächst hartnäckig geweigert, den MB als Tarifpartner anzuerkennen. Noch am 12. Dezember 2005 untersagte dazu passend das Landesarbeitsgericht Köln dem Marburger Bund, seine Mitglieder in den Städtischen Kliniken Köln zu Arbeitskampfmaßnahmen aufzurufen.
„2006 ist für die Klinikärzte und den Marburger Bund ein eminent wichtiges Jahr gewesen“, zog Dr. med. Frank Ulrich Montgomery am 6. Dezember in Berlin ein positives Fazit des ersten Kalenderjahres als originäre Gewerkschaft. Besonders hervor hob der MB-Vorsitzende dabei die Einsatzbereitschaft der Ärztinnen und Ärzte, die mit fantasievollen Protestaktionen und wochenlangen Arbeitskämpfen die Arbeitgeber zum Abschluss der ersten arztspezifischen Tarifverträge des öffentlichen Dienstes gedrängt hätten. „Das waren Leistungen, die kamen nicht aus Berlin“, betonte der frisch gewählte Präsident der Ärztekammer Hamburg. Dass die Arbeitgeber den Frust und die Tatkraft der Ärzte unterschätzt hätten, sei deren Fehler im Tarifkonflikt gewesen. Montgomery: „Bis zum Ende konsequent zu bleiben und nicht nachzugeben, das war unser entscheidender Trumpf.“
Die jetzt für die Ärzte an kommunalen Krankenhäusern und an Unikliniken abgeschlossenen Tarifverträge seien ein solides Fundament, um in nächsten Verhandlungsrunden weitere Verbesserungen zu erzielen, zeigte sich Montgomery überzeugt: „Mit der Begrenzung der Arbeitszeiten, der Bewertung der Bereitschaftsdienste als Arbeitszeit und der Dokumentation der tatsächlichen Arbeitsleistung schaffen wir Voraussetzungen für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Patientenschutz.“
Insbesondere bei der Vergütung konnten die geforderten Erhöhungen aber nicht erreicht werden. Im Kern habe man vor allem drohende Einkommenseinbußen vermieden und bereits vollzogene Kürzungen ausgeglichen, betonte der MB-Vorsitzende. Unter dem Strich ergäben sich für die Arbeitgeber Mehrausgaben zwischen drei und vier Prozent: „Dass die Ärzte mitunter Schwierigkeiten haben, sich über diese Lohnsteigerungen zu freuen, liegt vor allem daran, dass sie die Kürzungen, die der TVöD gebracht hätte, nie erleben mussten.“
Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt benennt Montgomery drei weitere Punkte, bei denen der MB in den Verhandlungen gerne mehr erreicht hätte. Diese betreffen überwiegend in der Forschung tätige Ärzte an den Unikliniken, einen Teil der Oberärzte und die Uniklinikärzte in den neuen Bundesländern.
Der arztspezifische Tarifvertrag für die Unikliniken gilt nur für jene Ärzte, „die überwiegend Aufgaben in der Patientenversorgung wahrnehmen“. Ärzte, die zu mehr als 50 Prozent forschend tätig sind, werden auf Basis des für sie ungünstigeren TVöD vergütet. Jede temporäre Freistellung für Forschungsprojekte kann somit Einkommensverluste nach sich ziehen. Betroffen sind auch Ärzte, die ihr Gehalt über ein Forschungsprojekt eines Drittmittelgebers beziehen. Sämtliche Versuche des MB, den Geltungsbereich des Tarifvertrages auf alle Ärzte an den Unikliniken auszuweiten, seien gescheitert, räumt Montgomery ein.
Ein weiteres Problem ist, dass nur diejenigen Oberärzte als solche vergütet werden, denen die medizinische Verantwortung für Bereiche einer Klinik oder Abteilung explizit vom Arbeitgeber übertragen wurde. Bislang war die Höhe der Vergütung unabhängig vom Oberarztstatus. Da sich dies nun geändert hat, prüfen die Verwaltungen derzeit aus Kostengründen, ob die heutigen Oberärzte ihrer Tätigkeitsbeschreibung entsprechend tätig sind. Anderenfalls droht die niedrigere Vergütung als Facharzt. Der MB empfiehlt den Oberärzten, Unterlagen zu sammeln, in denen die Klinikleitung sie als solche bezeichnet oder in denen mit ihrem Oberarzttitel geworben wurde.
Sehr schwer gefallen sei es dem MB, sagt Montgomery, für die Unikliniken einem Tarifvertrag zuzustimmen, der die Ost-West-Schere nicht schließt: „Die totale Abwehrhaltung der ostdeutschen Finanzminister ließ aber leider keine bessere Regelung zu.“ Auf kommunaler Ebene erfolge die Anpassung der Gehälter in Ost und West hingegen für Ärzte schneller als für die übrigen Angestellten des öffentlichen Dienstes.
Jens Flintrop
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema