ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2006Kongress „Armut und Gesundheit“: Gefährdungen frühzeitig erkennen

POLITIK

Kongress „Armut und Gesundheit“: Gefährdungen frühzeitig erkennen

Dtsch Arztebl 2006; 103(50): A-3381 / B-2943 / C-2823

Bühring, Petra; Merten, Martina

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LNSLNS Der 12. Berliner Armutskongress setzte vornehmlich auf Prävention von Gesundheitsrisiken sozial Benachteiligter. Deutlich wurde auch: Ohne arbeitsmarktpolitische Reformen wird die soziale Spaltung immer größer.

Leipziger Tafel: Die „Tafeln“ verteilen gespendete Lebesmittel an Bedürftige. Alleinerziehende sind besonders häufig von Armut betroffen. Foto: ddp
Leipziger Tafel: Die „Tafeln“ verteilen gespendete Lebesmittel an Bedürftige. Alleinerziehende sind besonders häufig von Armut betroffen. Foto: ddp
Bremen ist eine Stadt mit zwei Gesichtern: Das eine Gesicht – das schöne, das auch die Besucher des 107. Deutschen Ärztetages in der Hansestadt anzog – verbinden Touristen mit der historischen Altstadt und den Bremer Stadtmusikanten. Das andere Gesicht, die hässliche Fratze, mag keiner so recht sehen: In Bremen gelten vier von zehn Kindern als arm. Damit führt die Freie Hansestadt die bundesweite Statistik an. Zudem steigt die Zahl derjenigen, die trotz einer sozial­ver­sicherungs­pflichtigen Beschäftigung als „bedürftig“ gelten. Die Arbeitnehmerkammer Bremen hat dieses zweite Gesicht der Stadt in ihrem „Armutsbericht 2006“ analysiert – Auszüge daraus stellte Carola Bury von der Kammer während des 12. Kongresses „Armut und Gesundheit“ Anfang Dezember in Berlin vor.
Armut und „schlechte“ Gesundheit hängen unmittelbar zusammen: Menschen aus unteren Einkommensschichten leben kürzer; im Vergleich zum oberen Einkommensviertel haben sie eine um etwa sieben Jahre kürzere Lebenszeit. Gerade sozial Schwache sind häufig von chronischen Erkrankungen betroffen – und verursachen das Gros der Behandlungskosten. Darauf haben kürzlich zahlreiche Wissenschaftler und Public-Health-Experten im „Bielefelder Memorandum zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten“ hingewiesen. Sie fordern die Politik auf, der „voranschreitenden Polarisierung im Gesundheitssystem“ entgegenzuwirken. Der ungleiche Zugang zum Gut Gesundheit verletze die Gerechtigkeitsnorm einer demokratischen Gesellschaft.
Die gesundheitlichen Unterschiede beginnen bereits in der Kindheit: Von fast allen Krankheiten sind Kinder aus sozial schwachen Familien häufiger betroffen. Die Frage, wie Wege aus solch prekären Lebenswelten gefunden werden können, stand im Mittelpunkt des Berliner Kongresses. „Wir brauchen Projekte und Regelangebote, die Gefährdungen früh erkennen und Menschen in schwierigen Lebensssituationen kompetent fördern“, erklärte BZgA-Direktorin Dr. med. Elisabeth Pott. Rund 2 800 solcher Projekte und Angebote bundesweit werden seit 2001 in einer Datenbank gesammelt, die im Rahmen des nationalen Kooperationsverbundes „Gesund­heits­förder­ung bei sozial Benachteiligten“ aufgebaut wurde. 42 Kooperationspartner (Ärzteorganisationen, Bundes- und Landesvereinigungen für Gesundheit, Krankenkassen, Wohlfahrtsverbände) beteiligen sich an dem von der BZgA initiierten Verbund.
Eine wichtige Rolle spielen dabei die „regionalen Knoten“: Koordinierungsstellen für Präventionsprojekte, die es inzwischen in 15 Bundesländern gibt. In den meisten Ländern werden sie von den Landesvereinigungen für Gesundheit getragen und von gesetzlichen Krankenkassen und teilweise auch von der BZgA finanziert. Damit die Arbeit der regionalen Knoten gesichert werden kann, „brauchen wir in jedem Bundesland eine gemeinsame Finanzierung vom Land und allen gesetzlichen Kassen und möglichst auch von den privaten Krankenkassen“, forderte Dr. jur. Hans-Jürgen Ahrens, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands bei dem Kongress.
Das Verbundprojekt arbeitet nach dem „Good-Practice-Ansatz“: Gute Projekte sichtbar machen und in die Fläche bringen. 33 als besonders gut bewertete Projekte sind auf der Internetplattform veröffentlicht: (www.gesundheitliche-chancen gleichheit.de). Der BKK-Bundesverband, der mit der 2003 gestarteten Initiative „Mehr Gesundheit für alle“ bei der Gesund­heits­förder­ung von sozial Benachteiligten besonders aktiv ist, hat im Rahmen des Kongresses Präventionsprojekte „guter Praxis“ ausgezeichnet: Das Projekt „Waldameisen“ der Kita „Storchennest“ im brandenburgischen Cottbus bringt sozial benachteiligten Kindern im Vorschulalter den Lebensraum Wald nahe. „Connect“ vernetzt im sozial schwachen Hamburger Stadtteil Osdorf Hilfen für Kinder aus suchtbelasteten Familien. „Schutzengel e.V.“ in Flensburg bietet alleinerziehenden Müttern mit Säuglingen und Kleinkindern niedrigschwellige Hilfen durch Familienhebammen, Kinderbetreuung und Elterntreffpunkte.
Bedürftig trotz Vollzeitbeschäftigung
Damit es erst gar nicht zu sozialer Benachteiligung und damit häufiger verbundenem schlechten Gesundheitszustand kommt, müsse sich arbeitsmarktpolitisch einiges ändern, forderte Bury von der Bremer Arbeitnehmerkammer. Derzeit seien die Löhne so niedrig, dass viele Arbeitnehmer ergänzende Hilfen aus dem Arbeitslosengeld (ALG) II in Anspruch nehmen müssten. Darunter befänden sich auch Vollzeitbeschäftigte. Allein in Bremen habe sich die Zahl der ALG-II-Empfänger von Juni 2005 bis Juni 2006 von 52 811 Personen auf 56 690 Personen erhöht. „Bedürftigkeit trotz Arbeit ist also längst Realität“, befand Bury. Besonders stark betroffen seien Frauen, weil sie häufiger als Männer im Niedriglohnsektor arbeiten oder deren Teilzeitstelle durch die Reformen auf dem Arbeitsmarkt in Mini-Jobs umgewandelt worden sind. „Armut“, unterstrich die Gesundheitsreferentin, „hat ein Geschlecht“. Die Forderung der Arbeitnehmerkammer: Die Politik müsse einen gesetzlichen Mindestlohn einführen, der die fortlaufende „Prekarisierung“ der Erwerbsarbeit unterbinde – und damit auch gesundheitliche Prävention betreibe.
Petra Bühring, Martina Merten
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