ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2006Arznei­mittel­kommission: „Ich sehe uns als ein Gegengift zur zunehmenden Desinformation“

POLITIK

Arznei­mittel­kommission: „Ich sehe uns als ein Gegengift zur zunehmenden Desinformation“

Korzilius, Heike

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Der neu gewählte AkdÄ-Vorstand: Prof. Dr. med. Wilhelm- Bernhard Niebling, Prof. Dr. med. Roland Gogler, Prof. Dr. med. Ursula Gundert-Remy, Prof. Dr. med.Wolf- Dieter Ludwig und Prof. Dr. med. Kai Daniel Grandt (v.l.). Foto: AkdÄ
Der neu gewählte AkdÄ-Vorstand: Prof. Dr. med. Wilhelm- Bernhard Niebling, Prof. Dr. med. Roland Gogler, Prof. Dr. med. Ursula Gundert-Remy, Prof. Dr. med.Wolf- Dieter Ludwig und Prof. Dr. med. Kai Daniel Grandt (v.l.). Foto: AkdÄ
Das Geld ist knapp, das Marketing der Pharmaindustrie aggressiv. Ärzte unabhängig über eine rationale Arzneimitteltherapie zu beraten kann nach Ansicht der AkdÄ verhindern, dass Rationierungsentscheidungen zulasten der Patienten gehen.

Um den Einfluss der Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen ist es schlecht bestellt, wenn die Gesundheitsreform unverändert in Kraft tritt. Gremien – wie der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) – werden „professionalisiert“ und mit hauptamtlichen Mitgliedern besetzt. Statt aus der Praxis für die Praxis zu entscheiden, regeln künftig behördenähnliche Institutionen die Belange von Ärzten und Patienten. Hier ein Gegengewicht zu erhalten, hat sich die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) bei ihrer diesjährigen Mitgliederversammlung am 8. Dezember in Berlin auf die Fahnen geschrieben.
„Sie sind als Ehrenamtler unabhängig und besitzen dadurch ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit“, lobte der Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Christoph Fuchs. Mit den Therapieempfehlungen, der Zeitschrift „Arzneiverordnungen in der Praxis“, dem Handbuch „Arzneiverordnungen“, mit „Wirkstoff aktuell“, einem Flyer, der von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung herausgegeben wird, und einer regelmäßigen Rubrik „UAW – aus Fehlern lernen“ im Deutschen Ärzteblatt versucht die AkdÄ ihrem selbstgesteckten Ziel gerecht zu werden, die Ärztinnen und Ärzte unabhängig von Pharmainteressen über eine rationale Arzneimitteltherapie zu informieren und über Risiken aufzuklären.
Die 22. Auflage der Arzneiverordnungen soll im Frühjahr 2008 erscheinen. Mit gut 3 300 Abonnenten erreichen die „Arzneiverordnungen in der Praxis“ jedoch bislang nur einen Bruchteil der Ärzte. „Wir haben zwar im gesundheitspolitischen Bereich an Terrain gewonnen. Wir haben es aber nicht geschafft, unsere Produkte – die gut sind – an die Basis zu bringen“, folgerte Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen. Dabei trage die Kommission den Bedürfnissen der Ärzte in der Praxis durchaus Rechnung, wie der scheidende AkdÄ-Vorsitzende betonte. Den Vorwurf, Entscheidungen im akademischen Elfenbeinturm zu treffen, ließ er nicht gelten, räumte jedoch ein, dass die Gratwanderung zwischen wissenschaftlichem Anspruch und Praxistauglichkeit zuweilen schwierig sei.
Die fachliche Kompetenz und insbesondere ihre Bindung an die Ärzteschaft machen die AkdÄ auch zu einem attraktiven Partner für das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. Im Nachgang zum ersten Kongress über Patientensicherheit im April 2005, bei dem das Ministerium als Mitveranstalter fungierte, hat man sich auf die Erarbeitung einer „Roadmap“ zur Verbesserung der Patientensicherheit bei der Arzneitherapie verständigt. Die Arznei­mittel­kommission und das Aktionsbündnis Patientensicherheit sollen hierzu einen ersten Vorschlag erarbeiten. Auf einem wichtigen Feld hat die AkdÄ jedoch – vorübergehend, wie Müller-Oerlinghausen hofft – an Einfluss verloren. Seit Anfang des Jahres erstellt sie keine Gutachten mehr für den G-BA, die diesem beispielsweise als Grundlage für die Festbeträge dienen. „Dies ist im Hinblick auf die Positionierung der AkdÄ neben dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen eine sehr unbefriedigende Situation“, so Müller-Oerlinghausen. Eine Fortsetzung der Zusammenarbeit steht deshalb ganz oben auf der Agenda auch des neuen Vorsitzenden der AkdÄ, Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig. Der Onkologe löste am 8. Dezember Müller-Oerlinghausen ab, der nach zwölf Jahren im Amt nicht erneut kandidierte.
Angesichts der gesundheitspolitischen Entwicklung müsse die Kommission aber auch neue Schwerpunkte setzen, sagte Ludwig. Die Rationierung medizinischer Leistungen erscheint ihm unausweichlich. „Rationierungsentscheidungen müssen auf der Grundlage evidenzbasierter Erkenntnisse getroffen werden, damit die Patienten nicht leiden“, so Ludwig. Hier könne die AkdÄ ihre fachliche Kompetenz einbringen. „Der tägliche Umgang mit den Patienten zeigt, dass wir zu viele Fehler machen, dass wir weniger, dafür aber bessere Medikamente verordnen sollten“, betonte der Onkologe. Um eine rationale Pharmakotherapie zu gewährleisten, müsse man den Einfluss der Industrie auf die Ärzte zurückdrängen. Ludwig: „Ich sehe uns als ein Gegengift zur zunehmenden Desinformation.“
Heike Korzilius
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