ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2006Zertifizierte Online-fortbildungen: Werbung durch die Hintertür

THEMEN DER ZEIT

Zertifizierte Online-fortbildungen: Werbung durch die Hintertür

Dtsch Arztebl 2006; 103(50): A-3390 / B-2948 / C-2828

Florack, Christiane; Waltering, Andreas

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LNSLNS Selbst bei Fortbildungsangeboten ohne direkte Werbung bilden häufig Produkte des Sponsors den Schwerpunkt der Lerneinheit.

Foto: Joker
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Mit dem GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) wurden die Vertragsärzte und die am Krankenhaus tätigen Fachärzte zum Fortbildungsnachweis verpflichtet. Dessen Verknüpfung mit dem Fortbildungszertifikat der Ärztekammern hat zur Folge, dass dort immer mehr Anträge zur Anerkennung von Fortbildungsveranstaltungen gestellt werden. Um diese zu erhalten, ist der Veranstalter verpflichtet, die Fortbildung so zu gestalten, dass sie der (Muster-)Satzungsregelung Fortbildung und Fortbildungszertifikat, den „Empfehlungen für ärztliche Fortbildung“ sowie dem Berufsrecht genügt. Alle drei Regelwerke enthalten die Forderungen, dass eine Fortbildungsmaßnahme frei von wirtschaftlichen Interessen und dass der Inhalt unabhängig sein müssen.
Die große Anzahl der Anträge führt dazu, dass die Prüfung sich oftmals nur auf formale Kriterien beschränken kann. Ob in den einzelnen Fortbildungen Inhalte jenseits der evidenzbasierten Medizin vermittelt werden, ist nur mit erheblichem logistischem Aufwand seitens der Ärztekammern überprüfbar.
Neben den traditionellen Weiter- und Fortbildungsveranstaltungen spielen multimediale und interaktive, internetbasierte CME-Angebote eine immer größere Rolle. Hier wurde durch die Kategorie D für die strukturierte interaktive Fortbildung via Printmedien, Online-Medien und audiovisuelle Medien mit nachgewiesener Qualifizierung und Auswertung des Lernerfolgs in Schriftform die Möglichkeit geschaffen, Fortbildungspunkte zu erwerben.
Eine 2005 im JAMA veröffentlichte randomisierte kontrollierte Studie (1) zeigt, dass ein interaktives Online-CME-Fortbildungsmodul hinsichtlich des Lernerfolgs einem Seminar in einer Kleingruppe nicht unterlegen ist. Damit bieten diese Module dem Arzt eine gute Möglichkeit, sich unabhängig von Zeit und Ort fortzubilden.
Unabdingbarer Anspruch an eine solche Fortbildung ist eine hohe inhaltliche Qualität der vermittelten Informationen. Dies beinhaltet die Weitergabe von validem, evidenzbasiertem Wissen, das frei von wirtschaftlichen Interessen Dritter präsentiert wird. Wird die Unabhängigkeit der Fortbildungsinhalte von kommerziellen Interessen, wie sie nach den Regelwerken der Ärztekammern und auch nach dem Sozialgesetzbuch gefordert ist, von den Anbietern nicht erfüllt, erhöht sich das Potenzial zur Beeinflussung der Ärzte durch entsprechende, zu Werbezwecken missbrauchte CME-Module.
Um einen Einblick in das kostenfreie zertifizierte Online-Fortbildungsangebot zu erhalten, wählten wir nach vorausgegangenen Recherchen im Rahmen einer stichprobenartigen Überprüfung im Oktober 2005 das Portal „Fortbildungspunkte-Online.de“ (2) vom MEDI-Verbund aus. Von dessen Internetseite hat man „verlinkt“ Zugang zu einer großen Auswahl von zertifizierten ärztlichen Fortbildungsangeboten. Unter dem Punkt „Fortbildungsrubriken – Internet kostenlos“ waren 36 Anbieter von CME-Fortbildungen aufgelistet, 34 konnten eingesehen werden. Die einzelnen Anbieter stellten zwischen einem und 45 verschiedene Fortbildungsmodule zur Verfügung, für die, bei erfolgreicher Bearbeitung, ein bis drei CME-Punkte vergeben wurden.
CME-Fortbildungen ohne erkennbare Beteiligung der Pharmafirmen (elf von 34 Anbietern) waren zahlenmäßig unterrepräsentiert. Hierbei handelte es sich meist um ins Internet gestellte Fortbildungseinheiten der Printmedien. Die Erfüllung formaler Qualitätskriterien, wie Reviewverfahren und Angabe von Interessenkonflikten, war für den Nutzer meist erkennbar.
Einschränkung der Themenauswahl
Bei 23 Anbietern wurde die Beteiligung von Pharmafirmen oder Medizinprodukteherstellern entweder in Form eines reinen Sponsorings angegeben, oder die Erstellung der angebotenen Fortbildungsmodule erfolgte direkt durch Mitarbeiter der Pharmafirmen beziehungsweise mittelbar durch von den Firmen beauftragte Verlage, Institute oder Medienagenturen.
So wurde etwa die Internetseite einer dermatologischen Fachgesellschaft, die das Fortbildungsmodul enthielt, von 38 verschiedenen Pharmafirmen und Medizinprodukteherstellern gesponsert, das angebotene Modul war aber frei von Produktwerbung.
Bei von einem endokrinologischen Forschungsinstitut erstellten Fortbildungseinheiten traten ebenfalls mehrere Pharmafirmen als Sponsoren auf. Beim Öffnen der Module wurde man obligat auf pharmaeigene Seiten verlinkt, die Angabe von Name und Adresse der Nutzer und deren Speicherung durch die beteiligten Pharmafirmen war eine unumgängliche Voraussetzung für die weitere Durchführung der Fortbildung. Eine widerrechtliche Produktwerbung selbst war nicht offensichtlich.
In einer Fortbildungseinheit zu magensäurebedingten Erkrankungen, die im Auftrag eines Generikaherstellers angeboten wurde, wurde der Leser allein über den von dieser Firma vertriebenen Protonenpumpenhemmer ausführlich informiert, wohingegen andere Präparate lediglich namentlich genannt wurden.
In einer Fortbildungseinheit einer Hersteller-Informationsschrift zur Volumenersatztherapie fand sich offensichtliche Werbung für ein Produkt dieses Herstellers. Die 15 Fortbildungsmodule eines weiteren Anbieters wurden von neun verschiedenen Pharmafirmen und einem medizinischen Journal gefördert. Hier wurde der jeweilige Sponsor auf jeder Fortbildungsseite namentlich genannt mit der Option der direkten Verlinkung zu der entsprechenden Pharmafirma.
Häufig Produkte des Sponsors im Vordergrund
Mit Ausnahme von zwei Online-Fortbildungseinheiten war bei 21 Anbietern eine direkte Verbindung von produktbezogener Information zu dem Präparat des jeweiligen Herstellers/Sponsors erkennbar. Unter anderem wurde der größte Teil einer Lerneinheit zum Thema „Neue Ansätze in der Asthmatherapie“ von der Beschreibung einer Therapieoption mit einem Produkt des Sponsors eingenommen, welches für diese Indikation noch gar nicht zugelassen war. Dieser Umstand fand zwar Erwähnung, der edukative Wert der Fortbildungseinheit wurde jedoch durch diese Gewichtung deutlich eingeschränkt.
Auch bei den übrigen überprüften Fortbildungsmodulen fiel auf, dass häufig Produkte des Sponsors den Schwerpunkt der Lerneinheit bildeten, auch wenn keine direkte Werbung erkennbar war. Insbesondere wurden neue, häufig noch nicht ausreichend validierte Therapieoptionen vorgestellt.
Ob es sich bei den oben genannten Beispielen um eine nach dem Sozialgesetzbuch widerrechtliche Produktinformation handelt, ist aufgrund von formalen Kriterien meist schwer zu entscheiden. Nach den Empfehlungen der Bundes­ärzte­kammer zur ärztlichen Fortbildung ist eine objektive Produktinformation nach wissenschaftlichen Kriterien durch die pharmazeutische Industrie zulässig (Kasten).
Bei der überwiegenden Anzahl der von Pharmafirmen gesponserten Fortbildungen waren Fortbildungsthemen, die nicht direkt oder indirekt für das jeweilige Unternehmen von wirtschaftlichem Interesse waren, unterrepräsentiert. Die hierdurch bedingte Selektion der angebotenen Fortbildungsthemen und insbesondere die zunehmende Fokussierung auf neue, zum Teil noch nicht ausreichend validierte oder nicht zugelassene Therapieoptionen führten bei diesen Stichproben zu einer deutlichen Verminderung der praxisrelevanten Inhalte. Ein Missbrauch zu Werbezwecken kann hier nicht ausgeschlossen werden.
Zu wünschen wäre ein zunehmendes Angebot an validen, qualitativ hochwertigen Online-Fortbildungsmodulen, bei dem sowohl die Themenauswahl als auch die inhaltliche Gestaltung unabhängig von wirtschaftlichen Interessen erfolgen.
Christiane Florack, Andreas Waltering
DIeM – Institut für evidenzbasierte Medizin, Köln
E-Mail: c.florack@di-em.de
Literatur
1. Fordis M, King JE, Ballantyne CM et al.: Comparison of the Instructional Efficacy of Internet-Based CME With Live Interactive CME Workshops. JAMA 2005; 294: 1043–51.
2. http://www.fortbildungspunkte-online.de/ Zugriff September/Oktober 2005


Fortbildungsempfehlungen

(herausgegeben von der Bundes­ärzte­kammer)
C – 3 Unabhängigkeit der ärztlichen Fortbildung
Die Inhalte ärztlicher Fortbildung müssen unabhängig von kommerziellen, gesundheitsökonomischen oder werbenden Interessen Dritter sein. Objektive Produktinformation nach wissenschaftlichen Kriterien, zum Beispiel durch die pharmazeutische Industrie, ist zulässig.
Eine Sponsortätigkeit darf Form und Inhalt der Fortbildungsmaßnahme nicht beeinflussen.
Pharmasponsoring wird durch eine Selbsterklärung transparent gemacht. Bei der Antragstellung wird folgender Passus vom Antragsteller unterzeichnet: „Wir versichern hiermit ausdrücklich, dass die Referenten bei der Präsentation der Themen unabhängig sind und dass die Darstellung der Fortbildungsinhalte produktneutral ist. Entsprechend den ,Empfehlungen der Bundes­ärzte­kammer zur ärztlichen Fortbildung‘ entstehen den Zuhörern bei dieser Veranstaltung keine geldwerten Vorteile.“
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